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Umwelt
Das geheime Leben der Streuner-Katzen in Bitburg - Würde Kastrationspflicht helfen?

Streuner und Freigänger sind auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden. Foto: Franziska Gabbert/ Dpa
Streuner und Freigänger sind auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden. Foto: Franziska Gabbert/ Dpa FOTO: Franziska Gabbert
Bitburg/Prüm. Die Zahl der herrenlosen Katzen im Eifelkreis wächst. Das sagen zumindest Tierschützer. Die Verwaltungen der Verbandsgemeinden sehen hingegen kein Problem. Könnte eine Kastrationspflicht helfen? Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Zur Futterzeit kommen sie raus. Wenn die Frau ihre Näpfe füllt, füllt sich auch der Platz vor dem Bitburger Gebäude. Rund 40 Katzen verlassen ihre Verstecke. Sie kriechen aus den Büschen, klettern aus den Kellerfenstern, schlüpfen aus all den Nischen, die ein Haus birgt.

So beschreibt Klaus Wagner, was sich an einer Futterstelle in der Stadt täglich abspielt. Wo sie sich befindet, will das Mitglied des Vereins Tierhilfe Eifelkreis nicht verraten. Er befürchtet, dass sonst jemand die Katzen vergiften könnte. Bisher seien die Streuner zum Glück niemandem aufgefallen. Aber das sei auch ein Teil des Problems.

Wer eine Katze über die  Straße laufen sieht, wird annehmen, dass sie jemandem gehört. Doch die Zahl der herrenlosen Vierbeiner wächst – auch im Eifelkreis. Wie hoch sie tatsächlich ist, darüber gibt es nur Spekulationen. „Wir gehen davon aus, dass sie in die Tausende geht“, sagt Wagner. Es seien ausgesetzte Tiere, aber auch Kinder von Freigängern. Während ein Kater zurück in die warme Stube schleicht, wächst sein Wurf zuweilen auf der Straße auf. Nicht selten stecken die Kätzchen sich dann mit Krankheiten an oder verhungern. Denn – anders als viele glauben – können Hauskatzen kaum für sich selbst sorgen. Doch sie leiden still.

Die Population der Streuner ist unsichtbar. Auch von den Verwaltungen der Verbandsgemeinden wird sie offenbar kaum wahrgenommen. Ihre Zahl sei „überschaubar“, antwortet etwa der Bitburger Bürgermeister Joachim Kandels auf TV-Anfrage. Die VG-Chefs in Arzfeld und der Südeifel sprechen von „seltenen Fällen“. Sollten die Tiere irgendwann mal für die Allgemeinheit zum Problem werden, da sind sich alle Verwaltungsspitzen einig, müssten die Gemeinden handeln – vorher jedoch nicht.

Dabei gebe es durchaus etwas, was sie tun könnten, findet Tierschützer Wagner: eine Kastrationspflicht einführen. Seit 2013 dürfen Städte und Gemeinden eine solche Vorschrift erlassen, die Halter zwingt, ihre Schützlinge zu kastrieren. Von diesem Recht Gebrauch gemacht, hat bislang keine Eifeler Gemeinde. Woran liegt’s? Zum einen wollen die Verbandsgemeinden keine Regelung verabschieden, die sie nicht selbst kontrollieren können. Dafür fehlten sowohl Personal als auch finanzielle Mittel, teilt etwa der Arzfelder Bürgermeister Andreas Kruppert auf Anfrage mit.

Zum anderen scheint kein Verwaltungschef zu glauben, dass eine Kastrationspflicht das Problem lösen würde. So antwortet etwa eine Sprecherin der Verbandsgemeinde Bitburger Land: „Eine festgelegte Kastrationspflicht würde gerade im  Bereich der herrenlosen Katzen ins Leere laufen, da ein zur Kastration verpflichteter Halter fehlt.“

Klar: Wo kein Halter, da kein Verantwortlicher. Wer sollte da die Kosten von etwa 50 Euro pro Eingriff tragen? Die VGs wollen das jedenfalls nicht. Sie berufen sich darauf, dass der Umgang mit Streunertieren nicht zu ihren Pflichtaufgaben gehöre und verweisen auf Vereine wie die Tierhilfe Eifelkreis.

Diese Erwartungshaltung stört Wagner: „Wir sollen die Tiere aufnehmen, sie füttern, verarzten und am besten noch die Kastration zahlen.“ Bei einem Team von zehn Aktiven sei die Grenze aber schnell erreicht. Seine liegt bei 14 Katzen. So viele leben derzeit auf Wagners Grundstück. Die meisten von ihnen seien so krank und alt, dass sie niemand anderes mehr haben wolle. Sie zu versorgen: für ihn fast ein Vollzeitjob, sagt der Mann, der hauptberuflich als Bestatter arbeitet. An Urlaub könne er nicht denken. Und auch die Arztkosten seien hoch. Allein im Januar habe er 700 Euro für die Behandlung seiner Pfleglinge ausgegeben.

Bei seinen Mitstreitern sehe es nicht anders aus. Alle Pflegestellen seien belegt. „Wir können keine Tiere mehr aufnehmen“, sagt Wagner. Den Telefonanschluss des Vereins habe er deshalb vor einem Monat abgestellt. Das Gerät hatte nicht aufgehört zu klingeln. Jede Woche meldeten sich Menschen mit Fundtieren. Wenn über Facebook dann nicht schnell ein Besitzer ausfindig gemacht werde, landeten die Vierbeiner in einem der beiden Tierheime in Altrich oder Trier. Doch auch die seien dauerhaft überbelegt.

Und daran werde sich sobald nichts ändern, wenn kein Weg gefunden werde, den Nachwuchs einzudämmen. Die Streuner, die in jenem Bitburger Haus leben, vermehren sich jedenfalls weiter. Auch ihre Jungen werden wild aufwachsen, hungern, womöglich früh sterben. Vermittelbar seien sie nicht mehr, sagt Wagner: „zu wild.“ Das Einzige, was Tierschützer für sie tun könnten, werde getan. Eine Frau kauft Futter. Sie bezahlt es aus eigener Tasche. Billig ist das nicht für 40 Katzen. Eine Alternative gebe es derzeit nicht.