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Friede, Freude, Faustschlag

Gewalt in der Familie ist vor allem an Weihnachten ein Thema.Foto: Friedemann Vetter
Gewalt in der Familie ist vor allem an Weihnachten ein Thema.Foto: Friedemann Vetter
WITTLICH/BITBURG-PRÜM/DAUN. Dass Weihnachten nicht immer friedvoll ist, erfahren jährlich die Dienst schiebenden Polizisten. Wenn der Streit eskaliert und Gewalt im Spiel ist, hilft oft nur noch eine Nummer: die 110. ARRAY(0x182f7ba8)

Weihnachten - besinnlich, fröhlich und vor allem friedlich sollen die Feiertage sein. Doch die guten Vorsätze zu erfüllen, scheitert oft an zu hohen Erwartungen an sich selbst und an andere. Streit ist die Folge, und wenn dann noch Alkohol im Spiel ist, rutscht auch mal die Hand aus. Da kann schon die Christbaumkugel, die vom Baum fällt, das falsche Geschenk oder die trockene Weihnachtsgans der Auslöser sein. Polizeikommissar Matthias Nikolay und Klaus Schnarrbach, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit bei der Polizei in Bitburg, beobachten gerade an den Feiertagen eine Zunahme an Gewalt in Familien und Beziehungen.Alkohol fast immer im Spiel

Im vergangenen Jahr rückte die Streife im Altkreis Bitburg im Schnitt 80 bis 100 mal aus, um Streitigkeiten zu schlichten. An Wochenenden sind meist ein bis zwei Einsätze nötig, an Weihnachten meist vier bis fünf. Etwa 50 mal musste die Streife im Kreis Daun und in Gerolstein ausrücken, sagt Werner Müllen, stellvertretender Dienststellenleiter der PI Daun. In der Regel seien es immer wieder die selben Familien, in denen es Konflikte gebe. An Weihnachten beobachtet Müllen hingegen keine steigende Tendenz an Auseinandersetzungen. Die Wittlicher Kollegen mussten im vergangenen Jahr wegen Streitigkeiten in Familien und Beziehungen zwischen 45 bis 50 mal ausrücken, sagt Jürgen Riemann, stellvertretender Dienststellenleiter der Polizieiinspektion Wittlich. An Weihnachten war es dafür "sehr ungewöhnlich" ruhig. Kein Notruf ging ein. Friedlich ging es an Weihnachten auch in den Verbandsgemeinden Arzfeld, Prüm und Obere Kyll zu. "2003 musste die Polizei wegen familärer Streitigkeiten 37 mal ausrücken, in diesem Jahr waren es bisher 34 Einsätze", sagt Ferdinand Spartz, Polizeioberkommissar bei der PI Prüm. "Der Streit entsteht ja nicht von heute auf morgen, es gibt immer eine Vorgeschichte", weiß Schnarrbach. "Wenn wir tätig werden, ist das Fass am überlaufen." Und fast immer ist Alkohol im Spiel. Während die Polizisten früher meist das Opfer sicherheitshalber aus dem Haus oder der Wohnung gebracht haben, sieht seit dem 10. März 2004 die Sache anders aus. Das neue Polizeigesetz machte Schluss mit der Umkehr der Verantwortlichkeiten. Seitdem kann die Polizei den Täter aus der Wohnung verweisen und ihm bis zu zehn Tage lang die Rückkehr verbieten. Sollte der Täter gegen die Anordnungen verstoßen, können ihn die Polizisten auch in Gewahrsam nehmen. "Damit soll das Opfer wirkungsvoll geschützt und in die Lage versetzt werden, die Gewaltspirale zu durchbrechen", heißt es in einer Broschüre des Innenministeriums.Konflikte werden oft als Privatsache gesehen

Seit der Änderung der Gesetzeslage beobachten die Beamten, dass vor allem Frauen öfter den Mut fassen, Anzeige zu erstatten. "Das Problem ist, dass Konflikte immer noch als Privatsache angesehen werden. Nachbarn sehen lieber weg und fassen selten den Mut, die Polizei anzurufen", beobachtet Schnarrbach. Zu 90 Prozent seien Frauen die Opfer, sagen die Polizisten. Sie raten, nicht abzuwarten, bis etwas passiere. Wer sich bedroht fühle, könne auch vorher schon aktiv werden und sich ans Amtsgericht wenden. In etwa 40 Fällen wurde in Bitburg Anzeige erstattet. Während sich in Trier Mitarbeiter einer Interventionsstelle um die Opfer kümmern, raten die hiesigen Polizisten den Opfern, sich mit der Caritas, dem Frauenhaus oder der Gleichstellungsbeauftragten in Verbindung zu setzen. "Ich rufe meist einen Tag später noch mal an oder fahre vorbei, um mit dem Opfer alles in Ruhe zu besprechen", sagt Polizeikommissar Nikolay, der sich in Bitburg speziell um die Koordination von Gewaltdelikten in "engen sozialen Beziehungen" kümmert. Besonders an die Nieren gehen den Polizisten Einsätze, bei denen Kinder beteiligt sind. Es sei nicht schön, den randalierenden Vater vor Augen der Kinder aus dem Haus zu bringen. "Das ist unser Alltagsgeschäft. Das bleibt leider nicht in den Kleidern hängen, wenn man sie auszieht", sagt Schnarrbach.