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Erinnerungen an eine tote Stadt

Trümmerzeit: Betroffenheit wecken die militärischen Hinterlassenschaften der Ardennenoffensive vor einem Bild Bitburgs kurz vor der Zerstörung auch bei Zeitzeuge Rudolf Gödert.Foto: Anke Emmerling
Trümmerzeit: Betroffenheit wecken die militärischen Hinterlassenschaften der Ardennenoffensive vor einem Bild Bitburgs kurz vor der Zerstörung auch bei Zeitzeuge Rudolf Gödert.Foto: Anke Emmerling
BITBURG. (ae) "Trümmerzeit" ist der Titel einer Ausstellung, die im Kreismuseum Bitburg unter großer öffentlicher Anteilnahme eröffnet wurde. Mit Dokumenten, Bildern und militärischen Exponaten erinnert sie an die völlige Zerstörung Bitburgs vor genau 60 Jahren.

"Das sind die Städte, wo wir unser ,heil!' den Weltzerstörern einst entgegenröhrten. Und unsre Städte sind auch nur ein Teil von all den Städten, welche wir zerstörten". Diesen Vierzeiler schrieb Bert Brecht im kalifornischen Exil zu einem Foto der in Trümmern liegenden Hauptstraße Bitburgs, das 1945 um die Welt ging. Mit 68 weiteren Bildgedichten veröffentlichte er es in der "Kriegsfibel". Sie ist als mahnender und Betroffenheit weckender Bestandteil der Ausstellung im Kreismuseum zu sehen. "Die Gedichte sind nicht gnädig. Sie sagen, die Suppe, die man sich eingebrockt hat, muss man auch auslöffeln. Aber dennoch lehnte Brecht Thomas Manns Auffassung, die Bombardierung der deutschen Zivilbevölkerung sei zu vertreten, ab. Er sah die Schicksale der Mitmenschen, nicht zuletzt, weil er seinen eigenen Sohn als Soldat verlor", kommentierte Museumsleiter Burkhard Kaufmann. Schicksale in den Vordergrund zu rücken, ist eins der Anliegen der Ausstellung "Trümmerzeit". Aussagen von Zeitzeugen beleuchten menschliche Tragödien hinter den Geschehnissen am Ende des Zweiten Weltkriegs. "Das ist Vergangenheitsbewältigung unter neuen Vorzeichen", sagte Landrat Roger Graef. "Nach anfänglicher Verdrängung nach dem Krieg, dann der Auseinandersetzung um Schuld und Verantwortung, wird nun mehr denn je wahrgenommen, dass auch Deutsche Opfer waren". In Bitburg blieben nur 74 von 5570 Einwohnern nach den Bombenangriffen der Alliierten übrig - die Stadt wurde für tot erklärt. Warum sie Kriegsziel war, wird in der Ausstellung deutlich: Bitburg spielte eine zentrale Rolle bei der Vorbereitung der Ardennenoffensive, die am 16. Dezember 1944 begann. Nur drei Tage später fingen die Luftangriffe an, der erste große Bombenhagel suchte die Stadt an Heiligabend 1944 heim. Bürgermeister Joachim Streit interpretierte im Gedenken daran Tucholskys Weihnachtsgedicht "So steh ich nun vor deutschen Trümmern". Seine bewegende Rede endete mit dem Appell des Dichters "Glaub diesen Burschen nie, nie wieder! Dann sing frei die Weihnachtslieder". Zuvor zitierte er einen Spruch seiner Großmutter aus jener Zeit: "Die Alliierten setzen die Christbäume, die deutsche Flak liefert die Kugeln, über den Volksempfänger erzählt Goebbels Märchen. Und wir sitzen im Keller und warten auf die Bescherung". Galgenhumor, den Ausstellungsbesucher Rudolf Gödert damals nicht aufbringen konnte. Er war zehn Jahre alt, als er den Luftangriff an Heiligabend in einem Keller unterhalb der Brauerei erlebte: "Es war grausam. Ich lag da und hatte Angst. Immerzu habe ich auf das Gewölbe geguckt, ob es runter kommt". Öffnungszeiten: Im Dezember täglich außer dienstags 14-17 Uhr, Januar bis Februar samstags und sonntags 14-17 Uhr, März täglich außer dienstags 14-17 Uhr, April bis Mai dito und montags, mittwochs, donnerstags und freitags auch 10-13 Uhr. Führungen jeweils um 15 Uhr am 27. Dezember, 23. Januar, 27. Februar, 20. März, 10. April und 8. Mai. Ende der Ausstellung am 31. Mai 2005.