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Bildung
Ein großer Schritt für eine kleine Stadt

Wie war das nochmal? Landrat Joachim Streit sucht auf seinem Smartphone nach dem passenden Zitat für seine Rede.
Wie war das nochmal? Landrat Joachim Streit sucht auf seinem Smartphone nach dem passenden Zitat für seine Rede. FOTO: TV / Christian Altmayer
Speicher. Geschafft: Speicher hat wieder eine weiterführende Schule. Das genossenschaftliche Gymnasium wurde gestern eröffnet. Ein langer Weg endet an diesem Tag in der Aula des Schulzentrums. Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Es hat sich hoher Besuch angekündigt in der Töpferstadt. Klar, der Sommer ist immer Wahlkampfzeit. Und der ein oder andere Politiker hat den Speicherern auch schon in der Vergangenheit seine Aufwartung gemacht. Aber so viel politische Prominenz hat sich in der Provinz schon lange nicht mehr blicken lassen. Da sitzt Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) auf der Mitfahrerbank in der Bahnhofstraße, um sich nach Bitburg kutschieren zu lassen. Während die Bundes- und Landtagsabgeordneten Patrick Schnieder und Michael Billen keinen Kilometer weiter in der Aula des Speicherer Schulzentrums schwitzen.

Aber nicht nur die sind zur Eröffnungsfeier des genossenschaftlichen Gymnasiums gekommen. Auch der Landrat des Eifelkreises Joachim Streit, Verbandsgemeindebürgermeister Manfred Rodens sowie jede Menge Dorfchefs und Bürger der umliegenden Gemeinden haben sich versammelt.

Viele haben auf diesen Tag hingefiebert, seit feststeht, dass die Otto-Hahn-Realschule in Speicher schließt. Inzwischen ist sie zu. Der letzte Jahrgang wurde in ebendieser Aula verabschiedet, in der Schulleiterin Sylvia Schwandke nun zwei neue Klassen begrüßen darf. Es war ein weiter Weg bis dahin. Und deshalb spricht die Direktorin in ihrem Grußwort wohl vielen aus der Seele, wenn sie sagt: „Gott sei Dank – Endlich geht es los.“

Dass es so schnell losgehen würde – damit hatte wohl kaum jemand gerechnet. Nicht wenige hatten sogar daran gezweifelt, dass die Schule überhaupt jemals Realität werden würde. Monatelang wurde im Verbandsgemeinderat über das Konzept einer weiterführenden Schule gestritten. Ideen wurden vorgestellt und verworfen. Bis sich die Gründung eines kleinen, privaten Gymnasiums als „einzig passende Lösung herausgestellt hat“, wie Bürgermeister Rodens es in seiner Rede ausdrückt. Das sehen noch immer nicht alle so. „Wir konnten bis zuletzt nicht alle im Rat überzeugen“, räumt der VG-Chef ein: Aber man habe sich zum Glück durchsetzen können.

Durchgesetzt hat sich aber vor allem die Genossenschaft für ein privates Gymnasium in Speicher, die sich vor nicht mal einem Jahr gegründet hat. Vor elf Monaten hat der Zusammenschluss die Trägerschaft der Schule übernommen – und damit auch die Federführung über die Suche nach Lehrern und die Renovierung der Gebäude, die noch immer nicht ganz abgeschlossen ist. Ihre Aufgabe war es auch die Schule zu bewerben, Eltern von ihr zu überzeugen. Das ist mehr oder weniger geglückt: Das Ziel, bis zum Beginn des Schuljahres 30 Kinder zusammenzubekommen, wurde zwar verfehlt. Allerdings nur um eine Person. Und zum Bilden von zwei Klassen reichen ja auch 29 Schüler, Pardon: „Lernende“.

Das Wort „Schüler“ ist im neuen Gymnasium nämlich tabu. Benenne der Begriff die Mädchen und Jungs ja nur nach dem Gebäude und nicht nach ihren Leistungen. Also: Lernende. Daran müssen sich auch die Redner erstmal gewöhnen. „Auf meinem Blatt steht noch Schüler entschuldigt sich Rodens“, der sich bei der Aussprache des ungewohnten Wortes genau wie Joachim Hansen von der Genossenschaft einige Male verhaspelt. Peter Epp, der Vertreter der Aufsichts- und Genehmigungsdirektion, hat dieses Problem nicht. Er bleibt einfach beim guten alten Wort „Schüler“, ebenso wie Landrat Streit: „Ich sag das jetzt einfach so. Ist ja auch egal.“

Sonst läuft alles nach Plan bei der Eröffnung. Und Redner gibt es genug. Alle zehn Minuten steht jemand anders hinter dem Pult. Sogar ein evangelischer und ein katholischer Pfarrer lassen es sich nicht nehmen, ein paar warme Worte zu sagen. Und am Ende gibt’s dann noch Gottes Segen fürs Gymnasium. Da kann ja eigentlich nichts mehr schiefgehen. Warme Worte gibt es von Streit dann noch für die Eltern, „die den Mut hatten, einer neuen Schule ihr Vertrauen zu schenken.“ Warum eigentlich? Während ihre Kinder die Schulbank für eineinhalb Stunden Probesitzen dürfen, tauschen sich Väter und Mütter beim Buffet im Lehrerzimmer aus.

„Entscheidend war für uns vor allem, dass es eine kleine Schule ist“, sagt Maria Manns, die außer ihrem jüngsten Sohn noch zwei erwachsene Kinder hat. Die hätten in den großen Einrichtungen schlechte Erfahrungen gemacht: „Da wurden Informationen praktisch mit der Gießkanne über den Schülern verteilt. Und selbstständiges Arbeiten blieb auf der Strecke.“ Vom Privatgymnasium erhofft sich die Mutter hingegen eine individuelle Förderung ihres Kindes.Dafür nimmt die Frau aus dem Bitburger Stadtteil Erdorf sogar eine längere Fahrzeit in Kauf. Sie habe schon eine Fahrgemeinschaft mit der Dudeldorferin Anke Sander gebildet.

Für Elisabeth Schwarz hingegen ist die Fahrzeit sehr wichtig. Sie stammt aus Hosten, einem Nachbarort von Speicher mit schlechten Verbindungen nach Bitburg und Trier. „Mit dem Bus oder dem Zug hätte mein Sohn eine Stunde gebraucht.“ Sie ist daher froh, dass sie ihn in Speicher unterbringen konnte. Davon war ihr Sohn zwar am Anfang nicht begeistert, wie sie erzählt, weil alle seine Bekannten nach Bitburg gingen. Aber inzwischen habe er sich eingewöhnt und fühle sich wohl. Schwarz war von Anfang an überzeugt vom Konzept der Schule.

Das waren Markus und Simone Schachtner nicht. „Als wir davon hörten, dass hier ein Gymnasium entstehen soll, waren wir zuerst skeptisch“, sagen die Eltern der frisch eingeschulten Lilly. Doch es habe den beiden imponiert, wie hartnäckig die Genossen ihr Ziel verfolgt hätten: „Das hat uns einfach begeistert und mitgenommen.“