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Stadtentwicklung
Die ungeliebten „Klötze“

Die „bösen“ Mehrfamilienhäuser in Bitburg: Es gibt welche mit Satteldach wie hier am Pintenberg...
Die „bösen“ Mehrfamilienhäuser in Bitburg: Es gibt welche mit Satteldach wie hier am Pintenberg... FOTO: TV / Dagmar Schommer
Bitburg. In Bitburg wird ein Neubaugebiet in Kernstadtlage geplant. Aber Mehrfamilienhäuser sollen dort Tabu sein. Das jedenfalls ist die Meinung im Bauausschuss – Nahverdichtung hin oder her. Von Dagmar Schommer
Dagmar Schommer

Manche gefallen einem besser, andere weniger. Die Antworten darauf, was ein schönes Haus ist, sind so verschieden wie die Menschen. Alles Geschmackssache halt. Umso überraschender, dass im Bitburger Bauausschuss alle offenbar den gleichen Geschmack haben. Nicht unbedingt bei der Frage nach dem, was eine gute Architektur auszeichnet. Aber was ein hässliches Haus ist, darin sind sich die Mitglieder fraktionsübergreifend einig: Mehrfamilienhäuser.

„Klötze“ oder „Schuhkartons“ werden Mehrfamilienhäuser in dem Gremium genannt. Und weil diese als hässlich empfunden werden, bemühen sich Bitburgs Kommunalpolitiker, solche Mehrfamilienhäuser, wo irgend möglich, zu verhindern. So werden für Wohngebiete in der Kernstadt Bebauungspläne aufgestellt, um sicherzustellen, dass dort, sollten mal Einfamilienhäuser zum Verkauf stehen, auf keinen Fall nach einem Abriss größere und höhere Häuser gebaut werden dürfen.

Höhen und Geschosszahl werden begrenzt und Dachformen festgelegt. Gerne gesehen sind Satteldächer, Flachdächer gerieten in Folge der „Klötze“-Debatte in Verruf (der TV berichtete). Bislang ging es vor allem darum, dass größere Gebäude sich eben nicht in jedes Umfeld harmonisch einfügen. In der jüngsten Sitzung des Bauausschusses am Mittwochabend erreichte die Debatte eine neue Stufe.

Nun sollen Mehrfamilienhäuser auch in einem Neubaugebiet Tabu sein, das die Stadt zwischen Messenweg und Leuchensang an der B 257 plant. Übrigens beides Wohngebiete, wo es bereits größere Mehrfamilienhäuser gibt. In dem Neubaugebiet „Messenhöh’“ am nördlichen Rand der Kernstadt soll das aber nach Wunsch und Beschluss des Bauausschusses anders sein. Wieso, weshalb, warum? Keine Fraktion kann sich mit „den Klötzen“ anfreunden.

Vorgesehen war das so nicht. Das Büro Karst Geodata Bitburg hatte einen groben Plan entwickelt, wie man das Neubaugebiet gestalten könnte. Die Idee: Entlang der B 257 könnten zwölf Mehrfamilienhäuser entstehen und verteilt auf das übrige Gebiet etwa 35 Einfamilienhäuser mit kleinen Gärten. Doch dieser Plan kam nicht an.

Margret Berger (SPD) stellte gleich die Frage „Brauchen wir überhaupt so große Häuser?“ Und die Antwort kam prompt von der FPD, für die Patric Nora sagte: „Ich sehen keinen Bedarf für Mehrfamilienhäuser.“ Und er erklärte auch warum: „Was wir da für eine Qualität bekommen, wissen wir doch inzwischen alle.“ Und schon waren sie wieder im Gespräch, „die Klötze“. Auch Jürgen Weiler (CDU) vertrat die Meinung, dass Mehrfamilienhäuser in dieses Wohngebiet nicht passen: „Mehrfamilienhäuser sehe ich da nicht.“

Dass Ralf Karst, Leiter des Büros, noch etwas zu Stadtentwicklung und dem Prinzip der Verdichtung sagte, interessierte da schon keinen mehr. Sein Standpunkt: „Wir sollten weg von einer reinen Ausrichtung auf Einfamilienhäuser.“ Aber der stieß im Bauausschuss auf keine Resonanz.

Für die SPD ist klar, dass „mehrgeschossiger Wohnungsbau“ nur als sozialer Wohnungsbau denkbar ist. Eine Idee, die auch den Grünen gefällt, die aber von „bezahlbarem Wohnbau“ sprechen. Stefan Strupp verwies noch auf die Housing, wo noch viel Potenzial zum Wohnen und Bauen ist, und erklärte, dass im Bitburger Land schon jetzt die Angst umgehe, die Dörfer könnten ausbluten – und ob Bitburg nicht grundsätzlich zu viel Wohnraum schaffe. Dem widersprach Peter Berger (Grüne): „Das Umland profitiert von einer starken Stadt.“

Bürgermeister Joachim Kandels erklärte noch kurz den Hintergrund der Pläne für die „Messenhöh’“: „Wir haben aktuell außer vereinzelten Grundstücken in den Stadtteilen nicht mehr anzubieten.“ Zur Diskussion um die Mehrfamilienhäuser sagte er nichts.

Weiler geriet kurz in Rage. Beklagte, dass es in der Stadt einfach zu viele Projekte gebe, die „so vor sich hin dümpeln“, und man bei der Geschwindigkeit frühestens 2028 auf der „Messenhöh’“ anfangen könnte zu bauen. Deshalb forderte er einen Zeitplan und drängte auf einen Beschluss, der dann auf Weilers Vorschlag hin folgenden Kern enthält:

Die Stadt Bitburg beabsichtigt, das Neubaugebiet „Messenhöh’“ selbst zu entwickeln. Dort soll „bezahlbarer Wohnraum“ entstehen, Reihenhäuser zum Beispiel mit kleinen Gärten – aber keine Mehrfamilienhäuser. Das wurde einstimmig abgesegnet. Neue Pläne für das so definierte Gebiet sollen noch vor Weihnachten vorliegen.

...oder mit Flachdach wie in der Heinrichstraße...
...oder mit Flachdach wie in der Heinrichstraße... FOTO: TV / Dagmar Schommer
oder mit farblich abgesetzter Fassade wie im Neubaugebiet Neuerburger Straße. Für den Bauausschuss sind sie alle gleich – nämlich hässlich.
oder mit farblich abgesetzter Fassade wie im Neubaugebiet Neuerburger Straße. Für den Bauausschuss sind sie alle gleich – nämlich hässlich. FOTO: TV / Dagmar Schommer