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Lunge beflügelt - Lebensrettung für schwerkranken Üdersdorfer

„Ohne meine Familie hätte ich das niemals überstanden“, sagt Dieter Schommers. Seine Familie, das sind (von links): Frau Sabine und die beiden Töchter Julia und Lara. TV-Foto: Christian Altmayer
„Ohne meine Familie hätte ich das niemals überstanden“, sagt Dieter Schommers. Seine Familie, das sind (von links): Frau Sabine und die beiden Töchter Julia und Lara. TV-Foto: Christian Altmayer FOTO: (e_eifel )
Üdersdorf/Homburg. Jahrelang litt der Üdersdorfer Dieter Schommers an einer unheilbaren Krankheit. Ein neuer Lungenflügel hat ihm das Leben gerettet und ihn doch beinahe getötet. Christian Altmayer

Es ist kurz nach Weihnachten, als Dieter Schommers den Anruf bekommt, auf den er seit Monaten wartet. Auf dem Display des Telefons erscheint die Vorwahl 06841. Die Nummer, das weiß seine Frau Sabine, als sie abhebt, ist die der Universitätsklinik Homburg im Saarland. Sie gibt den Hörer sofort an ihren Mann weiter. "Wir haben eine Lunge für Sie", sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung. Noch während er die Worte hört, sieht er das Blaulicht am Fenster, hört er die Sirene. Ein Krankenwagen hält vor dem Haus der Familie in Üdersdorf in der Vulkaneifel. Schommers geht raus - so schnell er eben kann, so schnell die Krankheit es zulässt - ohne Koffer, ohne Zahnbrüste, ohne frische Kleider. Denn jetzt muss alles schnell gehen. Ein Spenderorgan hält sich nicht lange.

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Er setzt sich in den Krankenwagen. Ein Sanitäter schließt die Tür, nimmt hinter dem Lenkrad Platz. Gerade als er losfahren will, hämmert jemand von draußen gegen das Auto. Die Tür wird wieder geöffnet. Schommers älteste Tochter Julia steht davor, die Augen verheult. "Tschüss", sagt sie, im Wissen, dass dies der letzte Abschied sein kann. Dann geht die Tür wieder zu, und eine dreistündige Fahrt ins Saarland beginnt.

Den Atem geraubt: An was denkt man vor einer Lungentransplantation? "An gar nichts", sagt Schommers. Zumindest könne er sich nicht mehr erinnern. Der Üdersdorfer ist kein Mann für Was-wäre-wenn-Szenarios. Er denkt positiv, immer: "Du gehst sonst kaputt, wenn du so eine Krankheit hast."
Die Krankheit, an der der 53-Jährige seit Sommer 2015 leidet, trägt den Namen Lungenfibrose und ist weitestgehend unerforscht. Die Ärzte wissen nur, dass sie zum Tod führt - und das in wenigen Jahren. Das Bindegewebe in der Lunge entzündet sich, vernarbt und verklebt. Die Folge: Atemnot, und Schwäche. Ende des vergangenen Jahres hat Schommers es ohne Hilfe nicht einmal mehr die Treppe hochgeschafft. Ein Sauerstoffgerät hat ihn mit Luft versorgt. All das soll sich ändern - an einem Nachmittag.

DenAtem anhalten: Um 15.11 Uhr wird Schommers in den OP geschoben. Er bekommt davon nichts mit. Die Narkose hat ihn in tiefen Schlaf fallen lassen.
Fünf Stunden lang warten seine Frau Sabine und seine beiden Töchter Julia und Lara auf den 53-Jährigen. Sie sitzen in Homburg in einem Fastfoodrestaurant, sprechen kein Wort, während der Ehemann, der Vater, aufgeschnitten wird - direkt unter den Rippen. Der kranke Lungenflügel kommt raus, ein neuer Lungenflügel rein. Es ist keine einfache Operation, nicht alle Patienten überleben. Aber Schommers schafft es. Seine Familie darf ihn nur kurz sehen. Schläuche stecken in Hals und Bauch. Seine Frau spricht ihn an, aber er antwortet nicht. Er liegt im Koma.

Um Atem ringen: Am nächsten Morgen atmet er schon ohne Sauerstoffgerät. Regelmäßig hebt und senkt sich die Brust des Mannes, der hier im Krankenhausbett schläft. Schon bald wird der Eifeler von der Intensiv- auf die Überwachungsstation verlegt. Die Ärzte glauben, dass der 53-Jährige über den Berg ist. Doch dann sorgt nicht die Lunge des Üdersdorfers für Probleme, sondern das Herz.
Es schlägt unregelmäßig. Diese Art der Rhythmusstörung bezeichnen Mediziner als Vorhofflimmern. Also muss Schommers zurück auf die Intensiv. Diesmal bleibt er zwei Wochen. "Es waren die schlimmsten in unserem Leben", sagt seine Frau. Jedes Mal, wenn die 50-Jährige sich nach einem Besuch in der Klinik ins Auto setzt, muss sie weinen.

Zu Atem kommen: Vergangene Woche war das erste Mal, dass ihr nicht die Tränen übers Gesicht liefen, als sie aus dem Krankenhaus kam. Denn heute geht es ihrem Mann besser. Er muss zwar weiter täglich 24 Medikamente schlucken - Pillen gegen Abstoßungen, Pillen für das Herz und Pillen für den Magen, damit ihm von all den Pillen nicht übel wird.
Kurzatmig ist er aber nicht mehr. Und sein Appetit ist zurück. Lange konnte der Üdersdorfer nichts anderes als Joghurt essen. In der Folge magerte er ab, bis er nur noch 62 Kilo wog.

Heute zeigt die Waage 70. In sein Gesicht ist die Farbe, das Leben, zurückgekehrt. Und auch seine Stimme klingt nicht mehr so rau. Das liegt vor allem an der Fotophorese. Und so läuft die Behandlung in der Uniklinik ab, zu der Schommers einmal im Monat muss: Ein anderthalber Liter Blut wird abgepumpt, bestrahlt und wieder zurückgepumpt. Das stärkt seine Lunge. Heute kann er fast atmen wie ein gesunder Mensch.
Ob das immer so bleiben wird, weiß er nicht. Manche Patienten behalten ihre Spenderlungen für 20 Jahre, andere für zehn. Aber einige stoßen das fremde Organ schon nach wenigen Monaten ab.
Auch Schommers Körper hat sich gegen die Lunge gewehrt.

Der Atem stockt: Viermal musste er wegen einer "Abstoßung" zurück in die Klinik. Mal bleibt er nur wenige Tage, mal sind es Wochen. Immer haben seine Frau und seine Töchter Angst, dass sie ihn nicht lebendig wiedersehen werden. "Für meine Familie ist es schlimmer als für mich", sagt der 53-Jährige. "Um mich mach ich mir keinen Kummer."
Seine Frau schläft seit Monaten schlecht, hat Albträume. Verarbeitet habe sie das Ganze noch lange nicht, sagt sie. Aber sie sei auf einem guten Weg.

Tief einatmen: Das Paar schaut nach vorn. Mittlerweile können sie lange Spaziergänge machen, durch Trier bummeln, ohne dass Schommers ständig stehen bleiben, nach Luft schnappen, muss. Auch ein Urlaub in England ist geplant - davon träumen die beiden schon seit Jahren. "Die Ärzte haben gesagt, wir sollen jeden Tag genießen", sagt Sabine Schommers. Auch weil die beiden nicht wissen, wie viele noch kommen werden.

Eines weiß Schommers aber genau: Er wird nicht mehr arbeiten. Mit 53 ist der gelernte Koch in Frührente. In der Küche stehen könnte er ohnehin nicht mehr - wegen der Dämpfe, aber auch wegen der Lebensmittel. Gerade im ersten Jahr müsse er sich schützen vor Keimen und Bakterien. Die lauern überall. Und schon eine Grippe kann für ihn tödlich enden. "Ich habe ein Immunsystem wie ein Kleinkind", sagt er. Und das belastet auch seinen Alltag.
Zur Begrüßung schüttelt er keine Hände - wegen Ansteckungsgefahr. Blumen wurden aus dem Haus verbannt. Dafür hängen jetzt überall Spender mit Desinfektionsmittel. In den Supermarkt geht er mittlerweile schon ohne Mundschutz und Handschuhe.

Dass es so schwer werden würde, haben die Üdersdorfer nicht geahnt. Im Nachhinein seien sie aber froh, dass sie es nicht schon vorher gewusst haben, sagt Sabine Schommers: "Ab jetzt geht es nur noch bergauf."
Trotz aller Schwierigkeiten sei sie dankbar für die Chance. Dankbar, dass ein junger Mann seinen Organspenderausweis in der Tasche hatte, als er starb.
Dankbar, dass die Ärzte an sie gedacht haben, als die Spenderlunge kam. Und dankbar, dass das Transplantationsteam ihrem Mann das Leben gerettet hat.