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Stadtentwicklung
Die Bitburger Klötze-Debatte

Mitten in der Stadt: ein Mehrfamilienhaus in direkter Nachbarschaft zum St. Willibrord Gymnasium Bitburg.
Mitten in der Stadt: ein Mehrfamilienhaus in direkter Nachbarschaft zum St. Willibrord Gymnasium Bitburg.
Bitburg. Was dem einen gefällt, ist dem nächsten ein Dorn im Auge. Einen Eindruck davon, wie verschieden die Geschmäcker beim Bauen sind, geben Neubaugebiete landauf und landab – natürlich auch in Bitburg. Von Dagmar Schommer
Dagmar Schommer

Da steht das „Schloss“ mit Erkern und Türmchen neben dem Objekt mit ausladendem Schwarzwaldhaus-Balkon oder der „Villa Toscana“ mit Säulen vor dem Hauseingang. Diese Bespiele zeigen: Kein Einfamilienhaus gleicht dem anderen. Und das gleiche gilt auch für Mehrfamilienhäuser. Letztere aber sind im Bauausschuss und Stadtrat in Verruf geraten, seit sich 2014 in der Nordstadt Widerstand gegen ein solches Gebäude geregt hat, da es nach Ansicht einiger Nachbarn nicht zu den Spitzgiebelhäuschen passt, die dort links und rechts von der Grundschule samt großer Turnhalle stehen.

Eine ähnliche Debatte gab es, als in der Mötscher Straße das so genannte Conrady-Haus abgerissen wurde, wo nun ein Mehrfamilienhaus mit 20 Einheiten entsteht. Inzwischen wird auf Wunsch von SPD, Grünen und FDP ein städtisches Baugebiet nach dem nächsten überplant mit dem Ziel, es Investoren unmöglich zu machen, Mehrfamilienhäuser in gewachsene Wohngebiete mit bis dato eher kleinteiliger Bebauung zu setzen.

Ein neues Level hat die Bitburger Klötze-Panik erreicht, als der Bauausschuss vergangene Woche entschied, dass selbst beim Neubaugebiet „Messenhöh’“, wo kein Mehrfamilienhaus eine „gewachsene Bebauung“ stören würde, weil es dort ja noch nichts gibt, Mehrfamilienhäuser aber schon mal auf jeden Fall von vorneherein ausgeschlossen sein sollen. Gleichzeitig soll dort aber „bezahlbarer Wohnraum“ entstehen (der TV berichtete).

Eine Entscheidung, die auch auf unserer Seite „Facebook Bitburg“ diskutiert, wird. Die Idee, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und neue Wohnformen auszuprobieren, kommt bei den Kommentatoren auf unserer Facebook-Seite an. Auch Fragen der Architektur sind Thema.

Peter Liptau schreibt: „Einfamilienhäuser sind zu 90 Prozent eine optische Zumutung. Da kann man froh sein, wenn bei einem Mehrfamilienhaus der Individualisierungswut der Geschmacklosen Einhalt geboten wird.“ Für Heiko Jakobs (Ortsvorsteher von Mötsch) wiederum ist klar, dass es in Bitburg auch größere Mehrfamilienhäuser geben muss. Er sagt: „Es geht doch hier nicht um die Frage, ob wir in Bitburg Geschosswohnungsbau brauchen, sondern: wo?“

Marco Hompes findet: „Mehrfamilienhäuser sind innerstädtisch und innenstadtsnah sicher sinnvoll. Sinnvoll wären auch städtische Gestaltungsrichtlinien, damit nicht nur effiziente Klötze gebaut werden.“ Sein Vorschlag für alle, die lieber ein großes Haus wollen, als eine Wohnung mitten in der Stadt: „Es gibt in den Dörfern ringsum wunderschöne Bauernhäuser.“

Christian Baumann verweist auf Angebot und Nachfrage: „Die Eigentumswohnungen in diesen ‚Klötzen’ gehen ja aber weg wie nix. Da ist es auch kein Wunder, dass immer mehr davon gebaut werden.“ Und Helmut Fink wiederum argumentiert, dass die Gestaltung eines Gebiets mit Grünflächen wichtiger ist, als die Zahl der Geschosse oder Wohneinheiten. Er sagt: „Jedes bebaute Quartier braucht neben der guten Architektur eine gute Umfeldgestaltung und Zonen mit Aufenthaltsqualität in Kombination mit Baum- und Heckenbepflanzungen. Da spielt die Geschossigkeit erst die zweite Geige.“

Mitten auf dem Land: ein saniertes Bauernhaus in Bettingen, das dieses Jahr mit dem Baukulturpreis ausgezeichnet wurde.
Mitten auf dem Land: ein saniertes Bauernhaus in Bettingen, das dieses Jahr mit dem Baukulturpreis ausgezeichnet wurde. FOTO: TV / Dagmar Schommer