| 21:15 Uhr

Drei Pferde, zwei Männer und die Sau

FOTO: (m_wil )
Orenhofen/Wittlich. Vorne auf dem Kutschbock, mit dunklem Anzug, Fliege, Handschuhen und Zylinder: So kennt man Matthias Berg beim traditionellen Festzug der Säubrennerkirmes als Fahrer der Kutsche, die die Schweine zum Marktplatz liefert. In diesem Jahr fährt er zur Feier des Tages dreispännig, denn für ihn ist es die 30. Kirmesfahrt. Nora John

Orenhofen/Wittlich. Ein lauter Pfiff von Matthias Berg, und seine drei Pferde antworten sofort mit einem lauten Schnauben. Die drei Welsh-Araber kennen Berg, sie sind bei ihm geboren und aufgewachsen. Eines der Tiere, der Wallach Pedro, kam in dem Jahr auf die Welt, als Berg erstmals bei der Kirmes in Wittlich mitfuhr. Das jetzt 29-jährige Pferd ist immer noch fit und wird seinen 74-jährigen Besitzer auch in diesem Jahr bei der Kirmes ziehen. Es ist eins von zehn eigenen oder geliehenen Pferden, die in all den Jahren mit auf der Kirmes waren.
Ein paar Jahre jünger ist Michael Becker mit seinen 26 Jahren. "Den kenn ich schon, seit er so klein ist", sagt Berg und zeigt mit der Hand die Größe eines Kleinkindes an. Becker hat als Nachbarsjunge Freude an den Pferden und fährt mittlerweile schon seit 15 Jahren auf dem Kutschbock mit.
Doch wie kommt ein Pferdebesitzer aus Orenhofen nach Wittlich zur Kirmes? Sozusagen "entdeckt" wurde Berg beim Fastnachtsumzug in Gladbach. Dort hatte ihn der damalige städtische Mitarbeiter angesprochen, ob er nicht bei der Säubrennerkirmes die Schweine anliefern könne.
Und seitdem gehört Matthias Berg mit seinem Gespann zum Kirmesbild einfach dazu. Und seine Frau Elfriede kam auch mit. Sie half viele Jahre lang im Saubratenstand.
Doch hat sich im Lauf der Jahre einiges verändert. "Früher bin ich drei Tage gefahren", erzählt Berg. Die Schweine wurden damals am Bauhof vorgeröstet und dann auf dem Marktplatz zerlegt. Heute ist Berg mit seinem Gespann nur noch beim Festumzug am Samstag dabei, denn der Saubraten kommt heute schon fertig zerteilt auf den Kirmesplatz. Auch drei Bürgermeister hat er in dieser Zeit erlebt. "Der eine grüßte gar nicht, der andere war überfreundlich", berichtet Berg schmunzelnd.
Die ersten Vorbereitungen zur Kirmes beginnen für ihn bereits eine Woche vorher. Dann fährt der gelernte Schlosser und ehemalige Bundeswehrmitarbeiter seine Kutsche mit dem Traktor zum Bauhof nach Wittlich, wo sie für den Festumzug geschmückt wird. Die Pferde werden am Kirmes samstag mit dem Hänger nach Wittlich gebracht. Die Tiere sind schon seit vielen Jahren die Leidenschaft von Matthias Berg, der zu den Pferdefreunden Fidei gehört, einem Verein, der sich dem Freizeitreiten verschrieben hat. Seit 1970 besitzt er Pferde, bevorzugt eine Kreuzung aus Welsh-Ponies und reinrassigen Arabern. Und er ist mit den Tieren viel unterwegs. Neben dem jährlichen Einsatz bei der Kirmes fährt Berg auch häufig Brautpaare zur Hochzeit. Dafür nutzt er eine prächtige historische Kutsche, die sich auch bestens als Fotomotiv eignet. Außerdem ist Berg hoch zu Ross als St. Martin im Einsatz. Ein weiteres Hobby sind längere Touren mit dem Planwagen. So haben Berg und Becker beispielsweise im vergangenen Jahr einen Preis im Wanderreiten bekommen, als sie mit der Kutsche bis nach Offenburg in Tagesetappen von etwa 40 Kilometern unterwegs waren. Auch sonst sind die beiden in ganz Deutschland, vor allem aber in Bayern, mit zwei oder drei PS unterwegs. Passiert ist noch nie etwas mit den Pferden, auch wenn das Risiko nie ganz auszuschließen ist, wie der Orenhofener sagt. Wichtig ist aber vor allem eines: "Die Vertrauensbasis muss da sein". Bei seiner 30. Kirmes gibt es für Berg noch eine Premiere. Dieses Mal will er auch schon am Freitagabend beim Säubrennerfestspiel im Stadtpark als Reiter mitwirken. Doch im kommenden Jahr, mit 75, will Berg das letzte Mal als Kutscher die Sau fahren. Vielleicht macht Michael Becker dann ja weiter. Äußern möchte der sich dazu aber noch nicht.

I´m Smoking auf dem Wagen fahren die beiden Kutscher die erste Sau zum Saubratenstand auf den Wittlicher Marktplatz.
I´m Smoking auf dem Wagen fahren die beiden Kutscher die erste Sau zum Saubratenstand auf den Wittlicher Marktplatz. FOTO: klaus kimmling (m_wil )