| 18:47 Uhr

Deutsch-Amerikanische Freundschaft
Willkommenskultur im Jutebeutel

Jacob Arthur (rechts) hat sich in Binsfeld sofort wohlgefühlt. Aus der Broschüre, die John Constance (links) zusammengestellt hat, hofft er  Ausgehtipps mitzunehmen.
Jacob Arthur (rechts) hat sich in Binsfeld sofort wohlgefühlt. Aus der Broschüre, die John Constance (links) zusammengestellt hat, hofft er Ausgehtipps mitzunehmen. FOTO: Christian Altmayer / TV
Binsfeld/Spangdahlem. Eine Landesinitiative fördert Gemeinden rund um US-Stützpunkte. Das Ziel: Amerikaner über örtliche Angebote informieren und sie so stärker ins Gemeindeleben zu integrieren. In Binsfeld sollen Stofftaschen dabei helfen. Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Wer geht denn da von Tür zu Tür? Es sind weder Staubsaugervertreter, noch die Zeugen Jehovas, die in Binsfeld unterwegs sind. Nein, Bürgermeister Walter Faber muss heute  Klinken putzen. Um die Schulter trägt er Jutebeutel. Und der Inhalt der Taschen ist für diejenigen bestimmt, die er an diesem Tag besucht. Amity Scheid wartet mit ihrem Mann schon vor der Tür. Sie hat den Dorfchef eingeladen. Die Scheids leben nun seit einem Jahr im Wittlicher Land. Der Mann arbeitet wie 300 amerikanische Wahl-Binsfelder auf der Air Base Spangdahlem. Doch bisher haben sie sich nicht wirklich in Deutschland einleben können, sagt sie.

Probleme mache ihnen vor allem die Sprache. Dabei würde sie sich gerne ins Gemeindeleben einbringen. Helfen dabei soll ihnen die Taschen, die Faber den Scheids an der Haustür überreicht. Bevor der Bürgermeister wieder geht, hat Amity aber noch eine Frage: „Wo geht’s zur Grüngutannahmestelle?“

Amity Scheid und ihren Ehemann hat vor allem eine Frage beschäftigt: „Wo ist die Grüngutannahmestelle?“
Amity Scheid und ihren Ehemann hat vor allem eine Frage beschäftigt: „Wo ist die Grüngutannahmestelle?“ FOTO: Christian Altmayer / TV

Es sind solche banale Fragen, die den Amerikanern das Leben in Rheinland-Pfalz erschweren. Die Antworten stehen auf den Flugblättern in Fabers Beuteln. Auf einer Karte sind alle wichtigen Orte in der Gemeinde Binsfeld eingezeichnet. Da wären zum Beispiel die Diskothek Kajüte, die Bäckerei, die Kirche, und, und, und. Zugegen, an die Grüngutannahmestelle hat man nicht gedacht. Dafür gibt’s als Beigabe aber ein Jojo und einen Chip für den Einkaufswagen.

Die Martins informieren sich auf der Website des Projekts darüber, was im Ort passiert.
Die Martins informieren sich auf der Website des Projekts darüber, was im Ort passiert. FOTO: Christian Altmayer / TV

500 dieser Taschen hat die Gemeinde Binsfeld von der Initiative „Willkommen in Rheinland-Pfalz“, kurz „WiR“ bekommen. An diesem Tag werden zwar nur zehn verteilt. Aber im Laufe der Zeit soll sich die Aktion unter den Familien im Dorf herumsprechen. Geplant ist, dass die Beutel in den kommenden ein bis zwei Jahren alle den Besitzer wechseln.

Die Grelcks wollen ihren Sohn in eine deutsche Tagesstätte schicken, damit er die Sprache schnell lernt und bald mit den Kindern aus der Nachbarschaft spielen kann.
Die Grelcks wollen ihren Sohn in eine deutsche Tagesstätte schicken, damit er die Sprache schnell lernt und bald mit den Kindern aus der Nachbarschaft spielen kann. FOTO: Christian Altmayer / TV

Projektleiter John Constance hat ihren Inhalt zusammengestellt. Wichtig sei aber nicht nur, was in den Taschen steckt, sagt der junge Mann, sondern vor allem, dass die Amerikaner sein Projekt kennenlernen. Mit einer Umfrage hat 2014 alles angefangen. Das rheinland-pfälzische Innenministerium schickte sie raus an 1000 US-Haushalte rund um die Stützpunkte Spangdahlem, Baumholder und Ramstein. Das Ergebnis: Rund 70 Prozent der Umfragenteilnehmer möchten mehr am Leben im „home away from home“ teilnehmen. Sie würden gerne, können aber nicht. Meist steht die Sprachbarriere im Weg. So erfahren sie nach eigenen Angaben kaum, wo Dorffeste steigen, welche Vereine, Restaurants und Ausflugsziele ihnen gefallen könnten.

Dieser Eindruck bestätigt sich bei der Runde durch Binsfeld. Manche der  Amerikaner, wie Tamra Grelck kennen sich noch nicht so recht aus: Darf sie mit ihrem Sohn zum Kinderfasching, obwohl er hier nicht zur Schule geht? Sicher darf sie, sagt ihr Faber. Unterstützung bekommt sie aber auch von Constance.

Der Kaiserslauterer mit amerikanischen Wurzeln leitet seit 2016 das Programm „WiR“,  das er als „einzigartig auf der Welt“ bezeichnet. Die Initiative arbeitet derzeit mit 13 Gemeinden rund um die US-Stützpunkte in Rheinland-Pfalz zusammen – darunter die Kommunen Spangdahlem, Herforst, Auw an der Kyll und Binsfeld.  Das Ziel: Den Amerikanern das Leben in Deutschland so leicht wie möglich zu machen.

Zahlen müssen die Gemeinden dafür wenig. Einzelprojekte, wie die Taschenaktion in Binsfeld, fördert das Land mit rund 90 Prozent. Aber es gibt auch andere Ideen: Die Spangdahlemer haben etwa Ehrenmünzen an US-Militärs verteilt. Das Herzstück der Landesinitiative ist aber die Internetseite. Hier findet sich eine Fülle von Informationen über die Projektgemeinden von „WiR“ –  auf Englisch versteht sich. Wer sich durch die Website klickt, stößt auf Nordic Walking Wege in Herforst, auf eine Reitschule in Spangdahlem und einen Skulpturenpark in Auw. Aber auch Shoppingtipps, ja sogar Hinweise zur Müllentsorgung sind online. Ob hier auch was über die Grüngutannahmestelle in Binsfeld steht? Unter dem Reiter „Garden Clippings“ werden wir fündig: „Saalholzstraße 20.“ Na bitte, Amity!

Weitere Informationen über das Projekt gibt es online unter:

Das ist alles in einer Willkommenstasche für die Amerikaner drin.
Das ist alles in einer Willkommenstasche für die Amerikaner drin. FOTO: Christian Altmayer / TV