| 15:17 Uhr

Tiere
Überlastet: "Katzenschwemme“ im Altricher Tierheim

Ach, wie süß: Katzenbabys! Es sind aber zu viele Kitten, die in Altrich untergebracht werden. So herrscht in den Zimmern des Tierheims ein wildes Gewusel.
Ach, wie süß: Katzenbabys! Es sind aber zu viele Kitten, die in Altrich untergebracht werden. So herrscht in den Zimmern des Tierheims ein wildes Gewusel. FOTO: Rainer Kordel
Altrich/Heckhuscheid. Das Tierheim in Altrich ist überlastet wie nie zuvor, die Zimmer sind überfüllter denn je. Der Grund laut Leiter Rainer Kordel: Vermehrt würden Fundkatzen aus der Eifel gemeldet. Er sagt: „Nächstes Jahr schaffen wir das nicht mehr.“ Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Es gibt jede Menge Katzen in Heckhuscheid, um die sich kein Herrchen kümmert. Wohl aber ein Frauchen: Jeden Tag stellt eine ältere Dame den Streunern Futter hin. Ohne sie wären die Katzen tot. Mehrere Würfe sind es mittlerweile, wild zur Welt gekommen, womöglich als Nachwuchs ausgesetzter Tiere. An Menschen sind sie nicht gewöhnt. Und daher muss die Seniorin auch beim Füttern aufpassen. Die Katzen fauchen sie an, schlagen nach ihr, schnappen nach ihren Händen.

Sie hat Angst vor den Streunern, bringt es aber nicht übers Herz, sie verhungern zu lassen. Bis die über 70-Jährige über eins der Tiere fällt und sich den Arm bricht. Danach will sie die Katzen nicht mehr versorgen. Doch wer soll sich um sie kümmern?

Das einzige Tierheim weit und breit liegt in Altrich, im Wittlicher Land. Und so kommt es, dass ein Freund der Frau bei Leiter Rainer Kordel klingelt. Er erzählt ihm die Geschichte. Doch der Geschäftsführer der Einrichtung muss ihn abweisen. Es sei kein Platz mehr für die Streuner. Der Grund: Seit Juni erlebt das Tierheim, was Kordel als „Katzenschwemme“ bezeichnet.

Jeden Tag klingele in seinem Büro das Telefon. Am Hörer sei stets jemand, der ein Fundtier melde. Inzwischen häuften sich Anrufe aus dem Bitburger und Prümer Raum und der Vulkaneifel. „Es hat sich herumgesprochen, dass sie bei uns Fundkatzen unterbringen können“, sagt Kordel. Und die Tierschutzvereine in der Eifel seien überfordert: „Das sind nur eine Handvoll Leute. Die können diesen Ansturm nicht packen.“

Und Kordel kann den „Ansturm“, von dem er spricht, mit Zahlen belegen. 388 Katzen hätten Mitglieder des Fördervereins des Altricher Tierheims allein dieses Jahr in der Region gefangen, kastriert und zum Teil aufgenommen. Ein Großteil von ihnen landet im Eifeltierheim. 250 habe die Einrichtung in diesem Jahr aufgenommen. Ende August 2017 waren es laut dem Leiter 66 weniger gewesen.

Die Folge: Die Zimmer der Einrichtung sind überfüllter denn je. Seit zwei Monaten versorgen Kordel und seine Mitarbeiter durchgehend 90 Katzen. „50 bis 70 bekommen wir hin, 80 sind schon grenzwertig. Und 90 sind einfach zu viele“, sagt er: „Nächstes Jahr schaffen wir das nicht mehr.“ Denn es ist ja nicht damit getan, die Samtpfoten in Gehege zu stecken. Sie wollen gefüttert und medizinisch versorgt werden.

Kordel blättert seinen Kalender durch. Dort markiert der Leiter des Eifeltierheims sich, wenn ein Vierbeiner zum Tierarzt muss. Und seit dem Sommer sind fast alle Wochentage orange angestrichen. Und es sind gerade diese vielen Tierarztbesuche, die für Kosten sorgen. Medikamente und Operationen für Katzen schlagen mit hunderten Euro zu Buche, sind der teuerste Posten im Haushalt der Einrichtung. Um das alles zu stemmen, gehört es seit Jahren zu Kordels Aufgabe, Spenden und Fördergeld von Kommunen zu organisieren.

Es gibt also viel zu tun – „zu Lasten der Freizeit meiner Mitarbeiter“, wie der Altricher sagt. Die Zahl der Überstunden schnellte in den vergangenen Wochen in die Höhe: „Wir haben weder genug Personal noch genug Geld oder Platz, um der Flut gerecht zu werden.“

Wie im oben beschriebenen Fall, müsse der Leiter in letzter Zeit immer wieder „schweren Herzens“ gefundene Vierbeiner abweisen. Normalerweise gibt es für solche Fälle die Pflegestellen beim Förderverein des Tierheims. Doch auch die seien seit Monaten überfüllt. Der Grund dafür liegt in der Eifel. Denn die Katzen, die Kordel und seine Angestellten in diesem Jahr zusätzlich versorgen müssten, seien fast alles Fundtiere aus dem Norden.

Beispiele gefällig? Vier ausgesetzte Tiere wurden in Bitburg gefangen und in der Einrichtung abgeliefert, 18 stammen aus dem Bitburger Land, 12 aus Daun,  Fünf aus Kelberg, sechs aus Prüm und so weiter. „Es rappelt sich“, sagt Kordel.

Doch wie erklärt er sich die vielen Meldungen? „Das liegt daran, dass die Katzen zu lange sich selbst überlassen wurden“, mutmaßt er. Sie hätten sich ungestört auf Eifeler Bauernhöfen vermehrt. Und es sei nicht anzunehmen, dass sich das Problem von selbst löse: „Es überleben nicht immer alle Kitten eines Wurfes. Aber ein paar kommen immer durch und die vermehren sich wieder. Und deren Nachwuchs dann wieder, und so weiter.“ So wachse die Population seit Jahren. „Und wenn nicht bald jemand eingreift, wird es irgendwann richtig teuer – auch für die Gemeinden.“

Er schildert dies wohlwissend, dass die Verwaltungen der Verbandsgemeinden und Städte seit Jahren behaupten, dass es kein Problem mit ausgesetzten Vierbeinern und Streunern gebe. Das bestätigte sich bei mehreren TV-Anfragen in der Vergangenheit. „Die sperren sich  dagegen, Unterstützung zu geben“, sagt Kordel. Die hätten die Ehrenamtlichen aber bitter nötig: „Wir brauchen da jetzt einen starken Tierschutzverein, der sich der Sache annimmt und eine Kommune, die ihn unterstützt.“ Was der dann machen soll: „Kastrieren, kastrieren, kastrieren. Viele Katzen dürften gar nicht erst geboren werden.“

Rainer Kordel.
Rainer Kordel. FOTO: TV / Christian Altmayer
Ach, wie süß: Katzenbabys! Es sind aber zu viele Kitten, die in Altrich untergebracht werden. So herrscht in den Zimmern des Tierheims ein wildes Gewusel.  Foto: Rainer Kordel
Ach, wie süß: Katzenbabys! Es sind aber zu viele Kitten, die in Altrich untergebracht werden. So herrscht in den Zimmern des Tierheims ein wildes Gewusel. Foto: Rainer Kordel FOTO: Rainer Kordel