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Gericht
Drogen, die Airforce und die Zahl 81

Trier/Speicher. Einem 52-jährigen Eifeler wird gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Der Fall, der vor dem Landgericht Trier verhandelt wird, ist komplex. Der Angeklagte fühlt sich verfolgt. Von Maria Adrian
Maria Adrian

Wo fängt man an, wenn es um eine komplizierte Zweierbeziehung geht, deren Schattenseiten vor dem Landgericht Trier thematisiert werden? Wo beginnen, wenn es um Drogen, Alkoholmissbrauch, Psychosen, mögliche Schizophrenie, Verfolgungswahn und Morddrohungen geht. Der Reihe nach: Einem 52-jährigen Angeklagten aus der Verbandsgemeinde Speicher wird gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Das ist der Gegenstand des Verfahrens vor der dritten großen Strafkammer am Donnerstagmorgen. Nachdem Staatsanwältin Katrin Schneider die Anklageschrift verlesen hat, möchte Richter Armin Hardt erst mal den Angeklagten kennenlernen. Er klärt diesen über sein Recht zu schweigen auf, sagt ihm eindringlich, dass er die Wahrheit sagen muss, wenn er sich einlässt.

Der Angeklagte möchte sich einlassen. Das tut er sehr ausgiebig und oft ungefragt. Er legt sich sogar auf den Boden, um zu demonstrieren, wie er mal mit einem Polizeibeamten gerungen habe. Doch dazu später mehr. Der 52-Jährige erzählt, dass er in Trier geboren wurde, dass seine Eltern sich scheiden ließen, als er ein Jahr alt war, dass seine Mutter nach Amerika ging, und dass er bei Oma und Tante im Eifelkreis aufgewachsen sei, da sein Vater als Fernfahrer kaum zu Hause war. Er habe eine Ausbildung zum Maschinenschlosser gemacht, Zivildienst geleistet und sei Rettungssanitäter. Er lernt eine Frau kennen, bekommt mit ihr 1990 einen Sohn, den er aber nicht kennenlernt, weil die Mutter des Kindes ihn verlässt, als er sechs Wochen in einer Klinik ist. Bei ihm sei 1991 eine Psychose festgestellt worden.

„Wie kam es dazu, nehmen Sie Drogen?“, fragt Richter Hardt. „Ich habe 30 Jahre Heroin gespritzt“, sagt der Angeklagte, jetzt nehme er Methadon. Er habe unter Schlafentzug gelitten, viel „gekifft“. Hardt fragt ihn auch nach seinem Alkoholkonsum. Alkohol sei bei ihm kein Thema, versichert der Angeklagte. Dafür würde seine jetzige Lebensgefährtin um so mehr trinken.

Die beiden leben in einem Ort in der Verbandsgemeinde Speicher und sind zusammen mit dem Bus zur Verhandlung nach Trier gekommen. Sie soll der Angeklagte zuvor gewürgt, beleidigt und bedroht haben. Er soll ein Messer in Richtung ihrer Füße geworfen, ihr ein Messer an den Hals gehalten und ein Brett in den Rücken geschlagen haben.

Das bestätigt seine Lebensgefährtin, die als erste Zeugin spricht. Bei der Schilderung bricht sie hin und wieder in Tränen aus. Das mit dem Brett habe er jedoch nicht absichtlich gemacht. Der Angeklagte hat sowieso seine eigene Version der Vorfälle, sieht die Schuld im Alkoholkonsum seiner Partnerin, die aggressiv werde, wenn er ihr den Wein wegnehme, ihm bei diesen Gelegenheiten auch in die Genitalien trete. Die Zeugin beteuert, dass seine Ausraster, seit er von Januar bis Mai 2018 im Gefängnis saß, weniger geworden seien. „Aber wenn er austickt, dann richtig. Und er weiß dann nicht mehr, was er tut“, sagt die 52-Jährige. Er würde sie würgen, bis sie blau sei. Der Richter zeigt Fotos, die die Polizei gemacht hat. „Oh Gott, wie sehe ich denn da aus“, sagt sie dazu.

Zur Sprache kommt auch, dass sich der Angeklagte von den Amerikanern verfolgt fühlt. Er glaubt, von ihnen abgehört zu werden. Ein Mal soll ein Freund von ihm aus Berlin eine Botschaft auf den Fernsehbildschirm geschickt haben. Eine amerikanische Nachbarin habe ihm beim Onanieren zugeschaut. Die Rocker „Hells Angels“ hätten zudem die Fenster seines Hauses mit der Zahl 81 beschmiert. Auf die Frage der psychologischen Gutachterin, Sylvia Leupold, ob ihr Partner psychisch krank sei, nennt die Zeugin Stichworte wie bipolare Störung und Schizophrenie: „Ich bin aber kein Doktor.“

Der Angeklagte soll auch anderen gedroht haben, zum Beispiel einem Polizeibeamten, der von 35 Einsätzen spricht, die es wegen des Mannes innerhalb von zwei Jahren gegeben habe. Nach einem dieser Besuche im Haus des Beschuldigten war es zu einem Gerangel gekommen. Der Angeklagte habe wohl verhindern wollen, dass der Polizist, der mit zwei Vertreterinnen des psychologischen Dienstes und des Ordnungsamtes nach dem Wohl der Frau schauen wollte, diese zu sehen bekämen. Dabei habe der 52-Jährige die Frauen übelst beleidigt. Auch habe er die Frau des Beamten angerufen und gedroht, dass er mit einer Axt vorbeikäme. Dass er sein eigenes Haus mit Kerosin in die Luft habe jagen wollen, bestreitet der Beschuldigte. Er habe über die „Amis“ geschimpft, die im Tiefflug über den Ort flögen. Denn: „Mit der Airforce habe ich Krieg“. Die Verhandlung wird Dienstag fortgesetzt.