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Umwelt
Fluglärm in der Eifel: Sie lassen es krachen

FOTO: dpa / Uncredited
Spangdahlem. Am Eifeler Himmel ist es wieder ruhig. Doch die vergangenen Monate waren laut. Kaum eine Woche ist ohne spezielle Trainingseinheiten der Spangdahlemer Piloten vergangen. Das ärgert Anwohner und Gastronomen. Ist in Zukunft wieder mit weniger Fluglärm zu rechnen? Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Erst ist es nur ein Brummen. Da ist der blinkende Punkt am Nachthimmel noch nicht zu sehen. Als er sich nähert, hat sich das Brummen zu einem Dröhnen gesteigert. Bald wird es begleitet von einem Kreischen, wie wenn eine Gabel über einen Topf kratzt, nur ungleich lauter. Gespräche sind bei diesem Krach nicht zu verstehen.

Diese Erfahrung haben auch die Mitglieder des Verbandsgemeinderates Speicher in der jüngsten Sitzung gemacht. Sechs Jets der Air Base Spangdahlem sind zwischen 20.30 Uhr und 21 Uhr über das Rathaus gebrettert und haben so manchen Redner unterbrochen. Die Klangkulisse hätte kaum besser zum Thema des Abends passen können: Fluglärm.

„Was die Anwohner in letzter Zeit vom Flugplatz ertragen müssen, ist sehr sehr heftig“, beginnt Speichers oberster Sozialdemokrat Oswald Krummeich eine kurze Ansprache an Bürgermeister Manfred Rodens. Viele  Bürger hätten sich bei ihm gemeldet, sagt der SPD-Politiker. Spezialübungen und Nachtflüge seien zwar angekündigt gewesen: „Aber in diesem Maße konnte sich das keiner vorstellen.“ Er bittet Rodens (CDU) daher darum, „den Amerikanern zu erklären, dass rund um ihre Air Base auch Menschen leben.“

Das sagen Bürgermeister und Bürger: Tatsächlich ist der Fluglärm in den Orten rund um Spangdahlem zwar schon so lange ein Thema wie es den US-Stützpunkt gibt. In den vergangenen Monaten hatten aber zumindest manche Anwohner das Gefühl, dass es mit dem Krach schlimmer geworden ist.

Das bestätigt der erste Beigeordnete der Gemeinde Binsfeld, die so nahe an der Air Base liegt, dass man„alles mitbekommt, egal ob die von Osten oder Westen aus starten.“ Es sei lange relativ still gewesen, sagt Pitsch, um dann abrupt  umso lauter zu werden. Der Binsfelder habe zwar Zeiten erlebt in denen wesentlich mehr geflogen wurde. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren sei der Lärm aber „erheblich“ gewesen.

Auch Arenrath, ein Dorf, das wie Binsfeld zur Verbandsgemeinde Wittlich Land gehört, liegt in der Einflugschneise. Bürgermeister Hans-Ludwig Schmitz spricht von „harten Zuständen“ in den letzten Wochen: „Wir erwarten jetzt aber, dass der Betrieb bald wieder zur Normalität zurückkehrt.“ Es habe ja immer Gründe für die zusätzlichen Flüge gegeben. „Wenn das ein Dauerzustand wäre, würden wir uns darüber wirklich aufregen“, sagt Schmitz.

Werner Pick, der Ortsbürgermeister von Herforst, gibt seinen Kollegen Recht: „Bei uns hat sich die Belastung verschlimmert. Über dem Kindergarten machen die mittags einen Dauerflug.“ Und insgesamt werde dagegen zu wenig unternommen: „Der Fluglärm wird totgeschwiegen. Aber militärische Belange können nicht über den Interessen der Bevölkerung stehen!“

Die Ortsvorsteherin von Niederkail, das zu Landscheid gehört, sieht die Lage entspannter: „Wir sind seit Jahren betroffen. Aber wir wissen ja auch, dass die Air Base da ist.“ Ihre Meinung: Die Bürger haben sich an den Krach gewöhnt, der früher schlimmer war.

Die Leiterin einer Kita in der Region wird ihr kaum Recht geben. Die Erzieherin, die lieber anonym bleiben will, sagt: „Der Lärm ist ein Problem. Und gerade in den vergangenen Monaten war es schlimm.“ Wenn die Jets in der Mittagszeit über die Einrichtung donnerten, reagierten vor allem Kleinkinder „ängstlich und verstört“, sagt sie. Je älter sie würden, desto eher würden sie sich zwar an das Geräusch gewöhnen: „Aber es wäre schön, wenn das mit dem Krach nachlassen würde.“

Auch auf der Facebook-Seite der Bitburger TV-Redaktion sorgt das Thema immer wieder für Diskussionen – zuletzt in der Kommentarspalte eines Artikels über die Verlegung der F22-Kampfjets nach Spangdahlem. „Es ist schon extrem störend, wenn die Flugzeuge über unserem Haus ihre Kreise ziehen“, schreibt etwa Vera Kröschel.  Elisabeth Frisch hingegen erwidert: „Ich weiß, dass es vielleicht nervig ist, wenn sie nachts fliegen.“ Aber die Eifeler hätten jahrelang von den Arbeitsplätzen auf der Base und den vielen Piloten, die in der Region zur Miete wohnen, profitiert: „Schade, dass man heute so abwertend über sie spricht.“

Das sind die Fakten: Die Kommentare zeigen zum einen, dass der Fluglärm weiterhin ein sensibles Thema und auch ein Aufreger bleibt. Und zum anderen, dass es immer auch um eine gefühlte Belastung geht. Manche empfinden den Krach als störend, andere kommen gut damit aus. Wissenschaftler haben derweil längst einen Zusammenhang zwischen Herz-Kreislauferkrankungen und Fluglärm nachgewiesen.

Aber wird denn nun mehr geflogen als vor Jahren? Die Faktenlage dazu ist dünn. Die einzigen belastbaren Zahlen stammen aus der Antwort auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion im Bundestag.

Demnach hat der Fluglärm in der Region Trier zugenommen. 2016 wurde durchschnittlich 2,85 Stunden am Tag geflogen, 2017 vier Stunden. Bis 2018 reicht die Statistik zwar nicht. Tatsächlich hat es in den vergangenen drei Monaten aber verstärkt Spezialtrainings und Nachtflüge gegeben. Im Sommer und Frühherbst kam einiges zusammen:

Zuerst probten Piloten im Juli zwei Wochen lang das Starten- und Landen. Dann ging es Anfang August mit dem „Flying Training Deployment“ weiter. Dazu wurden US-Streitkräfte nach Spangdahlem verlegt. Die bretterten dann mit dem 52. Jagdgeschwader durch den Eifelhimmel. Etwas später im August kamen dann noch F22-Bomber aus Florida hinzu, die von Anwohnern als „besonders laut“ beschrieben werden. Kaum waren die im September weg, ging es mit Nachtflügen weiter. Die haben dann im Oktober ihr Ende gefunden. Seitdem ist es ruhig.

Der Tourismus: Apropos Ruhe: Das ist ja bekanntlich genau das, was Touristen auf dem Land suchen. Durch Wälder wandern oder radeln, sich abends bei einem Pils oder Wein im Biergarten entspannen – so stellen sich viele Gäste Urlaub in der Eifel vor. Wenn da nicht der Fluglärm wäre. Der hat zumindest Marianne Kolberg offenbar den Trip vermiest.

Die Frau aus Mühlheim an der Ruhr war im August für zwei Wochen in einem Eifeler Hotel zu Gast. Wenn sie allerdings, wie sie in einem Leserbrief an den TV schreibt, gewusst hätte, was für ein „Höllenlärm“ sie erwartet, wäre sie nicht gekommen: „Aufenthalte im Freien zu den Manöverzeiten waren ausgeschlossen. Diese Dezibelstärke schadet allen Lebewesen!“ Vor allem das Gastgewerbe leide darunter, vermutet Kolberg: „Mit diesen Manövern vertreiben die Verantwortlichen alle Gäste aus der Eifel.“ Stimmt das wirklich?

Die Tourist-Informationen im Wittlicher und Bitburger Land geben Entwarnung. „Bisher haben wir keine negativen Auswirkungen bei Anfragen festgestellt und auch keine Beschwerden wegen der Flugaktivitäten von Touristen entgegengenommen“, sagt Karsten Mathar von der Moseleifel Touristik.

Auch Maria Arvanitis von der Tourist Information Bitburger Land kenne das Problem bisher nicht: „Davon haben wir bislang nichts gehört.“ Im Gegenteil profitieren das Gastgewerbe und die Touristiker eher von den Amerikanern, die Eifeler Restaurants besuchten und Freizeitangebote wahrnehmen. „Wir sehen den Stützpunkt eher als Standortvorteil an“, sagt Arvanitis.

Und sie ist nicht die einzige. „Der Fluglärm stört unsere Gäste nicht. Die sind eher an der Air Base interessiert, wollen sich die mal anschauen“, sagt Dirk Biehl vom Landhaus Biehl in Philippsheim.

Auch im Gasthaus zum Eck in Grosslittgen sieht man den Flugbetrieb und die Air Base eher in einem positiven Licht. „Die Amerikaner bringen Wirtschaftlichkeit in die Region. Davon profitiert das Gastgewerbe“, meint Chefin Lydia Aghegyi.

Einen anderen Blick auf die Lage hat Hotelier Marc van Oest aus Dudeldorf: „Diesen Sommer war es schrecklich.“ Seit 12 Jahren führt er das Hotel „Zum alten Brauhaus“. Doch so schlimm wie in diesem Juli und August sei es noch nie gewesen: „Ein paar Flieger morgens, ein paar abends – das wäre ein normaler Flugbetrieb, gegen den keiner was hat. Was hier in diesem Jahr los war, war ohne Vergleich.“

So oft und so tief seien die Jets geflogen, dass sich Gäste beschwerten, ein paar hätten das Hotel sogar früher verlassen. „Wenn das so weitergeht“, sagt van Oest, „wird die Fliegerei unserem Betrieb sehr schaden.“ Wird es so weitergehen?

Das sagt die Air Base: Das 52. Jagdgeschwader nehme die Bedenken der Bevölkerung sehr ernst, antwortet die Pressesprecherin des Flugplatzes auf eine TV-Anfrage: „Wir wollen gute Nachbarn sein und die Belastung so gering wie möglich halten.“ Allerdings müssten die Piloten wie in der Vergangenheit Trainingsmissionen fliegen – auch nachts. Diese würden aber stets angekündigt. In der Regel schreibt die Mitarbeiterin, gäbe es Nachtflüge von Oktober bis März. Es ist also davon auszugehen, dass im kommenden Winter auch nach 22 Uhr trainiert wird.

Hinzu kommen zu diesen Routine-Flugstunden seit vier Jahren die Übungen im Rahmen der „European Deterrence Initiative“. Bei diesem Programm rotieren US-Streitkräfte von Air-Base zu Air Base (der TV berichtete). Der Sinn der Übung: die Abschreckung Russlands. Die Kampagne wurde 2014 vom US-Senat als Antwort auf die Anexion der Halbinsel Krim beschlossen. Das hat zu mehr Flugbetrieb in Spangdahlem geführt.  Und damit werde es weitergehen, kündigt die Pressestelle an.

Aber über all das werde auch bei einem Forum in Spangdahlem Ende Oktober mit Kommunalpolitikern gesprochen. Bleibt abzuwarten, ob Bürgermeister Manfred Rodens hier der Bitte des Genossen Krummeich nachkommen wird. Der Sozialdemokrat erwartet in der nächsten VG-Rats-Sitzung jedenfalls „konkrete Ergebnisse eines Gesprächs mit den Amerikanern.“