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"Diese Tragödie hätte nicht passieren dürfen"

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Bitburg. Fünf Stunden lang hat ein Patient des Bitburger Marienkrankenhauses nachts in seinem Krankenbett auf ärztliche Hilfe warten müssen - wenige Tage später ist er gestorben: So berichtet es ein Zimmernachbar des Mannes (der TV berichtete). Der TV hat den Zeugen nun zu einem persönlichen Gespräch getroffen. Marek Fritzen

Bitburg. Eins betont Richard S. (Name von der Redaktion geändert) direkt zu Anfang: Das, was er jetzt sage, sei keinesfalls übertrieben, es habe sich genau so zugetragen. "Mich beschäftigt das alles sehr, ich werde wütend, wenn ich daran denke - diese Tragödie hätte so nicht passieren dürfen", sagt der 70-Jährige. Richard S. hat gerade einen knapp zweiwöchigen Aufenthalt im Bitburger Marienkrankenhaus hinter sich. Die Zeit zwischen dem 4. und 16. März muss er als Patient auf Station eins des Klinikums verbringen. Der Grund: eine doppelseitige Lungenentzündung. Diese hat S. mittlerweile überstanden. Seinen Krankenhausaufenthalt vergisst er dennoch nicht.
Der Grund: S. war nach eigenen Angaben Bettnachbar des am 11. März unter rätselhaften Umständen im Marienkrankenhaus verstorbenen Patienten, dem trotz mehrfacher Betätigung des Alarmknopfes erst nach fünf Stunden ein Arzt zur Hilfe gekommen sein soll (der TV berichtete am 31. März).
Am Dienstagmittag hat sich der 70-Jährige dazu bereit erklärt, dem Trierischen Volksfreund seine Sicht der Dinge in einem persönlichen Gespräch zu schildern. "Ich bringe das alles an die Öffentlichkeit", erklärt S., "weil ich will, dass sich an den Zuständen im Marienkrankenhaus etwas ändert. Es muss doch gewährleistet sein, dass den Patienten, die ins Krankenhaus kommen, um Hilfe zu erhalten, auch entsprechend geholfen wird - diese Tragödie muss aufgeklärt werden."
Das Erlebte schildert der Eifeler wie folgt: Er kommt am Mittwoch, 4. März, aufgrund schwerer Atemnot ins Krankenhaus. Nach der Notaufnahme landet er auf Station eins. Wenige Tage wird Josef O. (Name ebenfalls geändert) in S.\' Zimmer verlegt. "Er machte einen guten Eindruck, ging am Nachmittag sogar rund um das Krankenhaus spazieren."
In der Nacht vom 8. auf den 9. März allerdings geht es O. gegen drei Uhr plötzlich schlechter. "Er hatte akute Luftnot, daher drückte ich sofort den Rufknopf am Bett", berichtet S. Umgehend sei auch eine Nachtwache im Zimmer erschienen. "Sie stellte fest, dass es O. nicht gut ging, und verließ das Zimmer wieder mit der Ankündigung einen Arzt zu rufen." Doch erstmal, so sagt es S., sei nichts passiert.
"Sein Zustand verschlechterte sich zusehends - daher rief ich wieder nach Hilfe, da er zu ersticken drohte." Wieder sei die Nachtschwester gekommen. Diesmal mit dem Rat, zu inhalieren. "Und sie versprach beim Rausgehen erneut, den Arzt zu rufen - vergebens."Dritter Patient bestätigt Vorfall


So sei es immer weitergegangen. Der Zustand des 72-Jährigen habe sich zusehends verschlechtert. Mindestens zwölf Mal habe er in dieser Nacht die Klingel betätigt, ohne dass ein Arzt im Zimmer zu sehen gewesen sei.
Erst als O. gegen acht Uhr am Morgen zusammengebrochen und blau angelaufen sei, seien plötzlich mehrere Ärzte ins Zimmer gestürzt. "Da waren dann fünf Stunden vergangen - wie kann das sein?", fragt S.
O. wird daraufhin auf die Intensivstation verlegt, wo er am 11. März an Herzinfarkt und Nierenversagen gestorben ist. Ein zweiter Patient, der ebenfalls mit im Zimmer lag, bestätigt S.\' Aussagen.
"Dem Pflegepersonal kann ich absolut keine Vorwürfe machen", betont S. Auch mit den Ärzten habe er persönlich während seines Aufenthalts keine schlechten Erfahrungen gemacht. Der Rentner betont: "Ich sehe die Fehler da eher bei der Führung des Krankenhauses."
S. will genau wie die Ehefrau des Verstorbenen keine Anzeige erstatten. "Darum geht es mir nicht", sagt der Mann. "Ich sage noch mal: Ich will, dass der Vorfall aufgeklärt wird."
Wie der Leitende Oberstaatsanwalt Peter Fritzen dem TV am Dienstag bestätigt, hat sich seine Behörde nach der Presseberichterstattung nun offiziell in den Fall eingeschaltet und Ermittlungen aufgenommen. Fritzen erklärt: "Durch die Ermittlungen soll geprüft werden, ob die in den Berichten beschriebenen Tatsachen zutreffen und ob es konkrete Anhaltspunkte für ein fehlerhaftes Verhalten im Zusammenhang mit dem Versterben eines Patienten im Klinikum Bitburg gibt."
Das Marienkrankenhaus schweigt am Dienstag zu den Vorfällen. "Der Fall wird weiterhin geprüft", sagt Herbert Frieling, Leiter der Stabsstelle Unternehmenskommunikation des Krankenhauses. Eine ursprünglich für Dienstagnachmittag geplante Pressekonferenz wurde mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wieder abgesagt.