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Mit 75 "nur" noch Vater und Priester

Bald wieder Trierer Bürger: Gerhard Schwetje, hier an der Moses-Statue im Palastgarten. TV-Foto: Roland Morgen
Bald wieder Trierer Bürger: Gerhard Schwetje, hier an der Moses-Statue im Palastgarten. TV-Foto: Roland Morgen
Trier. Regierungspräsident und Vater von vier Kindern, nach dem Tod der geliebten Frau Priester: Gerhard Schwetje hat eine ungewöhnliche Biografie. Mit 75 ist er als Klinikseelsorger in Saarlouis in Ruhestand gegangen und plant die Rückkehr in seine Heimatstadt Trier. Roland Morgen

Trier. Das Gespräch mit Gerhard Schwetje findet vor dem Landesmuseums-Café Zeitsprung im Palastgarten statt, einen Katzensprung entfernt vom Kurfürstlichen Palais, in dem er einst als Regierungspräsident residiert hatte. Vielleicht doch kein so günstiger Treffpunkt? Schließlich hat Schwetje seinen Posten 1991 nicht freiwillig geräumt. Der CDU-Mann musste - wie nahezu alle anderen politischen Beamten - gehen, nachdem die SPD erstmals in Rheinland-Pfalz eine Landtagswahl gewonnen hatte. Blick zurück im Zorn? "Ganz ehrlich: nein!", versichert Schwetje. "Politisch war das akzeptabel, ich hätte sonst zwischen allen Stühlen gesessen. Und privat war es gut, denn so konnte ich meine Frau in ihren letzten Lebensjahren noch intensiv begleiten."
Treue über den Tod hinaus


1994 starb Liesel Schwetje nach langem Krebsleiden - für ihren Mann Anlass, sein ganzes Leben umzukrempeln: "Ich wollte ihr für immer treu bleiben."
Der zutiefst gläubige Gerhard Schwetje knüpfte an alte Uni-Zeiten an. In Freiburg hatte er als Student der Rechts- und Staatswissenschaften oft auch Theologievorlesungen besucht. Mit 61 wurde der Vater von drei Töchtern und eines Sohnes Priester. Kirchenrechtlich gab es mit der Weihe des Witwers keine Probleme. Die theologische Ausbildung hatte er im Selbststudium absolviert.
Bischof Hermann-Josef Spital schickte den Neu-Priester mit bundesweit einzigartiger Biografie als Seelsorger nach Saarlouis, wo er die Patienten der St.-Elisabeth-Klinik und des DRK-Krankenhauses betreute. Und in manchen Fällen mehr noch deren Angehörige. Für Schwetje eine erfüllende Berufung, "Atheisten, Aids-Kranken, Drogenabhängigen oder einer Domina beizustehen und die Angst vor dem Sterben zu nehmen. Im Krankenhaus findet Kirche ohne Milieugrenzen statt. Deshalb ist das Krankenhaus auch für die Kirche Lernort der Welt". Ende Mai wurde er in den Ruhestand verabschiedet. Nach 14 erfüllten Klinikseelsorge-Jahren, "aus denen ich keinen einzigen Tag und keinen der ungezählten Nachtdienste bereue."
Erster Landkreis-Ehrenbürger


Mit 75 muss Schwetje, dem als Politiker "Ehrungen für Hauptamtliche" stets suspekt waren, "denn diese Leute wurden ja für ihr Tun bezahlt", viele Ehrungen über sich ergehen lassen. Und das nicht einmal ungern. Der Landkreis Südliche Weinstraße etwa machte seinen ersten Landrat kürzlich zu seinem ersten Ehrenbürger und damit zum ersten Kreis-Ehrenbürger in Rheinland-Pfalz - als Dank für "seine vorausschauende und Identität stiftende Gestaltung kommunaler Politik für unsere Dörfer und Städte und die Region insgesamt". Identität stiftete Schwetje auch in seiner neunjährigen Tätigkeit als Regierungspräsident in Trier. Die Gründung des "runden Tischs für die Region", an dem erstmals alle an Wirtschaft und Entwicklung Beteiligten zusammenkamen, war sein Werk.
Gerhard Schwetje blickt auf zwei erfüllte Leben zurück: eines als Verwaltungspolitiker, eines als Seelsorger. Letzteres ist noch nicht ganz abgeschlossen. Möglicherweise hält der 75-Jährige bald die eine oder andere Messe in Trier: Ende Juli zieht er aus Saarlouis zurück in seine frühere Pfarrei St. Agritius, "und wenn ich aushilfsweise gebraucht werde, dann stehe ich zur Verfügung. Denn es ist wichtig, Menschen Freude am Glauben und Vertrauen in die Kirche zu vermitteln".
Alle offiziellen Ämter aber habe er hinter sich gelassen, und er mag auch keine mehr haben: "Erstmals seit 1961, als ich Diözesenjugendführer wurde, bin ich ohne Verantwortung für andere. Ich bin jetzt nur noch noch Vater und Priester." Und ein Mann, der mit sich im Reinen ist. Ob seine Frau stolz auf ihn wäre? "Ich glaube, sie würde sich über meinen Weg freuen", sagt Schwetje. Gerhard Schwetje (Foto: Astrid Anna Oertel) wurde am 3. April 1936 in seinem Elternhaus in Trier geboren und wuchs in Wittlich auf. Nach dem Abitur am Cusanus-Gymnasium studierte er Rechts- und Staatswissenschaften in Freiburg, Bonn und Mainz. Nach dem zweiten juristischen Staatsexamen arbeitete er von 1962 bis 1966 im Landratsamt Saarburg, anschließend bei der Bezirksregierung Trier und im Mainzer Ministerium für Wirtschaft und Verkehr. 1969 berief ihn der damalige Ministerpräsident Helmut Kohl zum Landrat des neu gebildeten Kreises Landau-Bad Bergzabern, der sich auf Schwetjes Initiative in Landkreis Südliche Weinstraße umbenannte. Von 1982 bis 1991 war Schwetje Regierungspräsident in Trier, dann fünf Jahre lang Direktor der Katholischen Akademie. Nach dem Tod seiner Ehefrau 1994 fasste Schwetje den Entschluss, Geistlicher zu werden (Priesterweihe 1997). Bis Ende Mai war er Krankenhauspfarrer in Saarlouis. rm.