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Afrikanische Schweinepest in Belgien
Ein krankes Schwein kommt selten allein

Fundort_der_infizierten_Schweine
Fundort_der_infizierten_Schweine FOTO: dpa / Ralf Hirschberger
Trier/Bitburg/Daun/Wittlich. Die Afrikanische Schweinepest hat Belgien erreicht. Behörden fanden infizierte Wildschwein-Kadaver etwa 60 Kilometer von der Grenze zu Rheinland-Pfalz. Steht hierzulande auch ein Ausbruch der Seuche bevor und wie rüsten sich Verwaltungen, Landwirte und Betriebe? Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Die Afrikanische Schweinepest ist auf dem Vormarsch. Experten rechnen seit Jahren damit, dass die Seuche irgendwann Deutschland erreicht. Nur, dass sie so schnell so nah kommen würde, hatte kaum jemand geahnt. Innerhalb weniger Wochen machte die Seuche einen Satz von Tausenden Kilometern: von Bulgarien nach Belgien.

Der Fundort: Behörden haben in der Nähe des Ortes Étalle im Süden des Landes zwei Wildschwein-Kadaver untersucht. Dabei wiesen sie den Erreger der Krankheit in Westeuropa zum ersten Mal aus, der im Osten seit Jahren Hunderttausende Schweine dahinrafft (der TV berichtete). Inzwischen wurden drei weitere tote Schwarzkittel bei Étalle gefunden. Fachleute glauben, dass in der belgischen Provinz Luxemburg womöglich Hunderte infizierte Tiere unterwegs sind.

Am nächsten dran am Ausbruchsherd ist der Kreis Trier-Saarburg. Étalle liegt etwa eineinhalb Autostunden von der Moselgroßstadt entfernt. Etwa zehn Minuten länger braucht man nach Wittlich, Prüm oder Daun. Das klingt laut einem Sprecher der Trier-Saarburger Verwaltung aber näher als es ist: Der südbelgische Ort sei „geografisch so weit weg, dass vorerst keine Bekämpfungsmaßnahmen notwendig seien.“

Anders ausgedrückt: So schnell laufen die Schweine nicht. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Virus liege bei etwa 30 Kilometer im Jahr: „Rein rechnerisch würde uns die ASP also erst 2019 erreichen“, gesetzt dem Fall, dass die Belgier es nicht schaffen, der Krankheit Herr zu werden. Die Rechnung geht aber nicht wirklich auf. Theoretisch könnte es der Erreger nämlich binnen eines Tages in die Region schaffen. Schuld daran ist der Mensch.

Die Seuche und der Mensch: Wie die Schweinepest so schnell von Ost nach West reisen konnte, ist schnell erklärt. Fest steht, dass das Virus, das die Krankheit hervorruft, nicht mit dem Tier stirbt, das es meist tötet. Der Erreger hält sich in Wurst- und Fleisch. Ein Saisonarbeiter oder Urlauber aus Osteuropa muss nur sein infiziertes Salamibrot in einen Mülleimer werfen. Sobald ein Wildschwein sich die Wurst einverleibt, kann es sich anstecken. Als blinder Passagier in Wurstwaren konnte die Krankheit auf diese Weise das Meer zwischen Afrika und Europa überwinden – mit katastrophalen Folgen für Landwirte und Fleischverarbeiter in östlichen Ländern.

Menschen können sich zwar nicht mit der Seuche anstecken. Bei Haus- und Wildschweinen führt sie aber fast immer zum Tod. Und da es bislang keinen Impfstoff gegen den Erreger gibt, hat es bislang kein Land geschafft, die Verbreitung des Virus in den Griff zu bekommen.

Also sorgen die rheinland-pfälzischen Behörden lieber vor. Tausende Euro haben die vier Kreise in der Region, Bernkastel-Wittlich, Bitburg-Prüm, Trier-Saarburg und der Vulkaneifelkreis, in Sicherheitsmaßnahmen investiert. Wird das reichen?

Was getan wurde: Die Kreise in der Region sprechen sich im sogenannten „Tierseuchenverbund Eifel“ miteinander ab und planen gemeinsame Aktionen, etwa Übungen für den Ausbruch der Schweinepest. Die nächste startet im Dezember in Bitburg. Aber auch bei regelmäßigen Runden Tischen zum Thema „Schwarzwild“ sprechen Jäger, Bauern, Katastrophenschutz und Veterinäre über Prävention und Strategien für den Ernstfall.

Für den seien die Kreise mit Desinfektionsmittel, Schutzmaterial, Bergungssets für Kadaver und Schleusen vorbereitet. Dort können durchfahrende Sattelschlepper oder Autos von Krankheitserregern befreit werden. Ferner hätten die Verwaltungen Jäger und Bauern über Infoschreiben und Veranstaltungen sensibilisiert. Die Veterinärämter hätten inzwischen alle Schweinehalter in der Region überprüft, informiert und geschult, teilen alle vier Behörden mit.

Aber auch das Land war nicht untätig. Die Landesbetriebe Mobilität in Trier und Gerolstein haben etliche Parkplätze und Raststätten mit Zäunen und neuen Abfalleimern ausgestattet. Außerdem haben Straßenplaner Hinweisschilder aufgestellt. Sie weisen Durchreisende an, ihre möglicherweise kontaminierten Speisereste nicht in die Landschaft, sondern in die Mülleimer zu werfen.

Was der Seuchenfall ändert: Für die Behörden offenbar nicht viel. Der Ausbruch habe keine „direkten Auswirkungen“ auf die Landkreise, teilen deren Sprecher mit. Zwar wird in einer Antwort auf eine TV-Anfrage darauf verwiesen, dass Veterinäre nach dem Fund „in stetiger Alarmbereitschaft“ seien und man „die Vorbereitungen nun intensiviere“. Konkrete Maßnahmen, die aus dem Ausbruch in Südbelgien folgen, werden aber kaum genannt.

So habe der Eifelkreis Bitburg-Prüm den Vorfall bislang lediglich zum Anlass genommen, Schweinehalter und Jäger noch einmal auf den Ernst der Lage hinzuweisen. Allerdings, teilt ein Sprecher mit, würden weitere Maßnahmen geprüft, zusätzliche Schutzausrüstung gegebenenfalls angeschafft. Die Landkreise Vulkaneifel und Trier-Saarburg wollen ihre Wildannahmestellen herrichten. Außerdem vereinbaren die Verwaltungen wohl ein „Verbundtreffen“, um dort über weitere Schritte zu beraten.

Insgesamt, das geht aus den Antworten der Verwaltungen hervor, fühlen diese sich offenbar gut gerüstet  – auch auf den Ernstfall. Krisenzentren könnten binnen eines Tages tätig werden.

Landwirte und Betriebe: Das bestätigt auch Michael Horper. Der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes, der auch für die CDU im Kreistag des Eifelkreises sitzt, sagt: „Wir haben alles getan, was wir tun konnten.“ Und auch die rund 200 Schweinehalter in der Region seien vorbereitet. Die Betriebe achteten auf Hygiene und Biosicherheit und könnten gewährleisten, dass das Virus aus den Ställen draußen bleibt.

Auch der größte Schlachtbetrieb der Region, Simon Fleisch, in Wittlich habe vorgesorgt, wie Geschäftsführer Bernhard Simon sagt: „Wir beschäftigen uns seit weit über einem Jahr mit dem Thema.“ Nach dem Ausbruch in Belgien sei die Situation allerdings „angespannter“. Die Personalhygiene werde daher weiter erhöht,  die Reinigung der LKW, die in den Betrieb fahren, intensiviert. Langfristig sei geplant, eine Desinfektionsstation für Sattelschlepper einzurichten, eine Schleuse also, durch die jedes Auto durch muss, das aufs Firmengelände will.

Selbst für den Ernstfall hat Simon anscheinend eine Lösung parat: „Der Schlachtbetrieb würde in jedem Fall auch nach einem Ausbruch der Schweinepest in unmittelbarer Nähe aufrecht erhalten bleiben.“ Es würden dann Korridore eingerichtet, durch die die Viehtransporter auf das Gelände können.

Sollte es zum Ausbruch der Seuche kommen, rechnet Simon trotzdem mit Einbußen. Denn das lukrative Geschäft mit den asiatischen Ländern, den Abnehmern für ansonsten unvermarktbare Tierteile wie Köpfe und Ohren, würde womöglich wegfallen. Den Import von belgischem Fleisch hatten sechs Staaten nach dem Ausbruch bereits gesperrt. Das könnte auch in Deutschland passieren, befürchtet Simon. Und das hätte wohl Auswirkungen auf den Schweine- und somit auch auf den Fleischpreis.

Das will auch Bauernpräsident Horper verhindern: „Das A und O ist es, die Handelswege offen zu halten.“ Von „unverhältnismäßigen“ Vermarktungsstopps und Not-Keulungen gesunder Tiere, hält er nichts: „Daran sind schon beim Ausbruch der Europäischen Schweinepest Existenzen zugrunde gegangen.“

Probleme sieht Horper außerdem auf  Ökobauern zukommen, die ihre Schweine auf der Weide halten. Wenn die Seuche ausbricht, kann nämlich eine sogenannte „Aufstallung“ blühen. Die Tiere dürften dann nicht mehr raus, da im Stall in der Regel besser auf Biosicherheit geachtet werden kann. Geplant seien solche Maßnahmen aber noch nicht, teilen die Kreisverwaltungen mit: „Die gesetzlichen Regelungen sehen vor, dass eine Aufstallung erst angeordnet wird, wenn betroffene Betriebe in nach der Schweinepestverordnung gemaßregelten Gebieten liegen.“ Also in solchen Gebieten, in denen die Seuche ausgebrochen ist.

Über all diese Themen spreche Horper mit Landesstellen: „Und ich habe auch das Gefühl, das unsere Anliegen Gehör finden werden.“

Die Jäger: Aber nicht nur die Landwirte hätten ihre Hausaufgaben gemacht, sondern auch die Jäger, sagt Günther Klein vom rheinland-pfälzischen Jagdverband. 88 650 Wildschweine hätten die Waidmänner dieses Jahr geschossen. „Eine Rekordstrecke“, nennt  Klein diese Abschussrate: „Wir wollen uns auf den Lorbeeren aber nicht ausruhen.“

Wie viele Wildschweine derzeit noch durch hiesige Wälder streifen, kann er nicht sagen. Aber je kleiner die Population sei, desto schlechter könne sich das Virus verbreiten: „Sie können sich so einen Wald vorstellen wie ein Büro. Wenn da einer niest und es sitzen zehn Leute nebenan, ist die Chance viel größer, dass sich einer ansteckt, als wenn da nur drei säßen.“

Doch die Jäger haben noch mehr Verantwortung. Sie sind angehalten, tote Wildschweine zu beproben. So soll gewährleistet werden, dass ein Seuchenfall früh erkannt wird. Klein: „Wir müssen weiterhin die Augen offen halten.“

Belgier wollen Schweinepest mit Schutzzaun eindämmen

Könnte bald ein seltenes Bild werden: die Afrikanische Schweinepest tötet befallene Tiere in der Regel schnell.
Könnte bald ein seltenes Bild werden: die Afrikanische Schweinepest tötet befallene Tiere in der Regel schnell. FOTO: dpa / Lino Mirgeler