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Drei Brachen und noch einiges mehr

In Arbeitsgruppen unterhalten sich die Bürger über Schwächen und Stärken ihrer Gemeinde. TV-Foto: Uwe Hentschel
In Arbeitsgruppen unterhalten sich die Bürger über Schwächen und Stärken ihrer Gemeinde. TV-Foto: Uwe Hentschel FOTO: Uwe Hentschel (uhe) ("TV-Upload Hentschel"
SPEICHER. Im Rahmen einer Ideen-Werkstatt werden in Speicher neue Nutzungsmöglichkeiten für die beiden stillgelegten Plewa-Werke und den ehemaligen Edeka-Markt gesucht. Ideen gibt es viele, doch damit alleine ist es nicht getan. Uwe Hentschel

SPEICHER "Wir haben eine Sisyphos-Aufgabe vor uns", sagt Detlef Lilier und schweift dann kurz in die griechische Mythologie ab. Er erzählt davon, wie Sisyphos versuchte, einen riesigen Stein den Berg hochzurollen und wie ihm dieser schwere Stein immer wieder aus den Händen rutschte und zurück ins Tal rollte. Eine Sisyphos-Aufgabe ist also eine Arbeit, die trotz aller Mühe nie zu dem ersehnten Ziel führt, weil man immer wieder scheitert. Sollte das tatsächlich auch auf Speicher zutreffen, so wäre es wahrscheinlich am besten, es erst gar nicht zu versuchen. Dann hätte man sich wenigstens die Arbeit gespart.

Doch dabei wollen sie es nicht belassen - weder die Bürger, die zur Ideen-Werkstatt ins Speicherer Rathaus gekommen sind, noch Detlef Lilier, dessen Planungsbüro Firu den Auftrag bekommen hat, diese Ideen-Werkstatt zu betreuen. Vielleicht gelingt es ja doch noch, den Stein bis ganz nach oben zu rollen. Einfach wird es allerdings nicht. Schließlich gibt es in Speicher gleich drei dieser Berge. Da wären zum einen die beiden Plewa-Werke, die stillgelegt wurden, und dann das seit Jahren ebenfalls brach liegende Gelände des ehemaligen Edeka-Marktes. Das Marktgelände, das derzeit als Stellplatz für Busse genutzt wird, ist gut 8000 Quadratmeter groß und damit die kleinste der drei Brachen.
Das Plewa-Werk I, das mitten im Ort liegt, misst rund 20 000 Quadratmeter, das am Stadtrand in Richtung Kylltal gelegene Werk II sogar 53 000 Quadratmeter. "Das sind gewaltige Bauwerke, die für einen Ort in dieser Größe eher untypisch sind", sagt Lilier, und ergänzt, dass für eine sinnvolle Umnutzung der beiden Werksflächen ein Abriss wahrscheinlich unvermeidbar sei. "Es ist wirklich sehr schade, dass wir hier wenig Bausubstanz haben, die wie noch erhalten können", so der Ingenieur. Zwar hätten die beiden Werke eine ganz besondere Ausstrahlung, doch seien die Baukörper zu gewaltig, um sie für andere Zwecke zu nutzen.

Dass man aber auch aus solchen Brachen etwas machen kann, zeigt Lilier am Beispiel der 13300-Einwohner-Gemeinde Saarwellingen. Dort wurde auf dem Gelände einer ehemaligen Dynamitfabrik der Campus Nobel geschaffen: ein künstlich angelegter See, umgeben von neuen Wohngebieten und modernen Gewerbebetrieben.
Auch dieses Projekt wurde von dem Planungsbüro Firu betreut. "Am Anfang haben alle gesagt: Ihr seid doch verrückt!", erzählt Lilier. Inzwischen aber sei der Campus heiß begehrt und sämtliche Baugrundstücke verkauft oder reserviert, sagt er.
Habe der Quadratmeterpreis der Baugrundstücke zu Beginn noch bei 80 Euro gelegen, so seien es jetzt bereits 180 Euro. Inwieweit sich ein solches oder ähnliches Modell auch auf Speicher übertragen lässt und ob das überhaupt gewünscht ist, darüber diskutieren die rund 30 Teilnehmer der Ideen-Werkstatt an drei Arbeitstischen.
Am ersten Tisch geht es um das Plewa-Werk I, am zweiten um Werk II sowie den ehemaligen Edeka und an Tisch 3 um das Thema Leben und Wohnen in Speicher. Denn nach Auffassung der Planer gehört zur Suche nach neuen Nutzungsmöglichkeiten für die drei Brachen auch der Blick auf die gesamte Situation im Speicherstädtchen. Deshalb werden zunächst sämtliche Stärken und Schwächen analysiert.

Zu den Stärken zählt für die Speicherer unter anderem der gute Zusammenhalt in der Gemeinde, die ländliche Wohngegend sowie die ausreichende Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs. Was allerdings bemängelt wird, sind die zunehmenden Ladenleerstände, das allgemeine Stadtbild, die schlechte ÖPNV-Versorgung und auch die Wohnsituation.
So erzählt eine der Teilnehmerinnen, dass sie ein Jahr lang in Speicher auf der Suche nach einer kleinen Wohnung gewesen sei. Gerade für das am Ortsrand gelegene Werk II mit Blick aufs Kylltal wäre deshalb für viele eine wohnliche Nutzung durchaus eine Option.

Das könnten beispielsweise auch Mehrgenerationenhäuser oder aber Einrichtungen für betreutes Wohnen sein. Auch Gastronomie-Angebote oder aber Räume für junge Start-up-Unternehmen könnten sich die Speicherer dort gut vorstellen. Ideen werden an diesem Abend viele gesammelt.
Hinzu kommen außerdem die Vorschläge, die bereits in den vergangen Wochen während der Bürgerbefragung gesammelt wurden und nun als nächstes ebenfalls ausgewertet und auf ihre Machbarkeit hin überprüft werden. An Arbeit mangelt es Sisyphos also nicht. Jetzt muss er nur noch schauen, wie er damit auf den Berg kommt.