| 16:07 Uhr

Kommunalpolitik
Ja, er will noch mal

Michael Billen heute...
Michael Billen heute...
Michael Billen stellt sich beim Kreisparteitag der CDU heute erneut als Vorsitzender zur Wahl. Im Gespräch mit dem TV blickt er zurück auf Höhen und Tiefen der 25 Jahre, in denen er die Partei nun führt. Von Dagmar Schommer
Dagmar Schommer

Rechnen Sie damit, dass es beim Kreisparteitag heute einen Herausforderer geben wird?

Michael Billen: Mir ist noch keiner bekannt. Aber es kann heute Morgen noch einer aufstehen. Möglich ist das. Wir sind ja eine basisdemokratische Partei.

Aber realistisch ist es wohl nicht?

Billen: Nein, ich gehe nicht ernsthaft davon aus, dass heute jemand gegen mich antritt.

Das war, als Sie vor 25 Jahren den Parteisitz übernommen haben, anders. Eine Kampfkandidatur...

Billen: Damals, vor 25 Jahren, bin ich gegen die ganze alte Parteiriege angetreten. Ich war 38 Jahre und hatte bis auf einen einzigen alle Ortsverbandsvorsitzenden gegen mich.

Und Sie sind trotzdem angetreten?

Billen: Die Mitglieder haben gesagt, mach’ das. Wir wollten alte Strukturen aufbrechen. Etwas verändern. In der Prümer Markthalle, da war damals der Kreisparteitag, habe ich mich dann mit 458 gegen 404 Stimmen gegen Klaus Juchmes durchgesetzt. Der Saal war voll. Das hat die Leute bewegt. Und sie haben sich entschieden.

Heute ist das anders. Zuletzt waren beim Kreisparteitag gerade mal gut 80 Mitglieder.

Billen: Wenn die Partei in Personalfragen einig ist, brauchen die Säle nicht so groß zu sein.

Sie kennen es auch anders. 2010 etwa, als es um die Landtagskandidatur ging.

Billen: Ja, da hat Mathilde Weinandy gegen mich kandidiert. Die Bitburger Stadthalle war mit knapp 1000 Leuten rappelvoll.

Die Wahl hat auch die überregionale Presse interessiert. Es war mitten in der so genannten „Schnüffel-Affäre“, als Sie sich über Ihre Tochter Daten zum Nürburgring-Skandal beschafft haben...

Billen: Rückblickend würde ich sagen: Das war dumm von mir. Ich habe zu schnell gehandelt, das hat sich gerächt. Es war eine schlimme Zeit, weil meine Tochter da mit drin hing.

Bereuen Sie das heute?

Billen: Wegen meiner Tochter ist mir das an die Substanz gegangen. Und zwar richtig. Dass sie leiden musste wegen ihres Vaters. Das könnte kein Vater ertragen. Ich auch nicht. Aber in der Sache finde ich nach wie vor, dass es nicht strafbar sein darf, die Wahrheit herauszufinden. Es war eben zu schnell. Für unsere Familie war das eine schwere, aber auch gute Zeit.

Eine gute Zeit? Ihrer Tochter drohte eine disziplinarrechtliche Strafe wegen Verletzung des Dienstgeheimnisses.

Billen: Das ist ja das, was mir daran so weh getan hat. Aber als Familie hat uns das rückblickend mehr als alles andere zusammengeschweißt. Die Verfahren wurden vor drei Jahren abgeschlossen, meiner Tochter geht es gut. Sie hat ihr drittes Kind bekommen, mein neunter Enkel. Es war eine schwere Zeit. Ja. Aber in der Krise bekommt man sein Umfeld sortiert. So etwas zu meistern, schweißt mehr zusammen als freudige Ereignisse. Und wer Niederlagen nicht kennt, kann den Sieg nicht schätzen. Ich bin dankbar für das Glück, das ich mit meiner Familie und meinen Weggefährten habe.

Nicht alle haben in dieser Zeit zu Ihnen gestanden. Etwa Julia Klöckner, heute stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende. Die hat sich damals in der Bitburger Stadthalle deutlich für Mathilde Weinandy als Landtagskandidatin ausgesprochen.

Billen: Es gab einige, die sich von mir distanziert haben. Aber es gab auch Unterstützung von Menschen, von denen ich das nicht erwartet hätte. Wenn man so was erlebt hat, weiß man, wer mit einem marschiert ist und wer nicht. Und ich sage immer: Man kann alles verzeihen, vergessen ist schwierig.

Das Rennen um das Direktmandat in der Stadthalle haben Sie aber am Ende dann für sich entschieden.

Billen: Ja, mit zwei Drittel der Stimmen. Es ist der größte Kreisparteitag, den ich nach meiner Wahl zum Vorsitzenden 1993 in Prüm je erlebt habe. Es ist wichtig, die Basis hinter sich zu wissen. Ohne das  geht es nicht.

Sie haben zuletzt für Schlagzeilen gesorgt, weil sie Bundeskanzlerin Angela Merkel empfehlen, den Parteivorsitz abzugeben. Mögen Sie die Kanzlerin nicht?

Billen: Wir haben ein inniges Verhältnis, sind ja ein Baujahr. Aber es geht nicht um Sympathie. Beim Mindestlohn haben wir uns so lange gezofft, bis das endlich durch war. Ihr Politikstil ist, dass sie alle in einen Sack laufen lässt und keiner weiß, was passiert. Das finde ich schwierig. Für mich gibt es entweder Hü oder Hott. Für sie gibt es immer ein „ja, aber“. Ich finde, sie sollte sich auf ihre Kanzlerschaft konzentrieren und der Partei die Chance zur Erneuerung geben.

Wäre das dann die Stunde für Julia Klöckner?

Billen: Für mich nicht. Wir haben viele gute Leute in der CDU. Ich sehe zum Beispiel im Bundesgesundheitsminister Jens Spahn einen, der eine Politik der Erneuerung macht. Auch jemand, der uns in der Eifel zuletzt ja mit seinen klaren Worten zur Ärzte-Genossenschaft Medicus eG sehr unterstützt hat und die Wende im Zulassungsverfahren gebracht hat. Das ist für mich einer, der entscheidet und umsetzt.

Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer ist keine Option für die Parteispitze?

Billen: Sie ist eine sehr gute Generalsekretärin.

Stichwort Erneuerung: Wäre es nach einem Vierteljahrhundert Michael Billen an der Spitze des Kreisverbands nicht auch mal in der Eifel Zeit für eine Erneuerung?

Billen: Aber selbstverständlich. Es müsste halt nur mal einer auf mich zukommen und mit mir reden. Es gibt einige, denen ich zutraue, den Vorsitz zu übernehmen. Um Nachfolger mache ich mir keine Sorgen. Es muss halt jemand wirklich wollen.

25 Jahre führen Sie nun die CDU im Eifelkreis. Was hat sich in dieser Zeit Ihrer Ansicht nach Wesentliches verändert?

Billen: Wir haben bei Weitem nicht mehr die politischen Diskussionen in den Sälen, wie wir sie mal hatten. Das ist verloren gegangen. Und nach meiner Meinung haben daran die sozialen Kommunikationsmedien wie Facebook einen großen Anteil. Die Leute fühlen sich durch die Dauerberieselung irgendwie informiert und die kommen nicht mehr zu den Versammlungen. Dabei ist es doch so: Die wahren Diskussionen führt man nicht per Mail oder auf Internetplattformen. Die muss man von Angesicht zu Angesicht austragen. Anders geht das nicht. Und wenn dazu die Bereitschaft fehlt, geht unserer politischen Diskussionskultur etwas Entscheidendes verloren.

Apropos Verlust. Der CDU-Kreisverband verliert auch Mitglieder. Rund 500 in den vergangenen 25 Jahren.

Billen: Es wäre schön, wenn es anders wäre. Aber ich bin stolz, dass es nur 500 sind. Wir haben jedes Jahr auch Neuzugänge. Auch junge Leute. Das zählt für mich. Die Gesellschaft ändert sich. Menschen binden sich nicht mehr so gerne langfristig. Das gilt für Ehrenämter wie auch ein politisches Engagement.

Interview: Dagmar Schommer