| 17:08 Uhr

Militär
Mit Robotern auf Bombensuche

Auf einem Bildschirm verfolgt der Soldat die Erkundungstour seines Roboters. Mit dem Joystick kann er ihn steuern.
Auf einem Bildschirm verfolgt der Soldat die Erkundungstour seines Roboters. Mit dem Joystick kann er ihn steuern. FOTO: Christian Altmayer / TV
Spangdahlem. Soldaten aus sechs Nationen haben an einem Training auf der Air Base Spangdahlem teilgenommen. Üben sollten sie die Entschärfung von Sprengsätzen. Was sie hier lernen, könnte den Truppen im Auslandseinsatz das Leben retten. Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

„Fire in the hole“, ruft der Soldat. Es ist eine Warnung, die so viel bedeutet wie: „Gleich wird es brennen.“ Seine Kameraden gehen rückwärts von der Plastikplane weg, die wenige hundert Meter entfernt im Schnee liegt. Denn gleich wird der Sprengsatz, der darunter liegt, explodieren. Schuld ist eine Kabeltrommel, die zwei Soldaten aufwickeln. Die gelbe Leitung, ein sogenanntes „Shock tube“, auf Deutsch: Schockrohr, führt von ihnen zur Plane. Es ist gefüllt mit Sprengstoff. Der Mann in der Tarnuniform drückt den Zünder. Dann knallt es. In der Luft liegt ein Geruch, den man vom Silvesterfeuerwerk kennt.

Und wie in der Nacht zum neuen Jahr wird es an diesem Tag zwar zuweilen laut, aber nicht wirklich gefährlich. Denn scharfer Zündstoff kommt auf der Air Base Spangdahlem heute nicht zum Einsatz. Zehn Tage lang trainieren Soldaten des militärischen Kampfmittelräumdienstes auf dem Flugplatz für den Ernstfall. Insgesamt 35 Soldaten aus den USA, Deutschland, Tschechien, Schweden, Belgien und den Niederlanden sind dafür angereist. An verschiedenen Stellen auf dem Flugplatz sollen sie das Entschärfen von Minen, Bomben und anderen Sprengkörpern üben.

Einer schafft und zwei schauen zu: Der Roboter entschärft einen Sprengsatz. Die Rakete daneben hat er schon unschädlich gemacht. Bei einem echten Einsatz müssten die Soldaten währenddessen in sicherem Abstand warten.
Einer schafft und zwei schauen zu: Der Roboter entschärft einen Sprengsatz. Die Rakete daneben hat er schon unschädlich gemacht. Bei einem echten Einsatz müssten die Soldaten währenddessen in sicherem Abstand warten. FOTO: Christian Altmayer / TV

Eingeladen hat sie die Einheit „Explosive Ordinance Disposal Flight“, kurz EOD, die auf dem Eifeler Militärgelände stationiert ist. Ihr Captain Jon Gray fasst die Idee hinter der Aktion so zusammen: „Unser Job ist gefährlich.“ Der Austausch diene dazu, herauszufinden, welche Taktik funktioniere und welche nicht. Dabei können und sollen sich Soldaten auch etwas von den Verbündeten abschauen. Im Einsatz können diese Techniken über Leben und Tod entscheiden.

Gleich knallt’s: US-Marines bereiten das „Shock tube“ vor - ein mit Sprengstoff gefülltes Kabel.
Gleich knallt’s: US-Marines bereiten das „Shock tube“ vor - ein mit Sprengstoff gefülltes Kabel. FOTO: Christian Altmayer / TV

Dazu haben die Organisatoren 16 Szenarios zusammengestellt. Mal sollen die Teams eine Geisel von einer Sprengstoffweste befreien, mal sollen sie – wie eingangs beschrieben – eine kontrollierte Explosion herbeiführen. Manche der Missionen sind realen Ereignissen nachempfunden, zum Beispiel dem Bombenanschlag auf den Boston-Marathon 2013. Manche – besonders herausfordernde Übungen – haben sich die Veranstalter ausgedacht.

Jeder Entschärfer-Trupp begegnet diesen mit eigenen Vorgehensweisen und Strategien. Wer sich austausche, könne so von den Erfahrungen der anderen profitieren, erklärt Gray. Und so kommt es, dass heute Truppen aus gleich drei Nationen an einem Ort trainieren. Ein tschechisches, ein amerikanisches und ein deutsches Team teilen sich ein Gelände am Rand der Air Base.

Dort sitzt ein Mann auf der Ladefläche eines Trucks im Bundeswehr-Flecktarn. Mit einer Art Joystick manövriert der Deutsche einen Roboter, der einige hundert Meter entfernt durch den Schnee rollt. Die Steuerung erinnert an die eines Baukrans. Auf einem Bildschirm kann der Mann der Maschine über die Schulter schauen. Eine Kamera sitzt am Greifarm des Apparates. So muss der Uniformierte sich bei der Suche nach verdächtigen Objekten nicht selbst in Gefahr bringen. Solche Roboter kommen auf Missionen der Entschärfungstrupps häufig zum Einsatz. Sie werden etwa in gesicherte Waffenlager oder Bombenlabors geschickt. Wenn dort ein Sprengsatz hochgeht, wird so nur eine Maschine zerstört und kein Menschenleben.

Heute geht nichts hoch – auch nicht bei den Tschechen. Der Roboter, den die osteuropäischen Truppen steuern, macht sich an einer Raketen-Abschuss-Rampe zu schaffen. Solche Modelle werden etwa von den afghanischen Taliban eingesetzt. Das Geschoss selbst hat der Apparat  unschädlich gemacht. Es liegt nutzlos neben dem Podest. Jetzt gräbt der Blechkamerad in der Erde nach einem Sprengsatz, der die Raketen-Attrappe sichern soll.

Mit dem Greifarm hebt er einen Steinbrocken an und legt ihn beiseite. Darunter kommt ein Kabel zum Vorschein, an dem eine Büchse hängt. Die Maschine zieht die Leitung heraus. Der Sprengsatz ist entschärft. Wäre er losgegangen, hätte der angeschlossene Lautsprecher Alarm geschlagen. Durch das Signal wissen die Soldaten, wenn sie beim Training einen Fehler gemacht haben – einen Fehler, der im Ernstfall tödlich enden kann oder zumindest fatal für den Roboter. Damit den Soldaten das draußen  nicht passiert, wird bis kommenden Mittwoch weiter geübt. Dann steht die Abreise und womöglich der nächste Auslandseinsatz an, wo es dann wieder echte Bomben und Minen zu entschärfen gilt. Manche der Einheiten werden danach wiederkommen nach Spangdahlem.

 Das schließt auch das 130. Panzerbataillion aus Minden, Nordrhein-Westfalen, ein. Die deutschen Kampfmittelräumer waren schon bei der Erstauflage der Trainingswoche 2016 dabei und nehmen in diesem Jahr zum dritten Mal teil. Das Fazit des Hauptmanns: „Die Übung bietet einen großen Erfahrungsgewinn.“ Außerdem entstünden Netzwerke, Partnerschaften würden vertieft. Vergleichbare Kooperationen gebe es bundesweit selten. Die Zusammenarbeit der Alliierten soll sich aber in Zukunft weiter entwickeln, kündigt der Offizier an: „auch beim Kampfmittelräumdienst.“ So wolle sich die Bundeswehr künftig an der Organisation der Trainingswoche beteiligen.