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Gesellschaft
Eifeler Ärzte gehen auf die Barrikaden

Arztkittel abgegeben? Wenn nichts passiert, fehlen in der Eifel bald Mediziner.
Arztkittel abgegeben? Wenn nichts passiert, fehlen in der Eifel bald Mediziner. FOTO: Klaus Kimmling
Bitburg. Sie stemmen sich gegen den Mangel an Medizinern auf dem Land. Als Genossenschaft wollen sie ein Medizinisches Versorgungszentrum betreiben. Doch die Kassenärztliche Vereinigung macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Von Dagmar Schommer
Dagmar Schommer

Er ist fassungslos. Michael Jager schüttelt den Kopf. „Einfach ungeheuerlich“, sagt der Bitburger Allgemeinmediziner. Auf dem Tisch liegt die Ablehnung der Kassenärztlichen Vereinigung. Vorläufiges Ergebnis: Der Antrag der Ärzte-Genossenschaft Medicus, ein medizinisches Versorgungszentrum zu betreiben, wurde abgelehnt. Für Jager, Vorstand und Initiator der Genossenschaft, ein Unding. Denn die Medicus eG, in der er sich mit zwölf weiteren Kollegen aus dem Eifelkreis zusammengeschlossen hat, könnte seiner Meinung nach das Rezept gegen den Ärztemangel auf dem Land sein.

„Viele Ärzte scheuen heute die Selbstständigkeit in eigener Praxis, den Rund-um-die-Uhr-Betrieb, das unternehmerische Risiko“, sagt Jager, „die ziehen ein Angestellten-Verhältnis vor, legen mehr Wert auf Freizeit und flexible Arbeitszeiten.“ Und das geht eben nur in den Kliniken oder in großen Gemeinschaftspraxen in Städten. Auf dem Land aber lohnt es sich für die wenigsten Ärzte, einen Mediziner in Teilzeit einzustellen. Anders wiederum sähe das aus, wenn sich mehrere zusammentun. Genau das ist die Idee der Medicus eG.

Um gegenüber Kliniken und großen Praxen in Städten konkurrenzfähig zu bleiben, baut die Eifeler Genossenschaft darauf, den Mediziner-Nachwuchs mit flexiblen Arbeitszeitmodellen zu überzeugen. Das Prinzip: Die Medicus eG würde ein Medizinisches Versorgungszentrum betreiben und über dieses dann Ärzte anstellen, die in Teil- oder Vollzeit als Angestellte in den Praxen der Mitglieder oder in neuen Zweigstellen arbeiten.

Der Bedarf ist da. Schon heute ist es selbst in der Kreisstadt Bitburg nicht leicht, einen Hausarzt zu finden. „Wir nehmen keine Patienten mehr an“, lautet die Standard-Antwort. Und die Lage wird sich weiter verschärfen. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) ist etwa ein Drittel der Ärzte im Eifelkreis 60 Jahre und älter. Nur etwa 15 Prozent sind jünger als 44 Jahre. Das bedeutet: In den kommenden vier Jahren werden viele der heute noch praktizierenden Mediziner aufhören. 25 Köpfe werden dann fehlen. Die Kassenärztliche Vereinigung, deren Auftrag die Sicherstellung der medizinischen Versorgung ist, weiß also, dass es längst fünf vor zwölf geschlagen hat.

Müsste da eine Idee, wie die der Medicus eG nicht gerade recht kommen? Schließlich hat sich die Genossenschaft mit Jager an der Spitze nach zwei gescheiterten Anträgen bemüht, wirklich alles aus der Welt zu schaffen, was einer Zulassung im Wege stehen könnte. Zuletzt waren das Haftungsfragen. Während für mögliche Behandlungsfragen der behandelnde Arzt haftet, der dieses Risiko über eine Berufshaftungsversicherung abdeckt, müsste die Genossenschaft für mögliche Regressrisiken geradestehen.

Regressforderungen gibt es beispielsweise dann, wenn ein Arzt überdurchschnittlich viele Massagen oder Krankengymnastikstunden gewährt oder trotz günstiger Alternativen nur die teuersten Medikamente verschreibt. „Da kann die KV den Betrag zurückfordern, der über den gängigen Durchschnittswerten liegt“, erklärt Jager.

Dieses Risiko deckt die Genossenschaft über eine Versicherung ab, die sie bei der Volksbank Eifel abgeschlossen hat. Und die sicher auch was kostete. Was sich die Genossen aber nicht vorstellen können, ist, mit 250 000 Euro pro Mann und Jahr zu haften. Genau aber auf einer solchen so genannten selbstschuldnerischen Bürgschaft der Genossenschaftsmitglieder besteht die KV.

Für Jager, der sich inzwischen auch mit den Paragrafen im Sozialgesetzbuch vertraut gemacht hat, ist das ein Unding. „Eine Genossenschaft braucht, anders als eine GmbH, eben keine solche selbstschuldnerische Bürgschaft. Wir decken das Risiko ja über eine Versicherung ab.“

In der Ablehnung des Zulassungsantrags habe die KV entsprechend auch nicht eine fehlende Absicherung des Regressrisikos moniert, sondern einfach nur bemängelt, dass keine selbstschuldnerische Bürgschaft vorgesehen ist. „Die wollen im Zweifelsfall den Arzt persönlich zur Rechenschaft ziehen“, sagt Jager und empört sich: „Die erklären das mit ‚Planwidrigkeit der gesetzlichen Regelung’, aber damit ist doch gar nichts erklärt. Was soll das denn heißen?!“

Eine umfangreiche Anfrage des Trierischen Volksfreunds beantwortet die KV knapp: „Der schriftliche Bescheid mit den Gründen liegt der KV Rheinland-Pfalz noch nicht vor. Deshalb können dazu keine Ausführungen gemacht werden.“ Auch die Frage, ob die Eifeler Initiative nicht Unterstützung seitens der KV verdient hätte, bleibt – vorerst – unbeantwortet.

Ziel von Jager und seinem Team ist die Sicherstellung der medizinischen Versorgung im Eifelkreis. Das ist auch dem Landrat ein Herzensanliegen. Seit Jahren arbeitet Joachim Streit im Kreisentwicklungskonzept an dem Thema und hat die Medicus-Idee, die bei einer Veranstaltung des Kreises entstanden ist, von Beginn an unterstützt.

Die Absage aus Mainz macht auch den Landrat fassungslos – und bezweifelt den Sinn einer KV, die eine solche Initiative ablehnt, obwohl die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung doch ihr ureigener Auftrag ist.

„Man muss sich ernsthaft die Frage stellen, ob die KV nicht besser aufgelöst werden sollte, wenn sie zukunftsweisende Modelle blockiert“, sagt Streit. Die Versorgungslücke werde immer größer: „Die werden ihrem Auftrag doch jetzt schon nur noch unzureichend gerecht.“

Er vermutet, dass „eigene wirtschaftliche Interessen“ der Mitglieder des Trierer Zulassungsausschusses bei dieser Entscheidung über dem Allgemneinwohl standen. Für Streit eine Tragödie: „Dann wäre es doch besser, wenn eine staatliche Stelle im Gesundheitsministerium für die Zulassung von Hausärzten zuständig wäre.“

Der Landrat fürchtet, dass ohne solche Modelle wie die Medicus eG die ärztliche Versorgung auf dem Land zusammenbricht. Für ihn steht fest: „Die Ablehnung dieser Idee durch den Zulassungsausschuss ist ein Schlag in das Gesicht von 100 000 Menschen im Eifelkreis.“ Jetzt müsse die Politik – voran die Landesregierung – handeln, „wenn sie nicht den Aufstand der Patienten hinnehmen will“.

Denn eins ist auch klar. Die Ablehnung ist für die Eifeler nicht das Ende. „Ja, ich könnte alles hinschmeißen“, sagt Jager nach fast zwei Jahren nervenaufreibenden Verhandlungen. „Aber, ich habe da schon so viel rein investiert. Wir sind auf der Zielgeraden. Wir geben jetzt nicht auf.“ Jager wird zunächst Widerspruch einlegen und auf eine neue Zulassungsprüfung drängen: „Und wenn das nichts bringt, wird geklagt.“

Was ist Ihre Meinung? Mailen Sie uns an eifel@volksfreund.de (Name und Wohnort nicht vergessen).

Michael Jager Medicus eG Bitburg
Michael Jager Medicus eG Bitburg FOTO: TV / Dagmar Schommer
Matthias Kootz (Mitte) hat die DRK-Verdienstmedaille des Landesverbandes bekommen.
Matthias Kootz (Mitte) hat die DRK-Verdienstmedaille des Landesverbandes bekommen. FOTO: Rudolf Höser (rh)