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Menschen
Wiki und die kleinen Dörfer

Vor die Linse kommen Werner Colling vor allem Denkmäler in der Eifel.
Vor die Linse kommen Werner Colling vor allem Denkmäler in der Eifel. FOTO: Ursula Foitzik
Utscheid-Rußdorf/Mönchengladbach. Werner Colling hat tausende Fotos für Wikipedia geschossen und hunderte Artikel mitgestaltet. Sein Spezialgebiet sind Eifeldörfer. Auf seinen Touren durch die Region hat er schon so manches Geheimnis gelüftet. Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Wer sich im Internet über die Eifel informieren will, kommt an Werner Colling kaum vorbei. Rund 3200 Bilder des Mönchengladbachers finden sich in dem Online-Lexikon Wikipedia. Die meisten zeigen Denkmäler in der Region: Wegekreuze, Kirchen, historische Häuser. Auch die zugehörigen Artikel  über Dörfer und deren Geschichte stammen zum Teil aus Collings Feder. Dabei ist der 47-Jährige noch gar nicht so lange dabei. Seit Februar 2016 arbeitet er für Wikipedia – ehrenamtlich, versteht sich. Geld bekommt der Mann für seine Mühen nicht. Sie beschäftigen den Wahl-Nordrheinwestfalen trotzdem mehrere Tage die Woche. Was ihn antreibt und was er so alles herausgefunden hat, erzählt er im Interview.

Herr Colling, Sie wohnen in Mönchengladbach, schreiben aber über die Eifel. Wie kommt’s?

Wegekreuze sind so etwas wie das Steckenpferd von Werner Colling. Neben diesen drei Bildern, die er in Plütscheid, Olsdorf und Oberlascheid geschossen hat, finden sich noch tausende weitere bei Wikipedia. Fotos (3): Werner Colling
Wegekreuze sind so etwas wie das Steckenpferd von Werner Colling. Neben diesen drei Bildern, die er in Plütscheid, Olsdorf und Oberlascheid geschossen hat, finden sich noch tausende weitere bei Wikipedia. Fotos (3): Werner Colling FOTO: Werner Colling

Colling: Ich bin in Utscheid-Rußdorf, in der Südeifel, geboren. Weil meine Frau in Mönchengladbach als Lehrerin arbeitet, bin ich hingezogen. Den Bezug zu meiner Heimat habe ich aber nie verloren. Ich besuche die Eifel immer noch regelmäßig. Da war es auch naheliegend, dass ich über die Region schreibe.

Wegekreuze sind so etwas wie das Steckenpferd von Werner Colling. Neben diesen drei Bildern, die er in Plütscheid, Olsdorf und Oberlascheid geschossen hat, finden sich noch tausende weitere bei Wikipedia.
Wegekreuze sind so etwas wie das Steckenpferd von Werner Colling. Neben diesen drei Bildern, die er in Plütscheid, Olsdorf und Oberlascheid geschossen hat, finden sich noch tausende weitere bei Wikipedia. FOTO: Werner Colling

Seit wann arbeiten Sie für Wikipedia und warum?

Wegekreuze sind so etwas wie das Steckenpferd von Werner Colling. Neben diesen drei Bildern, die er in Plütscheid, Olsdorf und Oberlascheid geschossen hat, finden sich noch tausende weitere bei Wikipedia. Fotos (3): Werner Colling
Wegekreuze sind so etwas wie das Steckenpferd von Werner Colling. Neben diesen drei Bildern, die er in Plütscheid, Olsdorf und Oberlascheid geschossen hat, finden sich noch tausende weitere bei Wikipedia. Fotos (3): Werner Colling FOTO: Werner Colling

Colling: Jeder kennt das: Man sucht etwas bei Wikipedia, aber einige Infos oder Bilder fehlen. Oder es fällt einem auf: Moment, warum ist die Kirche auf dem Luftbild weiß? Sie müsste doch rot sein. Solche Fehler gibt es immer wieder. Und ich wollte sie korrigieren.

 Außerdem blieben viele Eifeldörfer lange Zeit blinde Flecken im Online-Lexikon. Das wollte ich ändern. Deshalb habe ich mich Anfang 2016 als Autor angemeldet.

Wie kommen Sie an die Infos?

Colling: Die finde ich vor allem in Heimatkalendern, manchmal auch in Kirchenbüchern. Wissenschaftliche Abhandlungen existieren kaum über kleine Eifelorte. Dafür sind sie, historisch betrachtet, zu unbedeutend. Da gibt’s halt ein paar Häuser, eine Kirche – das war’s. Die Literatur reicht aber ohnehin nicht aus. Ich muss immer Informationen vor Ort sammeln.

Haben Sie ein Beispiel?

Colling: Ja, da gibt es diesen Stein aus dem Kulturkampf um 1872. Er steht in der Nähe der Glashütte Utscheid. Da übliche Messfeiern zu dieser Zeit verboten waren, hielt man diese in einem geheimen Waldgebiet ab. Schriftliche Belege darüber gibt es keine – es war ja geheim.  Nur durch Erzählungen eines Heimatkundlers trat der Stein mit seiner Geschichte wieder in Erscheinung.

Sie lüften also auch Geheimnisse. Klingt spannend! Wie läuft so eine Recherche denn normalerweise ab?

Colling: Ich suche mir alle paar Wochen einen Ort aus. Dann fahre ich dorthin und schaue, was ich herausbekommen kann. Wenn ich zum Beispiel ein Wegekreuz suche, frage ich die älteren Einwohner, ob sie wissen, wo es zu finden ist. Manchmal suchen wir dann auch zusammen. Diesen Fall hatte ich vergangenes Jahr.

 Da habe ich mich mit ein paar Einwohnern in Kyllburg auf die Spur eines Kreuzes begeben. Fündig wurden wir allerdings nicht. Es wurde wohl schon vor Jahren gestohlen.

Die Recherche ist also nicht immer erfolgreich. Da muss man schon eine Frustrationstoleranz mitbringen. Von der Mühe, die Sie sich machen, ganz zu schweigen. Wie viel Zeit investieren Sie eigentlich in die Komplettierung des Lexikons?

Colling: Ein Besuch in einem Eifelort – mit An- und Rückfahrt – kostet mich etwa einen Tag. Aber damit ist es ja nicht getan. Den größten Teil der Arbeit mache ich mir zu Hause beim Archivieren der Bilder und Erweitern der Texte.

Und dafür bekommen Sie kein Geld. Was treibt Sie also an?

Colling: Ich denke das, was mich antreibt, ist der Grundgedanke von Wikipedia: das Wissen für alle gratis zugänglich zu machen.

Aber hat kostenloser Zugang nicht auch Nachteile? Immerhin gibt es Menschen, die mit Fotos und wissenschaftlichen Artikeln ihr Geld verdienen.

Colling: Ja, das stimmt. Aber ich bin der Meinung, dass das Allgemeinwohl hier mehr wiegt als das private Interesse von Profi-Fotografen und Textern. Ich meine, Wikipedia nutzt fast jeder.

 Wer früher etwas über ein Dorf in der Eifel herausfinden wollte, musste sich in der Bibliothek ein Buch ausleihen und endlose Passagen in Sütterlin entziffern. Es ist schön, wenn jemand daran Spaß hat. Aber auf Wikipedia können und sollen auch Normalos etwas lernen – nicht nur Experten. Deswegen versuche ich auch verständliche Texte zu schreiben und nicht allzu wissenschaftliche.

Obwohl Sie kein Wissenschaftler sind, scheinen Sie sich ziemlich gut mit der Geschichte der Eifel und vor allem mit ihren Denkmälern auszukennen ...

Colling: Ich bin kein Kunsthistoriker. Aber Denkmalpflege und Architektur beschäftigen mich schon mein ganzes Leben. Nach einer Maurerlehre habe ich beim Landesamt für Denkmalpflege gearbeitet. Dort habe ich unter anderem in der Bauhütte Trier an der Restauration der Barbara-Thermen und dem Amphitheater mitgewirkt.  Später habe ich noch den Maurermeister und ein Architekturstudium draufgesetzt.

Übrigens: Heute ist Wikipedia zum Teil besser sortiert und aktualisiert als die Denkmaldatenbank des Landes. Das ist auch ein Anreiz: besser zu sein.

Können Sie mir etwas Spannendes erzählen, was Sie bei ihren Touren durch die Eifel herausgefunden haben?

Colling: Neulich war ich in Steffeln und Ormont in der Vulkaneifel auf der Suche nach zwei Dreesen. Das sind Sauerbrunnen, die natürliches Mineralwasser führen. Und ich habe sie gefunden – mitten in der Pampa. Die sind jetzt bei Wikipedia drin, mit Geodaten. Das kohlensäurehaltige Wasser vom Steffeler Drees schmeckt übrigens richtig gut.

Und was ist die nächste Recherche, die ansteht?

Colling: In Hüttingen an der Kyll gibt es ein Wegekreuz, das noch nicht erfasst ist. Das habe ich schon einmal gesucht und nicht gefunden. Das wäre mal wieder einen Versuch wert.

Aber auch sonst gibt es viel zu tun: Die Kultur- und Naturdenkmallisten der Stadt Bitburg bedürfen zum Beispiel noch der Vervollständigung.

Ihr Projekt ist also längst nicht abgeschlossen. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Colling: Wünschenswert wäre  ein intensiverer Austausch der Heimat- und Geschichtsvereine mit Wikipedia. Zudem ist eine Kooperation mit den Kreismuseen vorstellbar.

Das Interview führte

Christian Altmayer

Gemeinden mit Aufnahmen von Colling: Utscheid, Baustert, Brimingen, Hütterscheid, Hüttingen, Kyllburg, Olsdorf, Fischbach-Oberraden, Mettendorf, Neuerburg, Sierscheid, Plütscheid, Auw bei Prüm, Brandscheid, Feuerscheid, Neuendorf, Olzheim, Roth bei Prüm, Niederzissen, Duppach, Hallschlag, Kerschenbach, Ormont, Reuth, Scheid, Stadtkyll, Steffeln. Mehr unter: commons.wikimedia.org/wiki/User:Colling-architektur