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Soziales
Normal statt radikal - Beratungsstelle in Bitburg will Jugendliche vor Radikalisierung schützen

FOTO: dpa / Britta Pedersen
Bitburg/Daun/Wittlich/Trier. Woran erkennt man einen Salafisten? Wie kann man Jugendliche stärken, damit sie sich nicht radikalisieren? Antworten bietet die Beratungsstelle „Anker“. Im TV-Interview spricht Sozialarbeiterin Jana Nickels von ihrem täglichen Kampf gegen Ängste und Vorurteile. Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Fatima trägt neuerdings Kopftuch und Mohammed einen Bart. Aabid betet fünfmal täglich und Kadira fastet am Ramadan. Es sind sichtbare religiöse Bekenntnisse, die Lehrer, Freunde und Flüchtlingshelfer beunruhigen. Radikalisiert sich mein Schüler, mein Klassenkamerad, mein Sohn? Meistens lautet die Antwort auf diese Frage „nein“. Das sagt zumindest Jana Nickels.

Die 28-Jährige leitet seit November die Beratungstelle „Anker“ des Roten Kreuzes, ein vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bezahltes Pilotprojekt. Zielgruppe sind: „Alle, die sich um eine Radikalisierung von Geflüchteten sorgen“ – und zwar im gesamten Westen von Rheinland-Pfalz.

Nickels, die ihr Büro in Bitburg hat, will also die Widerstandsfähigkeit junger Menschen stärken, Muslime vor dem Abdriften in den gewaltbereiten Islamismus schützen und eingreifen, bevor es soweit kommt.  Sie will aber auch denjenigen die Furcht nehmen, die sich vom Salafismus bedroht fühlen. Häufig kämpfe die Sozialarbeiterin dabei gegen Vorurteile und diffuse Ängste – und zwar vor allem bei den Deutschen:

Frau Nickels, können Sie die Arbeit Ihres Beratungsbüros vorstellen?

Nickels: Der allergrößte Teil ist Prävention. Dabei liegt der Fokus auf Jugendlichen zwischen 14 und 27. Ziel meiner Arbeit ist es, die Widerstandsfähigkeit und Konfliktfähigkeit zu stärken. Ich will ihnen eine Anlaufstelle bieten. Aber ich würde auch intervenieren. wenn die Gefahr bestünde, dass sich ein gefährdeter Jugendlicher radikalisieren könnte.

Prävention heißt aber auch, Fachpersonal zu stärken und ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Wie sieht so eine Intervention aus und wie oft kommt das vor?

Nickels: Sehr selten. In der Regel wenden sich Lehrer oder Sozialarbeiter an mich, denen etwas aufgefallen ist. In den allermeisten Fällen stellt sich ihre Sorge im Nachhinein aber als unberechtigt heraus. Der lange Bart wird nur getragen, weil es gerade „in“ ist. Es wird gebetet, weil die Religion Halt gibt, wo alles andere bröckelt. Glaube kann ja etwas Positives sein – auch wenn das von der Gesellschaft kaum anerkannt wird.

Sie sprechen die Vorurteile der Deutschen an. Wie sehr haben die Jugendlichen darunter zu leiden, mit denen Sie sprechen?

Nickels: Die Vorurteile sind allgegenwärtig. Versuchen Sie mal als Flüchtling eine Wohnung zu mieten – es wird ihnen kaum gelingen. Überall werden junge Muslime ausgegrenzt, sie haben oft auch kaum Kontakt zu Gleichaltrigen aus Deutschland. Und auch dem Leistungsdruck sind sie häufig kaum gewachsen, kommen wegen Sprachbarrieren schlecht in der Schule mit. Kurzum: Sie fühlen sich abgehängt, verloren, sind nicht selten durch Traumata belastet. Und sie bekommen auch einiges mit von der Atmosphäre in Deutschland.

Hat die sich in den vergangenen Jahren geändert? Hat der Rassismus in der Region zugenommen?

Nickels: Er ist auf jeden Fall salonfähiger geworden. Rassismus, der sich gegen Muslime richtet, hat es zwar immer gegeben, doch heute zensieren sich die Kritiker der Religion nicht mehr selbst. Sie stehen auch öffentlich zu ihrem Rassismus. Das betrifft das Land, etwa die Eifel, genauso wie Großstädte.

Das hat auch mit der Rolle der Medien zu tun. Einige schüren die Furcht der Bürger vor dem Fremden, oder den Fremden, die da in ihr Land kommen. Es scheint kaum ein anderes Thema zu geben: ob im Tatort oder in der Polit-Talkshow.

Unsere Beratungsstelle will diese Ängste ernst nehmen, auch wenn wir sie nicht als begründet empfinden. Unser Ziel ist es, Vorurteile abzubauen. Denn antimuslimischer Rassismus und Islamismus hängen zusammen. Das eine bedingt das andere.

Das müssen Sie erklären.

Nickels: Geflüchtete junge Menschen werden vielfach ausgegrenzt. Und das in einer Lebensphase, in der sie nach Identität und Zugehörigkeit suchen. Das nutzen Salafisten aus. Sie hören zu, wo es sonst niemanden gibt. Nun wollen wir zuhören.

Doch was sagen Sie einem jungen Salafisten, der für den Islam töten würde? Nimmt der Sie als Frau überhaupt ernst?

Nickels: Solche Fälle gibt es bei uns praktisch nicht. Wir versuchen die Jugendlichen schon früher zu erreichen. Klar, wenn jemand radikalisiert ist, würde er wohl kaum zuhören – aber das ist unabhängig davon ob der Sozialarbeiter eine junge Frau oder ein 40-jähriger Mann ist.

Wenn wir es mit einem gewaltbereiten Islamisten zu tun hätten, würden wir den Fall ohnehin weiter vermitteln, etwa an die Beratungsstelle Salam oder – wenn es sehr ernst ist – an die Sicherheitsbehörden. Da können Psychologen vielleicht noch am Weltbild rütteln.

Bei gewaltbereiten Salafisten arbeiten wir eng mit einer an das Landejugendamt angebundenen Beratungsstelle, Salam, zusammen und geben die Fälle entsprechend weiter. Bei uns gab es seit November allerdings keinen einzigen Fall.

Was ist dieses Jahr geplant und wie geht es danach weiter?

Nickels: Wir können Prävention leisten. Wir bieten Schulungen, Workshops, geben Handreichungen und unterstützen beim Umgang im Phänomenbereich Islamismus. Was nach Dezember passiert, ist unklar. Die Beratungsstelle ist als Pilotprojekt des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge auf ein Jahr befristet. Es sieht aber danach aus, dass sie auch danach bestehen bleibt, vielleicht sogar ausgeweitet wird.