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"Meine Zukunft ist hier": Der Syrer Ali K. will sich in Bitburg ein neues Leben aufbauen

FOTO: (e_bit )
Bitburg. Gefährliche Flucht in den Frieden: Der syrische Flüchtling Ali K. hat in Bitburg eine neue Heimat gefunden. Monatelang war er auf der Westbalkan-Route unterwegs. Was er dabei erlebt hat und wie es ihm heute in der Eifel geht, hat er dem TV erzählt. Eileen Blädel

Ali K. sitzt gern mit einem Buch in der Hand auf einer Bank am Konrad-Adenauer-Platz und liest. Wenn auch nicht in den vergangenen Tagen, als es geschneit hatte, denn Schnee mag er nicht so. Bitburg dafür umso mehr.

Ali K. hat es geschafft: raus aus Syrien, ja, aber nicht nur das, er hat in der Eifel eine neue Heimat gefunden. Und Freunde.

Trotzdem einigen wir uns darauf, seinen vollen Namen nicht zu schreiben. Ein wenig Sorge hat er dann doch: Dass es seinem Vater, der zurückgeblieben ist, schaden könnte, weil er uns jetzt die ganze Wahrheit über seine Flucht erzählen will. "Die haben zwar bestimmt Besseres zu tun als meinen Namen zu googeln", meint er. Aber trotzdem.

In Damaskus soll Ali K. zur Armee. Er aber will nicht für den Tod seiner eigenen Landsleute verantwortlich sein. Also geht er nicht. Und eine Weile lang geht das gut. "Doch als der Krieg richtig begann", erzählt er, "wurde nach denen gesucht, die sich auf den Einberufungsbefehl nicht gemeldet hatten."

Der Weg von seinem Zuhause bis zu seiner Arbeit - eine EDV-Stelle beim Landwirtschaftsministerium - ist gesät mit Straßensperren: 15 an der Zahl. Einmal, erzählt Ali K., habe er in einem Bus gesessen, und die Soldaten hätten das Fahrzeug gestoppt, ihre Liste abgeglichen und Papiere von allen verlangt, nur sein Name sei nicht dabei gewesen. "Ich hatte oft einfach nur Glück." Irgendwann entscheidet er, dass er das nicht länger herausfordern kann.

Als Soldat habe man nicht viele Möglichkeiten: "Du weigerst dich zu töten, und sie töten dich. Du läufst weg, und sie töten deine Familie. Oder du bist Soldat und stirbst als Soldat." Er habe viele gekannt, denen es auf die ein oder andere Weise ergangen sei.

Eine Weile lang versteckt sich Ali K. im Haus seines Bruders. In dieser Zeit stirbt seine Mutter. Zwei Mal in der Woche habe sie zur Dialyse gemusst, doch der Weg ins Krankenhaus dauert lang und ist gefährlich. Oft ist sie dafür nicht kräftig genug. Ali K. kümmert sich um sie bis zum Schluss.

Ali K. versucht alles, um seinen Namen von der Liste streichen zu lassen. Sechs Monate habe es gedauert, erzählt er. Dann hat er doch einen Mann gefunden, der dazu in der Lage ist. Ali K. bezahlt ihn dafür. Nur so kann er raus aus dem Land.

Er schafft es bis zu einem Cousin in die Türkei, wo er fünf Monate lang bleibt. Das nächste große Ziel: die Küste Griechenlands. 1000 Dollar zahlt er für einen Platz in einem Gummiboot, zweieinhalb Stunden schippert er mit 30 anderen über das Meer, bis sie aufgegriffen werden, er landet in einem Camp auf einer Insel, es ist Mai, aber es ist kalt. Und es stinkt.

Der gefährlichere Teil der Strecke erwartet ihn aber erst noch: der Weg durch Mazedonien. Auch dort zahlt er Schleusern - "die meisten waren Pakistani" - Geld, damit sie ihn zur serbischen Grenze bringen, auf halber Strecke wird er aufgegriffen, verbringt ein paar Tage im Gefängnis, versucht es noch einmal. Er steigt in einen Güterzug und muss zusehen, wie sie eine ganze Familie zum Aussteigen zwingen, weil das Kind nicht aufhört zu schreien. Durch Serbien und Ungarn kommt er nach Österreich, auch ohne das Auto, das an einem geheimen Treffpunkt auf ihn hätte warten sollen und nicht da war, dort setzt er sich in den Zug und steigt erst in Trier wieder aus. Das ist am 17. Mai 2015.

Wieder einmal hat Ali K. Glück. Er muss nicht lange warten: Sein Asylantrag wird im November bewilligt. Heute lebt der 34-Jährige in einer Wohnung in Bitburg. Er findet schnell Anschluss: Seit fast einem halben Jahr hilft er nun schon ehrenamtlich beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) den Menschen, die Ähnliches erlebt haben wie er.

Er begleitet Kranke zum Arzt, er arbeitet in der Kleiderkammer, er übersetzt zwischen Flüchtlingen und Helfern. Seit ein paar Wochen betreut er außerdem die unbegleiteten Flüchtlingskinder im Jugendhotel Bitburg. "Ich kenne viele Leute, die hier leben, über die Arbeit, ich helfe dem DRK, und die Menschen dort helfen mir", erzählt er.

Schlechte Erfahrungen habe er in Bitburg nicht gemacht. Aber er bekomme mit, was in den Medien berichtet wird. "Die Syrer sind verärgert und ängstlich wegen dem, was in Köln passiert ist", sagt er. Aber dass man nicht alle dafür bestrafen dürfe. "Es gibt gute und schlechte Menschen."

Ali K. hat viel vor. Im Februar fängt er mit einem Intensivkurs bei der Integrationsschule an. Arbeiten gehen will er auch, ein Praktikum bei einer Firma in Bickendorf hat er schon gemacht - in Damaskus hatte er Elektronik studiert. Jetzt sagt er: "Meine Zukunft ist hier."Extra

Im Jahr 2015 wurden dem Eifelkreis Bitburg-Prüm nach Angaben der Kreisverwaltung rund 800 Asylbegehrende zugewiesen. Es hat 144 freiwillige Ausreisen und 38 Abschiebungen gegeben. Es seien etwa 100 Menschen als Asylberechtigte anerkannt worden, bei 25 weiteren wurden Abschiebehindernisse festgestellt. "Die meisten kommen aus Syrien, einige auch aus Eritrea und dem Iran", sagt Pressesprecherin Heike Linden. Insgesamt stehen in rund 900 Fällen die Entscheidungen noch aus. Anspruch auf Schutz haben in Deutschland Menschen, die ihr Herkunftsland "aus begründeter Furcht vor Verfolgung" etwa wegen ihrer Religion, Nationalität oder politischen Überzeugung verlassen haben oder denen eine konkrete Gefahr droht, zum Beispiel weil im Herkunftsland Bürgerkrieg herrscht. Ein Asylantrag wird abgelehnt, wenn diese Gründe nicht vorliegen. Verlässt der Antragsteller daraufhin Deutschland nicht innerhalb von 30 Tagen, wird er abgeschoben. Fällt die Entscheidung jedoch positiv aus, erhält der Antragsteller eine Aufenthaltserlaubnis. Diese gilt bei anerkannten Flüchtlingen zunächst für drei Jahre. eib