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glaube im Alltag

Wir flogen etwa 300 Meter hoch über der Kieler Förde. Plötzlich die Meldung vom Kommandanten: "Wir haben ein Problem!" Kurz danach: "Wir haben einen Jonas an Bord: Schmeißt den Pfarrer raus, aber ohne Fallschirm!" Wir lachten alle, waren aber doch froh, dass das Problem am Triebwerk gelöst werden konnte.

So ist das seit uralten Zeiten bei der "christlichen Seefahrt" (auch in der Luft): Geht irgendetwas total schief, sucht man den "Jonas", der an allem schuld ist und darum über Bord geworfen werden muss. Dahinter steht ein biblischer Hintergrund: Im Alten Testament wird erzählt, dass der Prophet Jona Gottes Auftrag für sinnlos hielt, die Menschen der total gottlosen Stadt Ninive zu bekehren. Er floh per Schiff in die andere Richtung. Unterwegs gerieten sie in Seenot. Jona gestand den verzweifelten Seeleuten: "Ich bin schuld! Gott straft mich. Werft mich über Bord!" Sie taten es. Prompt waren Sturm und Seegang vorbei. Ein Walfisch schluckte Jona und spie ihn genau dort an den Strand, wo Gott ihn hinschicken wollte. Diese merkwürdige Geschichte sagt: Vor Gottes Auftrag kann man nicht weglaufen. Er bringt uns notfalls auf seltsame Weise an sein Ziel. Die bösen Menschen in Ninive sollen sich übrigens echt bekehrt haben. Fromme Christen sahen in Jona auch ein "Vor-Bild" für Jesus von Nazareth: Er ließ sich opfern, damit alle Menschen gerettet würden. Aber daran hat unser Kommandant beim Flug über die Kieler Förde wohl nicht gedacht. Hans-Martin Stüber, Pfarrer im Ruhestand, Obere Marktstraße 12, 54568 Gerolstein.