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Gesellschaft
„Manchmal geht es um Leben und Tod“

FOTO: TV / Nathalie Hartl
Bitburg/Prüm/Daun/Gerolstein/Wittlich. Viele Frauen erfahren Gewalt in sozialen Beziehungen. Immer mehr von ihnen stehen in Kontakt mit der Interventionsstelle Eifel Mosel. Die möchte allen Betroffenen helfen, sorgt sich aber um die Finanzierung. Von Nathalie Hartl
Nathalie Hartl

Was sich in einigen Familien und Beziehungen abspielt, ist ein Fall für Kriminalpolizei und Strafgericht. Denn manche Liebhaber werden zu Tätern und schlagen, demütigen oder verfolgen ihre Frauen. „Du bist nichts wert“, vermitteln sie ihren Partnerinnen. Dadurch wird der Absprung für viele Betroffene schwer, denn das Selbstwertgefühl leidet. Die Interventionsstelle Eifel Mosel soll dabei helfen. Ihre Arbeit beginnt in den meisten Fällen mit einem Fax der Polizei. Diese schickt die Kontaktdaten der Betroffenen – mit deren Einverständnis – an die Stelle und die Mitarbeiterinnen melden sich bei den Frauen telefonisch. Entweder findet dann direkt ein telefonisches Beratungsgespräch statt oder es wird  ein persönliches  Treffen vereinbart.

Nach der Devise „ Wer schlägt, muss gehen“, könne die Polizei einen Platzverweis aussprechen, der es Tätern verbietet, die gemeinsame Wohnung zu betreten oder in irgendeiner Form Kontakt zum Opfer aufzunehmen. Bis zu zehn Tagen gelte dieser erste Platzverweis und die Frau könne in der Zeit eine weitere Wegweisung nach dem Gewaltschutzgesetz  beim Familiengericht beantragen.

Bei dem Gespräch  in der Interventionsstelle geht es in erster Linie darum, herauszufinden, welche Hilfe zum aktuellen Zeitpunkt am nötigsten ist. „Wir möchten mit den Frauen den Sprung ins Hilfesystem schaffen“, sagt eine Mitarbeiterin. Sie will anonym bleiben – zum eigenen  Schutz vor den Tätern. „ Manche Männer suchen einen Schuldigen, wenn ihre Frau sie verlässt, da sie die Verantwortung nicht  bei sich sehen, und dann wird das Helfersystem als Sündenbock ausgeguckt.“

Beim ersten Kontakt kann gemeinsam mit der Frau eine Gefährdungseinschätzung und ein Sicherheitsplan für sie und ihre Kinder erstellt werden. „Manchmal geht es auch um Leben und Tod.“ Seit 2017 gibt es das Hoch-Risiko-Management (High-Risk) für Frauen, die sich in einer akuten Bedrohungssituation befinden. In diesen Fällen arbeitet die Interventionsstelle in einem besonders engen Netzwerk zwischen der Polizei sowie anderen Partnern zusammen. „Das Ganze ist sehr zeitintensiv, weil es gute Absprachen erfordert und eine engere Betreuung der Betroffenen vorsieht“, sagt Fachbereichsleiterin Monika Dondelinger. Die beiden Mitarbeiterinnen, die sich um die Fälle kümmern und jeweils eine halbe Stelle besetzen, befinden sich bereits an ihrem Limit – und die Kontaktzahlen steigen kontinuierlich an. „Wir sind eigentlich eine Stelle zur Kurzzeitberatung und Krisenintervention, viele  Fälle brauchen aber eine Langzeitberatung.“

Eine Option wäre eine Stellenaufstockung, aber die Caritas West­eifel, die als Träger fungiert, hat bereits jetzt Schwierigkeiten, die jährlich größer werdende Finanzierungslücke mit Eigenmitteln sicherzustellen.  Denn es sei  bis heute nicht geklärt, wer  das Geld  für die  Mehrarbeit, die aufgrund des Hoch-Risiko-Managements entsteht, beisteuert. Kostenträger der Interventionsstelle ist  das Ministerium für Integration, Familie, Kinder, Jugend und Frauen. Dieses habe auch das Hoch-Risiko-Management eingeführt, aber nicht gleichzeitig geklärt, wer die Kosten tragen soll.

Vor dem Problem steht nicht nur das Hilfsangebot im Bereich der Polizeidirektion Wittlich, sondern alle Interventionsstellen in Rheinland- Pfalz. „Wir möchten nicht aufhören, weil die Hilfe wichtig für die Betroffenen ist, aber ewig kann der  Caritasverband das finanziell nicht überbrücken“, sagt Dondelinger. Ein Dilemma.  In der Eifel und an der Mosel hat die Stelle einen besonders hohen Stellenwert, da sie weit und breit die einzige ihrer Art ist. „Es gibt keine anderen professionellen Unterstützungsangebote wie ein Frauenhaus, Frauenberatungsstelle oder Frauennotruf in der Region.“

Während  in Daun, Prüm und Bitburg  Räumlichkeiten vorhanden sind, zu denen die Betroffenen kommen können, steigen die Diplom-Sozialpädagoginnen auch häufig ins Auto. Bei der „aufsuchenden Beratungsarbeit“ treffen sich die Helferinnen mit den Frauen an einem geschützten Ort – zum Beispiel in einem Büro des Caritasverbandes, bei der Polizei oder – wenn der Täter außer Haus ist – in den eigenen vier Wänden der Klientin.

Viele Frauen brechen vor den Angestellten der Interventionsstelle ein langes Schweigen. Es kommt nicht selten vor, dass die Betroffenen jahrelang gequält werden, ohne sich zu offenbaren. Doch woran liegt das? „Von Gewalt betroffene Frauen fühlen sich oft allein gelassen und schämen sich für das, was ihnen angetan wird.“ Zur Angst vor dem Partner, der Sorge um die Kinder oder über das Gerede anderer käme häufig noch das Gefühl von Schuld und Ohnmacht hinzu. „Vielen Frauen wird von der Gesellschaft kein Glauben geschenkt“, sagt eine Mitarbeiterin.  „Nein, dein Mann ist doch ein ganz Netter, das kann ich mir nicht vorstellen“, würde es dann heißen.  Daher fürchten viele Betroffene, mit ihren Nöten nicht ernst genommen zu werden. Vor Gericht würden Täter oftmals mangels ausreichender  Beweise freigesprochen.  Genaue Zahlen dazu können die Amtsgerichte an den verschiedenen Standorten nicht vorlegen, da Gewalt in engen sozialen Beziehungen statistisch nicht gesondert erfasst wird.

Zur Angst, sich zu offenbaren, kommen nach jahrelanger Qual ein geringes Selbstwertgefühl, Angst vor bürokratischen Hürden und Existenzsorgen. Da der Mann nach wie vor in vielen Familien der Hauptverdiener ist, besteht in vielen Fällen eine finanzielle  Abhängigkeit. Und nicht nur das: Aufgrund des gemeinsamen Sorgerechts müssen die Eltern weiter zusammen  agieren.  Dies würden viele Täter ausnutzen, um weiterhin Gewalt  auszuüben. Ein weiteres Problem entsteht, wenn sich eine Unterkunft geteilt wird.  Die Betroffenen sind dann auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen oder auf einen Platz in einem Frauenhaus – und beides sei knapp in der Region.

„Gewalt kommt in allen Schichten vor“, so Dondelinger. In den Statistiken lassen sich dennoch Gruppen ausmachen, die besonders häufig mit der Interventionsstelle in Kontakt stehen: Der Großteil der Frauen ist zwischen 28 und 40 und hat Kinder im Haushalt. Zwar haben viele Betroffene einen Migrationshintergrund, die Mehrheit ist aber deutsch.

Doch wie kommt es dazu, dass Lebensgefährten oder Ehemänner zuschlagen, beleidigen und bedrohen? „ Das ist ganz unterschiedlich“, sagt eine der beiden Mitarbeiterinnen. Manchmal seien   zum Beispiel veränderte  Lebensumstände der Auslöser, also Schwangerschaften, Trennungen, manchmal Kontrollverlust aufgrund von Alkoholmissbrauch oder psychischen Erkrankungen.  Das gewalttätige Verhalten werde häufig als Mittel zur Ausübung von Macht und Kontrolle eingesetzt.

Für die Zukunft wünschen sich Fachbereichsleiterin Dondelinger und ihre Mitarbeiterinnen, dass die Interventionsstelle eine sichere Finanzierung erhält und weiterhin Frauen in Notsituationen beraten kann. „Gewalt ist etwas, wo Prävention nötig ist.“