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Geschichte
Erst jetzt zugegeben: Jahrzehntelang wurden Jungs im kirchlichen Internat Albertinum misshandelt

Das Albertinum in Gerolstein steht seit einigen Jahren leer. Ringsum blüht Löwenzahn, Efeu ergreift vom Gebäudekomplex  Besitz, doch das Gras, das über die Geschichte des Hauses zu wachsen schien, lichtet sich und bringt skandalöse Zustände zum Vorschein.
Das Albertinum in Gerolstein steht seit einigen Jahren leer. Ringsum blüht Löwenzahn, Efeu ergreift vom Gebäudekomplex Besitz, doch das Gras, das über die Geschichte des Hauses zu wachsen schien, lichtet sich und bringt skandalöse Zustände zum Vorschein. FOTO: Mario Hübner
Gerolstein. Gerüchte über Missbrauch und Misshandlungen im Gerolsteiner Albertinum machen seit Jahren die Runde. Nun hat das Bistum Trier die Vorfälle auf eine Anfrage eingeräumt. Zuvor hatte der TV mit ehemaligen Bewohnern des Eifeler Internats gesprochen. Ihre Aussagen haben Licht in die dunkle Vergangenheit der über Jahre renommierten Einrichtung gebracht. Das sind ihre Geschichten: Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Als der Priester ihn aufruft, hat er einen Kloß im Hals. „Das Gedicht“, fordert der Mann. Doch der 13-Jährige kann es nicht aufsagen. Er hat die ersten Zeilen vergessen. Und er weiß, dass er dafür nicht ohne Strafe davonkommen wird. Doch heute greift der Geistliche nicht, wie sonst, zum Zeitungsspanner. Das Hartholz, dem der Junge so manchen blauen Fleck zu verdanken hat, lehnt an der Wand. An diesem Tag hat sich der Priester etwas Besonderes einfallen lassen. Einige Stunden später steht der Junge im Flur. Er darf nicht sprechen, sich nicht bewegen. Normalerweise müsste er längst schlafen. So sind die Regeln im Internat. Doch heute darf er sich nicht hinlegen. Stattdessen muss er unter Aufsicht des Priesters im kalten Gang ausharren. Sein warmes Bett: direkt hinter der Tür. Erst als er eine Ohnmacht vortäuscht, sich zu Boden fallen lässt, darf er in die Stube zu den anderen.

Heute ist der Junge von damals 69 Jahre alt und lebt in der Eifel. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. So wie die anderen Männer, mit denen der TV gesprochen hat. Die Internatsschüler wollen nicht auf das angesprochen werden, was ihnen in den Sechziger und Siebziger Jahren in der Bischöflichen Einrichtung widerfahren sein soll. „Ich habe damit abgeschlossen“: Es ist ein Satz, der in all diesen Gesprächen fällt. Und doch brechen sie ihr Schweigen.

Die Schüler beim Unterricht im Albertinum. Das Foto stammt vom 2013 verstorbenen Koblenzer Josef Dissemond. Es wurde bereits im Heimatjahrbuch des Vulkaneifelkreises aus dem Jahr 1997 veröffentlicht.
Die Schüler beim Unterricht im Albertinum. Das Foto stammt vom 2013 verstorbenen Koblenzer Josef Dissemond. Es wurde bereits im Heimatjahrbuch des Vulkaneifelkreises aus dem Jahr 1997 veröffentlicht. FOTO: Josef Dissemond

Jahrelang genoss das Internat in der Vulkaneifel einen guten Ruf. Eltern aus der gesamten Region schickten ihre Kinder in die Bischöfliche Einrichtung. Ihre Jungen sollten von den Priestern „Zucht und Ordnung“ lernen. Doch mit Erziehung habe das, was im Albertinum passiert sei, nichts zu tun gehabt. Vielmehr „mit psychischer und physischer Folter“, wie es ein Ehemaliger ausdrückt. Gewalt sei an der Tagesordnung gewesen: „Wer in der Nase gebohrt hat, bekam eine Ohrfeige mit drei Fingern. Wer sich nicht an die Ruhe im Silentium hielt, wurde an den Schläfenhaaren nach oben gezogen.“ Eine besonders schmerzhafte Züchtigung, denn an den Seiten des Kopfes treffen sich Bündel von Nervenbahnen. „Die Priester waren Sadisten“, bewertet der 69-Jährige die Zustände heute:  „Es ging ihnen um Qual, nicht um Sanktion.“

Ist es auch in der Kapelle des Albertinums  zu sexuellem Missbrauch gekommen? Das jedenfalls wird in einem Internetforum behauptet. Das Foto stammt vom 2013 verstorbenen Koblenzer Josef Dissemond. Es wurde bereits im Heimatjahrbuch des Vulkaneifelkreises aus dem Jahr 1997 veröffentlicht.
Ist es auch in der Kapelle des Albertinums  zu sexuellem Missbrauch gekommen? Das jedenfalls wird in einem Internetforum behauptet. Das Foto stammt vom 2013 verstorbenen Koblenzer Josef Dissemond. Es wurde bereits im Heimatjahrbuch des Vulkaneifelkreises aus dem Jahr 1997 veröffentlicht. FOTO: Josef Dissemond

Auch Gerüchte über sexuellen Missbrauch machten lange die Runde und wurden auch vor wenigen Jahren noch in einem Internetforum von mutmaßlichen Betroffenen diskutiert. Was genau bei den Schwimmstunden in der Kyll, in der Sporthalle und in der Kapelle vorgefallen ist, wird wohl nie geklärt werden können. Doch die Befragten kennen die Geschichten. So berichtet einer von ihnen, sein Vater habe ihn wegen der Gerüchte bereits 1974 vom Albertinum genommen. Doch wenn das stimmt: Warum drang dann Jahrzehnte lang nie etwas an die Öffentlichkeit? Warum hat sich das Bistum Trier, als Träger des Internats, nie zu den Vorfällen geäußert? Erst auf Anfrage des TV gibt die Sprecherin zu, dass die die Vorwürfe gegen den ehemaligen Leiter der Einrichtung und einen weiteren Priester ihr schon seit acht Jahren bekannt sind.

Inzwischen ist das Albertinum längst geschlossen. Das Gebäude im Schatten der Gerolsteiner Dolomitenfelsen steht seit Jahren leer. Versuche, dort ein Wohn- und Dienstleistungszentrum und ein Reisebüro zu etablieren, scheiterten. Schon zuvor wechselte die sogenannte „Busenvilla“, wie der Bau wegen der zwei Rundtürme genannt wurde, immer mal wieder den Besitzer. 1927 lässt ein Drogist in der Nähe des Bahnhofs das Hotel Dolomit erbauen. Bis zum Zweiten Weltkrieg schlafen Reisende in den Betten, Paare feiern Hochzeiten in den Sälen. Doch als die Bomben über Deutschland fallen, gibt der Besitzer auf. Die Nationalsozialisten nutzen die prunkvolle Villa fortan als Kommandozentrale. Nach Hitlers Niederlage ist Gerolstein zu großen Teilen zerstört. Und dringender denn je braucht die Stadt ein Internat. Also erhält der damalige Kaplan von Daun 1945 vom Regens des Bischöflichen Priesterseminars Trier den Auftrag, eines zu errichten. 1946 ziehen die ersten Kinder ein, schlafen in dreistöckigen Betten, sitzen im Unterricht auf Kisten.

Auch später, in den Sechziger- und Siebziger Jahren bleiben die Zimmer eng. Zu sechst oder siebt wohnt man in einer Stube. Kein Wunder, dass es unter den Pubertierenden häufig zu Streit kommt. „Teilweise zu Prügeleien und Messerstechereien“, wie ein Ehemaliger erzählt: „Wenn du überleben wolltest, musstest du entweder ein Gruppentier sein oder dich als einsamer Wolf durchschlagen.“ „Opfertypen“, sagt er, seien in diesem Klima der Gewalt „kaputt gegangen.“ Wer den Worten des Mannes lauscht, könnte meinen, er spreche über ein Gefängnis, nicht über ein Internat. Und so nannten die jungen Männer das Albertinum ja auch: „Knast.“

Und wenn das Albertinum ein Knast war, dann war der Direktor der Oberaufseher. „Er war ein Mann wie ein Baum, etwa ein Meter neunzig groß und kräftig“, so beschreibt einer der Internatsschüler den ehemaligen Leiter: „Man hatte Angst vor ihm.“ Von Betroffenen wurden vor allem ihm Misshandlungen und Missbrauch vorgeworfen.  Auch davon will das Bistum erst 2010 erfahren haben. Also drei Jahre nach dem Tod des Pfarrers, der nach längerer Krankheit im Alter von 68 Jahren starb. Sanktionen musste der mutmaßliche Täter daher sein Leben lang nicht fürchten. 1982, als er sein Amt im Albertinum niederlegte, übernahm er eine Pfarrei in Illigen. Danach wechselte er auf den Saargau, wo er zuletzt 1700 Katholiken betreute. Im Nachruf heißt es, er sei ein „liebenswerter Mensch“ gewesen. Eine Einschätzung, über die einer der Ehemaligen nur lachen kann. 

Was mit dem zweiten mutmaßlichen Täter passiert ist, liegt im Dunkeln. Der ehemalige Oberpräfekt des Albertinums soll die jungen Männer ebenfalls misshandelt haben. „Von uns ließ er sich Plato nennen, der Gerechte“, sagt einer der Internatsschüler: „Dabei war er nichts anderes als ein Sadist.“ Der Oberpräfekt habe die Kinder mit dem Rohrstock geschlagen, ihnen Kopfnüsse verpasst. Über seinen Verbleib wisse das Bistum nichts, sagt eine Sprecherin auf Nachfrage des TV. Es lägen keine Personalinformationen mehr vor. Auch die Staatsanwaltschaft Trier kann keine Auskunft darüber geben, ob der Mann sich für die Vorwürfe vor Gericht hat verantworten müssen. Die Akten aus dieser Zeit seien gelöscht.

Nicht gelöscht sind allerdings die Erinnerungen der Bewohner. „Vieles, was in meinem Leben schief gelaufen ist, habe ich dem Albertinum zu verdanken“, ist sich einer der Befragten sicher. Eine Entschädigung habe er vom Bistum Trier nicht gefordert: „Ich lechze nicht danach, die Vergangenheit aufzurechnen.“ So scheint es den meisten Betroffenen zu gehen, deren Anzahl die Bistumssprecherin nicht beziffern kann.  Wer vom Bistum eine „finanzielle Leistung in Anerkennung des Leids“ erhalten hat, lässt sich hingegen leicht zählen. Eine einzige Person bekam 2011 eine Entschädigung. Sonst habe sich niemand gemeldet.