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Keiner weiß, wie sie das macht: Julia Würthen und ihre unglaubliche Leistung im Rennrollstuhl

Bitburg/Biersdorf am See. Julia Würthen aus Biersdorf am See ist richtig flott unterwegs – im Rennrollstuhl. Die 13-Jährige, die von Geburt an querschnittsgelähmt ist, hat viele Medaillen gewonnen – und die Chance, einmal in den Junioren-Landeskader aufgenommen zu werden. Ihr großes Ziel aber heißt: die paralympischen Spiele. Eileen Blädel

"Ne Runde Rennferkeln?", fragt der Papa, und die Tochter grinst. Thomas Würthen hilft Julia in Rennrollstuhl und Schutzkleidung, den Rest erledigt die 13-Jährige selbst. Sie bringt das Gefährt in die richtige Position auf der Tartanbahn im Bitburger Stadion - und los geht's. Die Räder treibt sie mit den Händen an, die durch Spezialhandschuhe geschützt sind. Dabei wird sie ganz schön schnell: Ihre bislang erreichte Höchstgeschwindigkeit beträgt 19,5 Kilometer pro Stunde. Das Schönste sei, erzählt sie, "die Luft in den Haaren zu spüren, wie die Frau auf der Titanic, wenn sie so macht" - Julia breitet die Arme aus - "da denke ich dann manchmal dran".

Vier Gold- und sechs Bronzemedaillen hat sie bei Meisterschaften geholt. Dabei hat sie erst 2012 mit dem Sport angefangen: Freundin Lea, die sie bei einem Inkontinenzlehrgang kennengelernt hat, schleppte sie zum ersten Training - an Julias zehntem Geburtstag. Schnell sei klar gewesen, erzählt ihr Vater: "Sie hat Talent. Aber wie sie das macht, weiß eigentlich keiner." Er fährt jeden Samstag mit seiner Tochter von Biersdorf am See zum Olympia-Stützpunkt Saarbrücken, begleitet sie ins Bitburger Stadion, und die Familie plant ihre Urlaube nach Wettbewerbsterminen.
"Sie ist, soweit wir wissen, das einzige Mädchen mit dieser hohen Behinderung in Deutschland, das diesen Sport betreibt", sagt ihr Vater. Nächstes Jahr, wenn sie 14 Jahre alt wird, werde sie in der Weltrangliste geführt. Ihr Orthopädietechniker habe einmal zu ihr gesagt, sie sei ja "eine richtige Rennsau". Daraus hat ihr Trainer dann Rennferkel gemacht - und seitdem geht sie mit dem Namen an den Start.

Einen leichten Start ins Leben hatte Julia aber keineswegs. Seit ihrer Geburt leidet sie an einer schweren Form von Spina bifida (offener Rücken). In der Schwangerschaft bildete sich die schützende Wirbelsäule um das Rückenmark und die Nerven nur unvollständig aus - deshalb kam Julia querschnittsgelähmt zur Welt. Ihr Vater erzählt: "Man hat uns nahegelegt, es frühzeitig zu beenden. Wir haben gesagt, das Kind entscheidet das." Und Julia wollte kämpfen - auch wenn sie nach der Geburt direkt in den Operationssaal musste. Sieben, acht Stunden lang. "Der Spezialist in Mainz hat gesagt: Es sei einer der schwersten Fälle seiner Karriere", sagt Thomas Würthen.

Auch die Krankenkasse glaubte zunächst nicht an Julia: Die wollte ihr keinen Rollstuhl bezahlen. "Es hieß, ihre Behinderung sei so schwer, dass sie sich niemals alleine fortbewegen könne", erzählt ihr Vater. Er hat ihr dann selbst einen gebaut. Heute hat Julia aufgrund ihrer Lähmung bis über die Hüfte ein Einzelstück - von eben jenem Orthopädietechniker, der auch ihren Spitznamen angeregt hat. Ihr Rennrollstuhl ist vom Heidelberger Verein Heart Racer Team. Der war so begeistert von ihr, dass der Verein hingegangen ist und das Gerät zusammen mit Spenden von Freunden von Julias Familie finanziert hat.

Tatsächlich hat sich Julias Wirbelsäule durch den Sport so stabilisiert, dass sie heute keine stützenden Titaneinheiten mehr braucht. "Wir haben sie immer in Richtung Selbstständigkeit erzogen - auch wenn das Anziehen dann länger dauert." Schlittenfahren und Trampolinspringen: das Normalste von der Welt. Kratzer und gebrochene Beine auch. "Julia hat sieben OPs überstanden, so ein schlimmer Unfall kann gar nicht passieren", sagt ihr Vater. "Passiert halt und fertig", sagt Julia, die sich gerne mal den Kopf an der Stange im Stadion stößt, wenn sie darunter durchfährt. "Unsere Familie hat viele Macken", sagt sie dann. Ihr Vater: "Sei froh, dass es so viele sind. Die machen interessant."
Begeistern kann sich Julia, die in eine Regelklasse in der St.-Matthias-Schule geht, für viele Dinge: singen, ihre Freunde, shoppen, ihr fester Freund, der auch Rennrollstuhl fährt. "Mein Traum ist es, entweder Sängerin zu werden - oder eine Paralymicsmedaille zu gewinnen." Sie ist im Team "Rio ruft" - einem Projekt des Deutschen Rollstuhlsportverbands für Nachwuchssportler: "Von den Leistungen aus betrachtet könnte sie nächstes Jahr teilnehmen", sagt ihr Vater. "Aber sie ist noch zu jung."

Am Samstag reist Julia auf Einladung des Behindertensportverbandes erstmal nach Berlin: Dort entscheidet sich, ob sie später einmal im Junioren-Landeskader mitfahren darf. Und dann gibt es immer noch Tokio. 2020. Also Daumen drücken für Julia - auch wenn man das Gefühl hat: Sie macht das schon.

Mehr über Julia unter www.rennferkel.com

FOTO: Eileen Blädel
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