| 15:26 Uhr

Kinder
Milde Strafe für Willi Regenwurm

Sophia (links) und Dyllan (rechts) als Schöffen zusammen mit Luis als Richter bei der Urteilsfindung. Orinna Becker vom Amtsgericht hilft den Kindern dabei.
Sophia (links) und Dyllan (rechts) als Schöffen zusammen mit Luis als Richter bei der Urteilsfindung. Orinna Becker vom Amtsgericht hilft den Kindern dabei. FOTO: TV / Nora John
Bitburg. Schüler spielen im Rahmen der Leserallye einen Gerichtsprozess nach. Die Vorstellungen darüber, welche Strafe für den Diebstahl angemessen ist, gehen dabei weit auseinander. Von Nora John
Nora John

In einem Gerichtssaal herrschen besondere Regeln. Das lernen die rund 30 Kinder, die an der Leserallye in Bitburg teilnehmen, als erstes, nachdem sie dort eingetroffen sind. Margret Burbach, Lesepatin und langjährige Mitarbeiterin im Amtsgericht, begrüßt die Kinder und erklärt die Regeln. „Im Gerichtssaal darf nicht gegessen und getrunken werden.“ Außerdem ermahnt sie die Kinder, ruhig zu sein, denn in den anderen Räumen laufen echte Prozesse.

Nachdem das geklärt ist, begrüßt auch die Direktorin des Amtsgerichtes, Claudia Stadler, die Schüler. „Wir haben den schönsten Arbeitsplatz von ganz Bitburg“, wirbt sie für das Gericht und erkundigt sich gleich bei ihren jungen Gästen, was denn da wohl so gemacht wird. Die kennen sich zum Teil recht gut aus. Sie wissen, dass das Gericht entscheidet, ob jemand ins Gefängnis muss oder nicht. Auch von Anwälten und Staatsanwälten haben sie schon gehört.

Um das, was im Gericht passiert deutlicher zu machen, werden Freiwillige für ein Rollenspiel gesucht. Viele Finger schnellen in die Höhe, als es um die Verteilung der Rollen geht. Nur ein kleiner Teil der Kinder darf schließlich nach vorne, um mitzumachen.

Ein Junge nimmt als Beschuldigter Willi Regenwurm auf der Anklagebank Platz. Staatsanwältin, Verteidigerin, Richter, Schöffinnen und Protokollantin bekommen noch eine schwarze Robe. Die ist naturgemäß zu lang und reicht bis auf den Boden, was für Heiterkeit im Saal sorgt. Aber, nachdem die Ärmel etwas umgekrempelt sind, geht es.

Neben allen Beteiligten steht jeweils eine Mitarbeiterin des Gerichts, um beim Vorlesen des vorgegebenen Textes zu helfen. Denn so ein Wort wie „Staatsanwaltschaft“ ist gar nicht so leicht auszusprechen.

Das Verbrechen von Willi Regenwurm: Er hat ein Lego Spielzeugauto im Geschäft Spielzeugparadies gestohlen. Doch zunächst geht es wie in einer echten Gerichtsverhandlung nicht um das Vergehen, sondern um den Angeklagten, und die Zuhörer erfahren vom Richter, dass Willi Regenwurm in Mückenloch geboren ist und jetzt in Bitburg lebt.

Die Staatsanwältin hat nun die nicht ganz leichte Aufgabe, die im Juristendeutsch verfasste Anklage zu verlesen. „Entsprechend vorgefasster  Absicht sollte die Ware nicht bezahlt werden“, heißt es dort zum Beispiel. Im Klartext: Willi wollte absichtlich klauen.

Das gibt dieser auch reumütig zu und gelobt Besserung, als der Richter ihm das Wort erteilt.

Dieses Geständnis kürzt das Verfahren enorm ab. „Dann ist ja alles klar“, bestätigt der Richter und erteilt Verteidigerin und Staatsanwaltin das Wort. Die Staatsanwältin ist aufgrund des Geständnisses für ein mildes Urteil und möchte Willi für zehn Stunden in einem Altenheim aushelfen lassen. Das Auto solle er zurückgeben. Ein Antrag, dem auch die Verteidigerin zustimmt.

Jetzt dürfen auch die anderen Kinder Vorschläge für das Strafmaß machen. Und die sind zum Teil weit weniger gnädig.

„Fünf Wochen Gefängnis, damit er darüber nachdenken kann“, „ein Jahr in den Knast“ sind zwei der Vorschläge. Ein anderer Junge will den armen Willi sogar die Klos im Gefängnis putzen lassen.

Aber es gibt auch Kinder, die es bei einem Tag Gefängnis belassen wollen. Dass das Auto zurückgegeben werden muss, darüber herrscht Einigkeit im Saal.

Doch das letzte Wort hat dann doch der Richter. Bevor er es verkündet, stehen alle auf, wie in einem richtigen Prozess. „Zwei Tage Dienst im Altenheim“, lautet die Strafe. Außerdem soll Willi sich im Spielzeugparadies entschuldigen. Willi ist einverstanden, seine Anwältin auch, ebenso wie die Staatsanwältin. Applaus im Saal für die Leistung der Schauspieler.

Und da die ganze Veranstaltung ja im Rahmen der Leserallye läuft, ergreift Claudia Stadler zum Schluss noch einmal das Wort und ermuntert die Kinder zum Lesen: „Mit Lesen erobert ihr die Welt. Damit könnt ihr euch alles, was ihr wissen wollt, aneignen.“