| 20:52 Uhr

Erinnerungen an den Engel von Auschwitz

Peter Wald, seine Ehefrau Edith und der Historiker Bernd Steger bei der Lesung aus der Lebensgeschichte von Orli Wald. Foto: privat
Peter Wald, seine Ehefrau Edith und der Historiker Bernd Steger bei der Lesung aus der Lebensgeschichte von Orli Wald. Foto: privat
Eine Lesung im Haus Beda hat junge und alte Zuhörer bewegt. Im Mittelpunkt standen Erinnerungen an Aurelia Wald. Gleich drei Gäste trugen Passagen aus dem Buch "Hinter der grünen Pappe - Orli Wald im Schatten von Auschwitz" vor.

Bitburg. (red) Bürgermeister Joachim Kandels begrüßte am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus den früheren Journalisten Peter Wald und seine Ehefrau Edith sowie den Historiker Bernd Steger. Henri Juda, Spross einer früheren Bitburger Kaufmannsfamilie, hatte den Kontakt hergestellt. Prominentester Gast der Veranstaltung war der deutsche Botschafter in Luxemburg, Hubertus von Morr.

Henri Juda, dessen Vater in Bitburg geboren wurde, schilderte zu Beginn der Veranstaltung in eindrucksvollen Worten das Schicksal seiner Familie in der Zeit des nationalsozialistischen Regimes. Seiner Rede schloss sich die Lesung von Peter und Edith Wald sowie Bernd Steger an.

Die 1914 geborene und in Trier aufgewachsene Orli (Aurelia) Wald, geborene Torgau, war Widerstandskämpferin und als NS-Verfolgte von 1936 bis 1945 Zuchthaus- und Konzentrationslager-Gefangene. Sie war "Funktionshäftling" im Häftlingskrankenbau des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau und wurde aufgrund ihrer Hilfsbereitschaft als "Engel von Auschwitz" bezeichnet. Orli Wald geriet in die Mühlen der nationalsozialistischen Machthaber, weil sie seit ihrer Jugend Mitglied einer kommunistischen Organisation war. 1936 wurde sie zu einer viereinhalbjährigen Haft verurteilt.

Danach brachte man sie zunächst in das Konzentrationslager Ravensbrück, ehe sie 1942 nach Auschwitz kam. Hier wurde sie zum "Funktionshäftling", was ihr einerseits Privilegien, anderseits aber den Druck der Lagerverwaltung, in ihrem Bereich für Ruhe und Ordnung zu sorgen, einbrachte.

Weil sie in dieser Funktion vielen Menschen half und einigen, darunter der Mutter von Henri Juda, sogar das Leben retten konnte, bezeichneten ihre Mithäftlinge sie als "Engel von Auschwitz".

Erst 1945, kurz vor der Befreiung durch die Rote Armee, durfte sie das Lager verlassen. Orli Wald konnte das Erlebte allerdings nie verarbeiten. Als gebrochene Frau ist sie am 1. Januar 1962 im Alter von nur 47 Jahren gestorben.

In den Jahren nach dem Krieg schrieb sie mehrere Prosastücke, von denen eines den Titel "Die grüne Pappe" trug. Hierin schildert sie, dass an einem Fenster einer Lagerbaracke im KZ Auschwitz ein grünes Stück Pappe angebracht war, welches verhindern sollte, dass die Gefangenen nach draußen blicken und die grauenhaften Vorgänge, die sich dort abspielten, beobachten konnten.

Neben der Lebensgeschichte von Orli Wald lasen die Autoren auch Berichte von Mithäftlingen, die das unwürdige Dasein der Gefangenen eines Konzentrationslagers schilderten.

Am Ende der ergreifenden Lesung waren sich alle Zuhörer einig, dass die heute Lebenden die Erinnerung an das Geschehene unbedingt wachhalten müssen, um die Menschen für aktuelle Vorgänge zu sensibilisieren und dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht. no/yz