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Einst kleinster deutscher Ort, heute Geisterdorf

Staudenhof/Mauel. Einsam verfällt das ehemals selbstständige Dorf Staudenhof in der Nähe von Mauel in der Verbandsgemeinde Arzfeld. 1990 haben die letzten Einwohner das Dorf verlassen. Den Kindern der Nachbarorte wird erzählt, in dem Geisterdorf spuke es. Laura Lehnen

Staudenhof/Mauel. An jeder Tür hängt ein dickes Schloss, so als gäbe es im Inneren des Gebäudes noch irgendetwas zu schützen. Kaum eine der Fensterscheiben ist noch ganz - offenbar wurden sie von Steinewerfern beschädigt. Efeuranken wuchern die Hauswände hinauf bis in die kaputten Fenster.
Der Außenputz bröckelt von den Wänden und entblößt die dicken Sandsteinquader, aus denen die fünf Häuser, die noch zu erkennen sind, erbaut wurden. Nur einzelne Geräusche von Tieren und das Rauschen der Bäume sind zu hören. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Und nur ein Gedanke zieht im Kopf seine Kreise: So fangen Horrorfilme an.
Doch Staudenhof ist nicht der Schauplatz eines Gruselfilmes. Es ist ein ehemals bewohntes Dorf. Mitten im Wald, zwischen Mauel und Oberweiler. Allein das Geisterdorf zu finden, ist eine Herausforderung. Der ehemals selbstständige Ort liegt umgeben von Wanderwegen. Ein Auto hat hier keine Chance - es sei denn, es handelt sich um einen Geländewagen. Und auch zu Fuß ist das Dörfchen nur schwer zu erreichen: Zahlreiche Wegbiegungen gibt es, wegweisende Schilder jedoch nicht. Der Wanderer ist sich selbst überlassen, wenn es darum geht, den Ort zu finden, von dem es verschiedene Entstehungsgeschichten gibt.
Die erste ist eine Legende: Vor mehreren Jahrhunderten hatte ein Graf von Schloss Hamm eine liederliche Tochter. In einer Waldlichtung setzte er sie aus, zäunte sie ein und verbannte sie an diesen Ort. Das Leid der Grafentochter sprach sich schnell unter den Burschen der Umgebung rum: Sie kletterten über den Zaun zur Prinzessin und blieben dort.
Wahrscheinlicher ist aber eine andere, nicht ganz so märchenhafte Entstehungsgeschichte: 1760 wurde im Nachbarort Merkeshausen ein Eisenwerk gegründet.
Die Arbeiter siedelten sich in Staudenhof an. Im Jahr 1818 zählte das Dorf 128 Einwohner in 15 Häusern. Doch mit dem Niedergang des Eisenwerks in der Mitte des 19. Jahrhundert zog es auch viele Einwohner wieder weg aus Staudenhof. 1895 wohnten hier noch 58 Einwohner in elf Häusern. 1960 nur noch eine siebenköpfige Familie. Das hatte zur Folge, dass Staudenhof 1973 in das Nachbardorf Mauel eingemeindet wurde. "Vorher war Staudenhof die kleinste Gemeinde Deutschlands", sagt Franz Dimmer aus Waxweiler, der sich intensiv mit der Geschichte Staudenhofs beschäftigt hat. Die letzten zwei Einwohner verließen das Dorf 1990.
Die schlechte Verkehrslage ist laut Dimmer auch ein Grund dafür, dass ein Einwohner nach dem anderen Staudenhof verlassen hat. "Früher war der Weg für die Bewohner noch komfortabler", sagt Dimmer. "Mit den Pferde- und Kuhwagen kam man gut durch." Doch die Zeiten der Pferde- und Kuhwagen sind lange vorbei. Die wenigen Häuser, die noch in dem verlassenen Dorf stehen, beziehungsweise die Ruinen, sind teils einsturzgefährdet. "Geht dort nicht hin, da spukt\'s", werden die Kinder aus den Nachbardörfern gewarnt, um sie von dem Geisterdorf fernzuhalten. Und so sind es meist Wanderer, die es nach Staudenhof zieht. Ein Ort, der heute nichts mehr von dem königlichen Glanz übrig hat, den einst eine verbannte Grafentochter mitgebracht haben soll.