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Mehr Freiraum für die Bildung: Eifelkreis Bitburg-Prüm investiert eine halbe Million Euro in Erzieher

FOTO: Christian Altmayer
Bitburg/Wißmannsdorf. Überall wird Personal eingespart – aber nicht bei der Betreuung von Kindern. Für mehr als eine halbe Million Euro will der Kreis mehr Stellen in Kitas schaffen. Die neuen Mitarbeiter sollen überlasteten Chefs die Arbeit abnehmen. Christian Altmayer

Marcus Schmitt ist ein viel beschäftigter Mann. Er leitet die Kindertagesstätte (Kita) in Wißmannsdorf. Zu seinen Aufgaben gehören Teamgespräche, Buchhaltung, Verwaltung, Brand- und Unfallschutz und vieles mehr. Solche organisatorischen Dinge beanspruchen rund die Hälfte seiner Zeit, sagt er. Und das sei Zeit, die für die pädagogische Arbeit fehle. Schmitt wünscht sich daher zusätzliches Personal, das ihn entlasten könnte. Dann wäre es, so sagt er, leichter, den Spagat zwischen Erzieher und Verwalter zu schaffen.
2018 könnte sein Wunsch in Erfüllung gehen. Denn der Jugendhilfeausschuss hat einen neuen Berechnungsschlüssel beschlossen. Demnach stehen allen Kitas - egal ob kommunaler oder kirchlicher Träger - ab Januar des kommenden Jahres mehr Mitarbeiter zu. Eingebracht haben den Antrag Michael Billen und Josef Winandy. Sie berichten in der jüngsten Sitzung des Ausschusses auch, wie es dazu kam: Die beiden haben eine Rundreise durch 56 Tagesstätten in der Region gemacht. Dabei fanden sie offenbar heraus, dass das Führungspersonal von Tagesstätten vielerorts überlastet ist. Das hänge mit den immer komplexer werdenden Aufgaben einer Kita-Leitung zusammen.
Das bestätigt auch Erika Dlugoß , Chefin der Bitburger Kita Zuckerborn. Sie sagt: Tagesstätten sollen heute "bilden statt betreuen." Das hat auch mit der Forschung zur frühkindlichen Entwicklung von Kindern zu tun (siehe Info). Dlugoß spricht von Qualitätsmanagement, Zielvorgaben, Personalentwicklung und klingt dabei eher wie eine Betriebswirtschaftlerin als eine Pädagogin. "Damit das alles funktioniert", sagt sie, "braucht der Kopf einer Einrichtung Zeit und Personal."
Dluboß selbst hat Zeit und Personal, genießt sie doch eine sogenannte Freistellung. Das heißt: Sie arbeitet nicht mehr als Erzieherin in den Gruppen mit. Aber ihre Kita Zuckerborn ist ja auch die größte in der Region. Dluboß weiß daher: Ihre vergleichsweise luxuriöse Situation bleibt im Kreis eine Ausnahme. Gerade in kleineren Häusern auf dem Land sehe es oft anders aus.
Das will die Kreisverwaltung zum Januar 2018 ändern. Dafür hat sich das Gremium einstimmig entschieden. Nur ein Mitglied hat sich enthalten. Der Beschluss sieht vor, dass 17 ganze und eine halbe Erzieherstelle geschaffen werden. An den Kosten von 733?000 Euro sollen sich Land und Träger beteiligen. Rund 231 000 Euro entfallen auf den Kreis.
Doch wie werden die zusätzlichen Stunden eigentlich auf die Region verteilt? Das geht aus der Tischvorlage nicht klar hervor, also fragen wir noch mal nach: "Die Berechnung ist nicht zu verstehen", gibt Jugendamtsleiter Winandy zu. Welche Kita wie viel Personal bekommt - das hänge von vielen Faktoren ab: der Größe der Tagesstätte, der Anzahl der Beschäftigten und der Gruppen, den Öffnungszeiten, und so weiter. Und so läuft das Ganze ab: Wenn ein Träger mehr Stellen besetzen will, muss er eine Anfrage stellen. Dann bekommt er nach dem neuen Modell eine bestimmte Anzahl an Stunden finanziert. Was der Träger damit anstellt, bleibt ihm aber selbst überlassen. Winandy erkennt die Problematik, die in dieser Selbstbestimmung liegt. Er sagt: "Wir versuchen darauf hinzuwirken, dass die Stunden auch wirklich den Leitungen zugutekommen."
Und was halten die Betroffenen von dieser Änderung? Schmidt und Erika Dlugoß finden: "Die Aufstockung ist ein Schritt in die richtige Richtung." Hintergrund: Ein guter Anfang Was die vorschulische Bildung angeht, sei Deutschland lange ein Entwicklungsland gewesen. Das ist jedenfalls die Meinung vieler Wissenschaftler. Sie fordern, die Politik solle die Lebensjahre zwischen null und sechs stärker in den Blick nehmen. Und in den Blick nehmen, heißt: Geld investieren.

Forscher glauben: Was ein kleines Kind bis zur Einschulung nicht lernt, kann es nur schwer wieder aufholen. Die Folge: Inzwischen haben auch Mädchen und Jungs unter drei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Außerdem müssen die Leitungen inzwischen verstärkt pädagogische Angebote erarbeiten. Kommentar: Zeit ist Geld, Zeit ist Qualität Forscher sind sich einig: Die ersten Lebensjahre sind prägend für die Entwicklung eines Menschen. Das heißt nichts anderes als: Bildung darf nicht erst in der Schule beginnen, sondern vor und im Kindergarten.
Ein entsprechendes Angebot zu schaffen, stellt Leitungen vor komplexe Aufgaben, für die sie Zeit brauchen. Und Zeit ist in diesem Fall wirklich Geld. Geld, das der Kreis in Personal investieren muss.
Aber keine Frage: Die Dreiviertel Million ist gut angelegt. Schließlich kommt sie den Kindern zugute. Aber ob die zusätzlichen Wochenstunden ausreichen?
Vielleicht ist nach einer Weile eine zweite Rundreise durch die Kitas nötig. Wenn die Probleme weiter bestehen, muss mehr investiert werden.
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