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Ein gutes Stück Geschichtsarbeit in einer Film-Doku - Auf den Spuren des Westwalls

Als die Front näher rückte, wurden ganze Orte in der Eifel umgesiedelt. Solche Szenen (oben) stellt Adi Winkler für seinem Film nach. Bei seiner Recherche stieß er auch auf dieses Album. Ein Bild (rechts) zeigt, wie hunderte junge Leute ins Reichsarbeitslager Bauler einrücken. Foto: Awi-Film; TV-Fotos (2): Dagmar Schommer
Als die Front näher rückte, wurden ganze Orte in der Eifel umgesiedelt. Solche Szenen (oben) stellt Adi Winkler für seinem Film nach. Bei seiner Recherche stieß er auch auf dieses Album. Ein Bild (rechts) zeigt, wie hunderte junge Leute ins Reichsarbeitslager Bauler einrücken. Foto: Awi-Film; TV-Fotos (2): Dagmar Schommer FOTO: (e_bit )
Bitburg. Der Dokumentarfilmer Adi Winkler hat sich auf die Spur des Westwalls begeben, der sich wie eine Narbe auch durch die Eifel zieht. Herausgekommen ist ein Film, der fesselt - ein Mahnmal wider das Vergessen, für den Frieden. Dagmar Schommer

Grüne Hügel, saftige Wiesen, knorrige Obstbäume, malerische Täler. Wer die Eifel in ihrer rauen Schönheit schätzt, der sieht gleich diese Bilder vor seinem inneren Auge. Mit solchen Bildern beginnt der neue Film von Adi Winkler. Landschaftsaufnahmen, die so viel Ruhe und Frieden ausstrahlen. Doch Friede herrschte hier nicht immer. Die Produktion des Bitburger Dokumentarfilmers führt ins Jahr 1936, als Adolf Hitler begann, den Westwall bauen zu lassen. Dieses Bollwerk, das "uneinnehmbar" sein sollte, wie die Nazi-Propaganda glaubhaft machen wollte. Es kam anders.
"Die Erde der Eifel ist getränkt von Blut und Schweiß, getränkt von den Tränen vieler Verzweifelter, getränkt vom Leid, das der Zweite Weltkrieg brachte", kommentiert Sprecher Volker Lechtenbrink die Landschaftsaufnahmen. Der Westwall, der unter dem Deckmantel einer angeblich notwendigen Grenzverteidigung errichtet wurde, wird im Film zum Symbol für den Größenwahn der Nazis und ihr mörderisches Regime. Tatsächlich hat das Bollwerk der Eifel keinen Schutz gebracht. Es war der Anfang vom Ende - Krieg, Tod, Elend sollten folgen.

Volker Lechtenbrink, der als 14-Jähriger im Anti-Kriegs-Film "Die Brücke" mitgespielt hat, ist auch aus Fernsehserien wie "Tatort" und "Der Alte" bekannt. Für Winkler ein Glücksfall, dass er Lechtenbrink mit seiner markanten Stimme als Sprecher gewinnen konnte: "Wir kennen uns noch von meiner Zeit bei RTL."
Winkler, der im Hauptberuf einst als Kardiotechniker im Krankenhaus arbeitete, hat auch schon für ARD, SWR und ZDF Beiträge produziert. Filmen ist seine Leidenschaft - manchmal zum Leidwesen seiner Frau, wegen der der gebürtige Rheinländer überhaupt in Bitburg gelandet ist. Eine Stadt, in der er sich "gleich wohlgefühlt hat". Nicht, weil sie so schön ist. Die Menschen machen für ihn den Ort aus; auch bei der Arbeit: "Es gibt hier so viele liebenswerte, hilfsbereite Leute."

Weit mehr als 30 Filme hat Winkler gedreht - von Naturfilmen über medizinisch-wissenschaftliche Produktionen bis hin zu Geschichtsbeiträgen wie "Sieben Lichter" über Juden im Dreiländereck und zuletzt "1300 Jahre Bitburg". Das Konzept für seine aktuelle Produktion entstand bei einem Gespräch mit Landrat Joachim Streit.
"Ich wollte allgemein etwas über diese schwere Zeit machen", sagt Winkler. Arbeitstitel: "Die Eifel unter dem Hakenkreuz". Sein Ansatz: neben all dem, was erschreckend, beängstigend und zerstörerisch war, auch positive Beispiele zu zeigen. "Da gab es eine Jüdin, die von Bürgern in Speicher vor den Nazis versteckt wurde", erzählt Winkler. Auch um den Westwall sollte es gehen. Aber eben nur als ein Teil des Ganzen.

"Dann sagte der Landrat, dass das alleine doch schon ein Thema sei", erzählt Winkler. Und recht hatte er. Solche Gedankenanstöße sind hilfreich. Aber natürlich auch die finanzielle Unterstützung, die Streit über die Stiftung der Kreissparkasse zusicherte. Sein Beweggrund: "Der Film soll Mahnung an die heutige sowie künftige Generationen sein, dass sich ein solcher Wahnsinn nicht wiederholen darf. Zudem wollen wir an das geschichtliche Erbe unseres größten Flächendenkmals in unserem Landkreis erinnern."

Zwei Jahre Recherche stecken in "Der Westwall im Eifelkreis Bitburg-Prüm". Bis nach Hamburg ist Winkler gereist, um in einem Antiquariat ein Fotoalbum mit Original-Aufnahmen zu erstehen, die die Bauarbeiten am Westwall zeigen. Die Fotos wurden in dem kleinen Ort Bauler gemacht, wo es auch ein Arbeitslager gab. Auf das Album ist Winkler im Internet gestoßen - und mit dem Bildband in der Hand führte seine Recherche ihn weiter nach Bauler, wo er, wie auch an weiteren Orten, das Glück hatte, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen.
Mit einer unglaublichen Sammelwut und Akribie hat Winkler historisches Material Puzzlestück für Puzzlestück zusammengetragen. An Originalschauplätzen wurden nachgestellte Szenen eingespielt.

Produziert wurde der Film wieder von Ralf Hess. "Mit dem bin ich in zweiter Ehe verheiratet", sagt Winkler.
Entstanden ist ein Film, der die Geschichte des Westwalls von seinem Bau über seine Eroberung durch die Alliierten bis heute erzählt, wo sich die Natur die Ruine zurückerobert hat und seltene Tier- und Pflanzenarten wie Wildkatzen, Fledermäuse und Orchideen sich angesiedelt haben.
Der Film zeigt aber auch, dass der Westwall bei aller Schönheit der Natur immer eine Narbe in der Landschaft bleiben wird.
Eine Narbe, die daran erinnert, was für eine Wunde das totalitäre Nazi-Regime in die Gesellschaft geschlagen hat.

Filmpremiere ist am Mittwoch, 29. März, 19 Uhr, im Kundenzentrum der Kreissparkasse in Bitburg.EIN 630 KILOMETER LANGES BOLLWERK GEN WESTEN

Extra

Von Kleve durch die Eifel entlang der belgischen und luxemburgischen Grenze über Trier, Saarbrücken und Karlsruhe bis nach Weil am Rhein an der Grenze zur Schweiz zog sich der Westwall: 630 Kilometer mit etwa 18 000 Bunkern, Stollen und Panzersperren. Adolf Hitler hatte das Bollwerk zwischen 1936 und 1940 bauen lassen. Viel ist von der Verteidigungsanlage, die die Westgrenze "uneinnehmbar" machen sollte, nicht übrig: Nach Kriegsende haben die Alliierten etliche Bauten der einst so gefürchteten "Siegfried-Linie" gesprengt. Rund 11 000 Westwall-Ruinen wurden seit Ende der 50er Jahre abgerissen; 6500 wurden "übererdet" oder eingezäunt. In der Eifel sind noch einige Relikte erhalten: Teile der Höckerlinie sowie Mannschafts- und Einzelunterstände. Wenn die Bunker nicht wie beim Panzerwerk Katzenkopf in Irrel wiederaufgebaut und als Museum hergerichtet wurden, hat die Natur sich die Ruinen zurückerobert. Sie sind heute Lebensraum für geschützte Tierarten und Pflanzen. Am Westwall wurde viel Blut vergossen: Allein bei den Kämpfen im Hürtgenwald starben 12 000 Soldaten der Wehrmacht. Die Amerikaner hatten 55 000 Tote zu beklagen - fast so viele wie während des gesamten Vietnamkriegs.DREI FRAGEN AN…

Extra

Adi Winkler, Dokumentarfilmer aus Bitburg, der den Film "Der Westwall im Eifelkreis Bitburg-Prüm" produziert hat: Was hat Sie während Ihrer Arbeit am meisten beeindruckt? Winkler: Der Kontakt mit Zeitzeugen. Die haben noch ein Wissen zu vermitteln, das uns verloren geht, wenn wir nicht mit ihnen sprechen. Die haben eine spürbare Demut vor der Geschichte und den Wunsch, dass wir alle so etwas nie wieder erleben müssen. Was hat Sie am meisten überrascht? Winkler: Wie viel vom Westwall noch übrig ist - auch in den Köpfen der Menschen. Da stößt man auf Geschichten, da ließen sich noch zehn Filme daraus machen. Und dann war ich auch überrascht von der Bereitschaft der Menschen, mitzumachen und dieses Projekt zu unterstützen. Was sollen die Menschen von Ihrem Film mitnehmen? Winkler: Dass dieses Bauwerk an ein wahnwitziges Unternehmen erinnert, einen von Größenwahn getriebenen Aufwand, an eine Zeit, die wir alle nicht erleben wollen. Allein deshalb lohnt es sich, sich mit diesem Teil der Geschichte zu beschäftigen und sich der eigenen Geschichte zu stellen.

FOTO: (e_bit )
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