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Soziales
„Stell dir vor, du kannst nicht zurück!“

Bettina Bartzen möchte mit ihrem Buch das Thema Flüchtlinge unter einem anderen Blickwinkel darstellen.
Bettina Bartzen möchte mit ihrem Buch das Thema Flüchtlinge unter einem anderen Blickwinkel darstellen. FOTO: Eva Herrig / TV
Bitburg. In ihrem Buch „Afghanistan - Bitburg / 6949 Kilometer für ein neues Leben“ begleitet Bettina Bartzen Jugendliche auf ihrer Reise.

Die Fotografin Bettina Bartzen stellt am Dienstag, 10. April, ihr neues Buch „Afghanistan - Bitburg“ vor. Mit diesem ersten Langzeitprojekt will sie den Blick hinter die Kulissen der Flüchtlingskrise lenken und stellt  sechs Jugendliche vor, die sie ein  Jahr begleitet hat. Ihre Geschichte hat   Bartzen zu Papier gebracht. Im Buch erzählen sie von ihrem langen Weg nach Deutschland. In größeren Abständen machte Bettina Bartzen Fotos und Interviews und befragte die Betreuer.

Das Ziel der Fotografin war es, das Thema Flüchtlinge unter einem anderen Blickwinkel darzustellen. Im Mittelpunkt stehen die einzelnen Betroffenen: Was passiert mit den jungen Geflohenen? Wie werden sie sich entwickeln? In der Wohngruppe Karee Eifel hatte Bartzen die  jungen Männer kennengelernt. Sie gaben ihr einen Einblick in ihre schwere Reise. Der Großteil von ihnen kommt aus dem fast 7000 Kilometer entfernten Afghanistan, sie kamen eher  zufällig nach Bitburg.

Inspiriert worden sei sie durch die Flüchtlingswelle im Jahr 2015, sagt Barzen. Damals flohen besonders viele Menschen aus Syrien und Afghanistan. In ihrem Buch bezieht sich die Autorin auch immer wieder auf  aktuelle Nachrichten.

Die sechs damals noch minderjährigen Jungen kamen allein nach Deutschland, fünf aus Afghanistan, einer aus dem Irak. Im Buch berichtet jeder von seinem Weg durch Europa. Bartzen erzählt von den zum Teil extremen Erfahrungen, die die Jungen gemacht haben. „Momin hat an der iranisch-türkischen Grenze seine Eltern verloren“. Erst über ein halbes Jahr später fand er sie durch einen Freund auf Facebook wieder.

„Auf ihrer Reise haben die Flüchtenden keine Vorstellung vom Ziel“, so Bartzen. Sie wollten nur überleben und irgendwohin gehen, wo es besser ist. Die Jugendlichen haben teilweise Traumata, Albträume und ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrer zurückgelassener Familie. Auf ihrer Flucht hatten sie kein Geld und keine Unterstützung, aber Umkehren war  keine Option. „Stell dir vor, du kannst nicht zurück“, wirft Bettina Bartzen ein.

In Deutschland angekommen, bemühen sie  sich, viel zu lernen, egal ob in der Schule oder in der Lehre. „Nach einer Ausbildung ist alles möglich, danach steht den Jugendlichen die Welt offen“, glaubt Bettina Bartzen.

Abdullah Dorman möchte beispielsweise Jura studieren oder Polizist werden. Dafür lernt  er   fleißig Deutsch. Das Wichtigste für ihn ist die Motivation. Er ist der Meinung: „Wenn man in einer Leistungsgesellschaft gut leben will, muss man sich integrieren.“ Zurzeit macht er eine Ausbildung als Koch im Hotel Eifelbräu in Bitburg. Der Küchenchef ist begeistert von Abdullah: „Er ist fleißig, freundlich, spricht perfekt Deutsch, besser geht es nicht!“ Das erste Wort des jungen Mannes war ‚Nagelklipser’, dafür hatte er tagelang geübt. An seiner Wand hängt ein Zettel. Darauf hat Abdullah sein Traumziel schriftlich festgehalten: „Du musst jeden Tag Deutsch Lernen, ohne Wenn und Aber! Ein Traum für Jurastudenten: Abdullah Dorman. Abdullah + Koch = Jura“.

Mahdi Rezai interessiert sich für Autos, besonders für BMW. Aus diesem Grund hat er eine Ausbildung als KFZ-Mechatroniker begonnen. In seiner Freizeit sitzt er in seinem Zimmer und lernt. Die Schule fällt ihm sehr schwer, obwohl seine Arbeitskollegen ihm viel zeigen. Besonders Mathe, Physik und Sozialkunde machen Mahdi große Mühe. „Ich habe keine Hoffnung und kann mich nicht auf das Lernen konzentrieren.“ Weil seine Ausbildung für ihn kaum zu bewältigen war, hat Mahdi zum Karosseriebauer gewechselt und hofft, seine Lehre hier in Deutschland  beenden zu können. Vor einer Abschiebung hat er große Angst, und die Nachrichten aus Afghanistan und Deutschland beunruhigen ihn sehr.

Deutsch zu lernen ist wichtig für alle in der Wohngruppe, denn die Jugendlichen haben Druck von oben: Wenn sie zu wenig lernen, können sie nicht in Deutschland bleiben. Momin Alam geht in die Euro BBW zur Schule und hat einen Wunsch: „Ich wäre gerne in einer normalen Klasse mit deutschen Schülern. Denn ich lerne kein Deutsch in der Schule, weil wir nur mit Ausländern zusammen sind.“

Die meisten der jungen Männer haben Heimweh und freunden sich nur langsam mit der neuen Kultur in Deutschland an.

„Am Anfang war die eigene Religion noch sehr wichtig“, erzählt Bettina Bartzen. Teilweise gab es zum Beispiel kein Verständnis dafür, dass es während des Ramadans (der Fastenmonat der Muslime) kein schulfrei gab. Doch zum Ende des Projektes hin seien die Jugendlichen mehr in Deutschland angekommen. „Sie haben ihre eigene Kultur nicht vergessen, sind aber lockerer im Umgang mit ihr“, meint die Fotografin. Was den jungen Männern unter anderem am meisten fehlt, sei das Essen ihrer Heimat. Für viele ist Deutschland auch nur ein Zwischenstopp. Malik Mohammed Ehtasham fiel es schwer in der Eifel. Er hatte viele Praktika, unter anderem in einer Schreinerei, absolviert. Eine Ausbildung in der Branche hätte ihm gut gefallen, doch sein Ayslantrag wurde abgelehnt. Der Leiter der Wohngruppe erzählt im Buch: „Dann war er plötzlich weg. Wir wissen von den Jungs, dass er nach Spanien zu Verwandten gefahren ist.“

Ein paar der jungen Flüchtlinge wohnen jetzt allein, in einer WG oder sind bei einer Familie untergekommen. Bettina Bartzen freut sich aber sehr, wenn der Kontakt zwischen ihr und den jungen Männern bestehen bleibt. Über die Zeit hat sich  ein Vetrauensverhältnis entwickelt, was  den  jungen Männern guttut – 6949 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt.

Die Kulturgemeinschaft Bitburg lädt für Dienstag, 10. April, zur Buchvorstellung „Afghanistan-Bitburg“ von Bettina Bartzen um 10.30 Uhr ins Haus Beda ein. Eingeladen sind  Menschen aus dem Bereich der Flüchtlingshilfe sowie  Schulklassen.  Das Buch wurde durch das Ministerium für Migration Mainz und die Kreissparkasse Bitburg gefördert und von der Kulturgemeinschaft Bitburg herausgegeben.

 Abdullah Dorman macht eine Ausbildung zum Koch.
Abdullah Dorman macht eine Ausbildung zum Koch. FOTO: Bettina Bartzen / tv
Darab Begzoada
Darab Begzoada FOTO: Bettina Bartzen / tv
Afghanistan Buch:  Mahdi Rezai
Afghanistan Buch: Mahdi Rezai FOTO: Bettina Bartzen / tv
Hat Angst vor einer Abschiebung: Mahdi Rezai.
Hat Angst vor einer Abschiebung: Mahdi Rezai. FOTO: Bettina Bartzen / tv