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Geschichten aus dem Tal der Enthaupteten

Der Wittlicher Abenteurer Werner Jondral präsentierte sein Buch „Jenseits des großen Wassers" im Casino.TV-Foto: Björn Pazen
Der Wittlicher Abenteurer Werner Jondral präsentierte sein Buch „Jenseits des großen Wassers" im Casino.TV-Foto: Björn Pazen FOTO: Bjoern Pazen (BP) ("TV-Upload Pazen"
Wittlich/Bitburg. Der Wittlicher Abenteurer Werner Jondral sorgt bei der Präsentation seines neuen Buches für ein proppenvolles Casino. Björn Pazen

Wittlich/Bitburg Er war mit seinem Kajak durch das Tal der Enthaupteten gerast, er hatte das Tor zur Hölle gesehen - und war in den Hochburgen des Goldrauschs gewesen, der um 1900 im nördlichen Kanada grassierte. Dawson City war sein Traum gewesen, der Klondike-Rausch, der Yukon, das Gold - dafür hatte Waldemar Masuren bei Nacht und Nebel verlassen, war über Danzig in Hamburg gelandet und sich dort eines der begehrten Tickets für einen Dampfer gesichert, der ihn "jenseits des großen Wassers" bringen sollte.
Als Waldemar 1890 aufbrach, um später in Kanada sein Glück zu suchen, das er aber niemals fand, hätte er sich niemals denken können, dass seine Geschichte 127 Jahre später dafür sorgt, dass ein Landrat und ein Bürgermeister erst einmal auf Stuhlsuche gehen müssten, um noch einen Platz zu finden. Waldemars Großneffe hatte am Freitagabend ins Wittlicher Casino geladen, und es kamen so viele Freunde, Bekannte und Interessierte, dass der Platz nicht reichte und einige Besucher den Vortrag stehend verfolgen mussten.
Werner Jondral, heute 83 Jahre alt, ist ein Abenteurer wie sein Großonkel. Im Nordwest-Territorium Kanadas und in Alaska hatte sich Jondral in vielen Expeditionen jahrzehntelang auf die Spuren Waldemars begeben, der ihn schon als Kind in Masuren so begeistert hatte. Er traf Indianer, bei deren Vorfahren Waldemar gelebt hatte, er sah Fotos seines Großonkels, er machte sich auf die gleichen Strecken - wenn auch mit viel modernerem Gerät. Jondral, den es nach seiner Flucht vor der Roten Armee zum Ende des Zweiten Weltkriegs irgendwann nach Wittlich verschlagen hatte, war Filmemacher, Abenteurer, Expeditionsleiter - heute lebt er in einem Holzhaus in Hüttingen an der Kyll im Eifelkreis Bitburg-Prüm.
Acht Jahre nach seinem ersten Buch "Das Haus am Omulef" über Masuren und seine Flucht, präsentierte er am Freitagabend "Jenseits des großen Wassers", die Abenteurergeschichte über Großonkel Waldemar. Wer beim immer noch quietschfidelen Jondral eine klassische Autorenlesung erwartet hatte, lag völlig falsch: "Ihr sollt ja selber lesen", sagte der frühere Besitzer mehrerer Rasthöfe immer wieder. Viel mehr erzählte er - von sich, von Waldemar, von den Vorbereitung auf die Kajak-Expeditionen: "Im tiefsten Winter trainierten wir auf der Lieser. Die Leute, die vorbeikamen, hielten uns für Verrückte." Aber sie konnten ja auch nicht ahnen, dass diese Verrückten später den Yukon, den McKenzie und den South Nahanni befahren würden - mit ihren gefährlichen Stromschnellen, die den damaligen Goldsuchern zum tödlichen Verhängnis wurden. "Tausende haben den Traum vom Gold mit dem Leben bezahlt", sagt Jondral.
Waldemar hatte nach seiner Auswanderung erst als Tellerwäscher oder auf einer Ranch gearbeitet, dann hatte vom Gold erfahren und machte sich mit seinem Kumpel Gustav auf. Gustav erfror betrunken vor einer Kneipe, Waldemar fand Gold, verlor den Klumpen aber, als er mit einem Floß in einer Stromschnelle kenterte - und irgendwann verlor sich seine Spur.
1987 machte sich Jondral mit drei Kollegen auf, jenen Fluss South Nahanni in der menschenleeren kanadischen Wildnis zu befahren. Auch er wollte Gold finden - er fand es nicht, drehte aber einen Film über die Expedition, der im Anschluss an die Lesung gezeigt wurde. "Alaska und Kanada haben mich geprägt und beschenkt, aber heute geht es nicht mehr", lautet Jondrals Bilanz, und mit einem Augenzwinkern: "Ich wäre liebend gerne 150 Jahre früher, zur Zeit der großen Entdecker, geboren worden, dann wäre sicherlich irgendein Fluss oder eine Insel nach mir benannt worden."
Bürgermeister Joachim Rodenkirch, Landrat Gregor Eibes und die 150 sitzenden oder stehenden Gäste im Casino klatschten lange Beifall für die Geschichte und die Geschichten Jondrals, und die meisten sicherten sich auch gleich das neue Buch. Am Freitag, 17. November, stellt Jondral das Buch "Jenseits des großen Wassers" ab 19 Uhr in der Volksbank Bitburg vor.