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Kandidaten-Casting der SPD Bitburg für den Bundestag

Nico Steinbach.TV-Foto: Archiv/Klaus Kimmling
Nico Steinbach.TV-Foto: Archiv/Klaus Kimmling FOTO: Klaus Kimmling
Bitburg. Erstmals hat eine Partei per Stellenanzeige nach einem Kandidaten für den Bundestag gesucht. Von 118 Bewerbern haben es 10 in die engere Auswahl geschafft. Nun beginnt in Bitburg in Rheinland-Pfalz der Schaulauf. dpa

(dpa) Es geht um ein hohes politisches Amt in Deutschland: Abgeordneter im Bundestag in Berlin zu werden. Für zehn potenzielle Anwärter führt der Weg über Bitburg in Rheinland-Pfalz. Sie sind nach einer Stellenanzeige des SPD-Kreisverbandes Bitburg-Prüm noch im Rennen - und vom 7. Oktober an zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. "Wir haben einige sehr interessante Persönlichkeiten dabei", sagt der SPD-Kreisvorsitzende Nico Steinbach, fügt aber gleich hinzu: "Näheres über die Kandidaten kann ich noch nicht verraten."

Klar ist: Die wenigsten von ihnen haben die klassische "Ochsentour" durch die Partei hinter sich. Unter den insgesamt 118 Bewerbungen sei vom 20-jährigen Studenten bis zum 70-jährigen Ingenieur "alles dabei gewesen", sagt der Landtagsabgeordnete Steinbach in seinem Bürgerbüro. Die Interessenten stammten größtenteils aus Westdeutschland, da vor allem aus Rheinland-Pfalz und dem südlichen Nordrhein-Westfalen. Einige waren aus Hamburg, München und Berlin.

"Wir wollten mal etwas Neues ausprobieren und die Partei ein Stück weit öffnen", sagt der 32-Jährige. Warum auch Externe sogar ohne SPD-Parteibuch im Bewerbungsverfahren zuzulassen wurden, erklärt Steinbach: "Es war so, dass wir Anfang des Jahres nicht mit Personalvorschlägen überhäuft wurden." Der Kreisverband zählt knapp 500 Mitglieder, vor 15 Jahren waren es noch 900. Es sei aber nicht der Fall gewesen, "dass wir niemanden gehabt hätten. Wir wollten aber die Qual der Wahl."

Im traditionell schwarzen Wahlkreis Bitburg, hat es die SPD noch nie geschafft, das Direktmandat für den Bundestag zu gewinnen. "Daher haben wir die Möglichkeit, noch mal bei Null zu starten", sagt Steinbach. Man solle niemals nie sagen: "Wir können gewinnen, auch wenn es kein Durchmarsch wird." Steinbach hat es vorgemacht: Bei der rheinland-pfälzischen Landtagswahl im März 2016 jagte er CDU-Platzhirsch Michael Billen das Direktmandat ab.

Nun geht es um die Bundestagswahl im Herbst 2017. "Ein ähnliches Verfahren hat es in dieser Form noch nicht gegeben“, sagt ein Sprecher des SPD-Parteivorstands in Berlin. Die vergleichsweise hohe Anzahl an Rückmeldungen sei „Ausdruck eines lebendigen demokratischen Interesses an der politischen Arbeit der SPD". Grundsätzlich sei die Aufstellung der Kandidaten Sache der Partei vor Ort.

Die meisten der Kandidaten hätten beruflich bereits in irgendeiner Form Kontakt mit Politik, sagt der Landtagsabgeordnete Steinbach. In Gesprächen werde nun ausgelotet, inwieweit die Bewerber auch einen regionalen Bezug zur Eifel hätten - und ob sie sich Gedanken über die Konsequenzen gemacht haben, die eine Nominierung mit sich bringt: "In den Wochen und Monaten vor der Wahl muss ja Wahlkampf vor Ort betrieben werden."

Und das sei "keine Juxveranstaltung": Schließlich sei der Wahlkreis Bitburg von der Fläche mit knapp 400 Gemeinden bundesweit einer der größten. Und für den Fall, dass es mit dem Einzug in den Bundestag nicht klappt, müsse der Kandidat einen Plan B haben. Und: Während der Kandidatur bekomme man von niemandem Gehaltsersatz. Im Gegenteil: Ein Wahlkampf koste Geld.

Ob das Verfahren, mit Stellenanzeigen nach Kandidaten für politische Ämter zu suchen, Schule machen könnte? "Ich denke schon, dass das eine Zukunft haben kann. Ein Stück weit mag es davon abhängen, wie das bei uns jetzt ausgeht", sagt Steinbach. Bei Wahlen zum Bürgermeister oder Landrat werde auch schon mal in Fachblättern annonciert. Für einen Abgeordneten sei es aber das erste Mal. So ein Prozedere sei natürlich auch mit "Wagnis und mit Risiko verbunden".

Die SPD-Kampagne sei "sehr ungewöhnlich und bringt hohe öffentliche Aufmerksamkeit", sagt der Trierer Parteienforscher Uwe Jun. "Jedoch ist die Aktion vor dem Hintergrund geringer Wahlchancen der SPD in diesem Wahlkreis zu sehen." Er glaube nicht, dass Bitburg ein bundesweites Modell sei: "Denn dann müssten die Parteien das Prinzip der ortsgebundenen Mitgliederpartei stärker in Frage stellen oder aufweichen. Dies erkenne ich allenfalls in Ansätzen."

Das Casting zieht sich nun über ein paar Wochen. Am Ende sollen ein, zwei oder drei Kandidaten stehen, die den Mitgliedern vorgestellt werden. Die finale Entscheidung, wer für die SPD ins Rennen geht, fällt am 25. November auf einer Wahlkreiskonferenz.

Wegen des Mitgliederschwundes in den großen Parteien seien die Chancen, in der Politik Einfluss zu nehmen, derzeit hoch, sagt Jun von der Universität Trier. Der Einzelne habe wieder mehr Gewicht. "Man müsste eigentlich jüngeren Leuten raten, in die Parteien zu gehen, weil eben jetzt die Chancen für politische Karrieren besser denn je sind."