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Stadtentwicklung
Radler wollen mehr Platz

Radfahren in der Stadt: Das ist in Bitburg noch die Ausnahme.
Radfahren in der Stadt: Das ist in Bitburg noch die Ausnahme. FOTO: Arne Dedert / dpa
Bitburg. Gehören die Straßen in Bitburg künftig auch stärker den Radfahrern? Für die Stadt und den Landesbetrieb Mobilität ist das zumindest ein Ziel. Aber die Bürger sollen auch mitmachen. Von Ulrike Löhnertz
Ulrike Löhnertz

„Radfahren in Bitburg? Das ist doch Harakiri.“ Der junge Mann, der eben sein Rad neben die wenigen anderen in den Fahrrad­ständer neben dem Haus der Jugend gestellt hat, schüttelt den Kopf. „Wenn ich daran denke, wie schwierig und gefährlich das manchmal ist, kann man verstehen, warum das so wenige machen.“

Fürwahr. Menschen auf zwei Rädern, die sich freiwillig in die Bitburger Innenstadt begeben, gelten entweder als Exoten oder als Wahnsinnige. Oder beides. Damit soll in ein paar Jahren Schluss sein, geht es nach dem Willen der Stadtverwaltung. Daher hat sie gemeinsam mit dem Landesbetrieb Mobilität Gerolstein das Planungsbüro VIA aus Köln beauftragt, ein Konzept für die Verbesserung des Radverkehrs in Bitburg zu erarbeiten, das in den Generalverkehrsplan eingearbeitet  werden soll. Die Kosten von 25 000 Euro teilen sich die Stadt und der LBM, die Arbeit beide Genannten, das Planungsbüro und alle Bürger, die mitreden wollen.

Genau deswegen sind heute 50 Leute ins Haus der Jugend gekommen – gut eine Handvoll mit dem Rad – um über die ersten Vorschläge für das neue Netz zu diskutieren, die das Büro VIA erarbeitet hat. Erklärtes Ziel ist es laut Bürgermeister Joachim Kandels, das vorhandene Netz in der Stadt auszubauen, sicherer zu machen und besser an die Stadtteile, die umliegenden Orte und das touristische Netz, also beispielsweise den Nimstalradweg und den Kylltalradweg, anzubinden.

Radverkehrskonzept Bitburg: Die Wunschlinien
Radverkehrskonzept Bitburg: Die Wunschlinien FOTO: Lambrecht, Jana / TV

Das hält auch Harald Enders, Chef des LBM Gerolstein, für notwendig. Schließlich habe man in den vergangenen 20 Jahren 30 Millionen Euro ins Radwegenetz investiert, davon vier Millionen allein für den Raum Bitburg. Und im touristischen Bereich sei man auch sehr erfolgreich. So würden die Radwanderwege gut angenommen, allerdings sehe das im Stadtbereich anders aus. „Da müssen wir Netzlücken schließen und schlechte Stellen ausbessern.“

Das sieht auch Andrea Fromberg vom Planungsbüro VIA so, das im Vorfeld ein Wunschliniennetz erarbeitet hat. Dieses verbindet die Stadt mit Stadtteilen, erschließt zentrale Orte wie Schulen, große Arbeitgeber und Geschäfte und naheliegende Orte. Zugrunde liegt auch die Erkenntnis, dass im ländlichen Raum zwei Drittel aller zurückgelegten Radstrecken kürzer als fünf Kilometer sind. Das heißt: Auch naheliegende Dörfer kommen als Pendlerstrecken infrage.

Die Detailplanung sieht zwei Netze für zwei verschiedene Radfahrtypen vor: das grüne, längere Netz für weniger sichere Fahrer wie Kinder, Senioren oder Gelegenheitsradler, das rote, schnelle Netz für erfahrene Biker. Ersteres verläuft abseits der Hauptverkehrsstraßen, Zweiteres an diesen entlang. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, wie der Radler unterwegs ist: auf markierten Wegen, abgetrennten Streifen, einem gemeinsamen Geh- und Radweg, markierten, höher liegenden Furten oder Fahrradstraßen, wo auch Anlieger mit Autos mit Tempo 30 unterwegs sein dürfen. Damit und auch mit der Öffnung von Einbahnstraßen für Biker habe man gute Erfahrungen gemacht, erklärt Fromberg.

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Denn bei der Arbeit in zwei Workshops zeigen die Bürger den Planern Wünsche und Probleme auf, die nicht so einfach und auch nicht ohne Konflikte (meist mit Autofahrern) zu realisieren sind. Beispiel eins: ein Radstreifen entlang der Trierer Straße, die vermutlich dafür zu schmal ist. Beispiel zwei: ein Radstreifen in der Rittersdorfer Straße, die meist mit Autos zugeparkt ist. Beispiel drei: Radwege zu den Schulen, die zweimal täglich im Hol- und Bringverkehr versinken, was das Radfahren nicht gerade ungefährlicher macht. So sagt eine Teilnehmerin des Workshops: „Viele Eltern sagen: ‚Man kann die Kinder nicht unbesorgt mit dem Rad zur Schule schicken.’ Das macht auch kaum einer. Stattdessen fahren die Eltern Strecken von noch nicht mal zwei Kilometern bis zur Schule. Vor unserer Schule wurde erst vor kurzem ein Radständer installiert.“

Alternative: Die Radler durch kleine Sträßchen auf Umwegen um die Hauptverkehrsadern herumschicken. Ob das funktioniert, bezweifeln allerdings viele der eingefleischten Biker. „Das wäre ein Radverhinderungskonzept“, sagt Peter Berger von den Grünen. Denn erwiesen ist: Gerade Alltagsbiker fahren nicht gerne Umwege.

Klar ist: Bis der Plan für Bitburgs Zukunft als Radstadt steht, sind, wie sowohl Kandels als auch Fromberg bestätigen, noch dicke Bretter zu bohren. Denn auf der Grundlage der ersten Planungen und der nun gesammelten Bürgervorschläge wird zunächst ein Kataster geplant, dann eine Kostenschätzung gemacht sowie eine Priorisierung von Projekten vorgenommen.

Diese werden beim zweiten Workshop (vermutlich im Herbst) vorgestellt. Danach legt man konkrete Projekte fest. Dann beginnt die Arbeit der politischen Gremien, die entscheiden, welches Projekt umgesetzt werden kann und soll.

Wie lange das dauert? „Bei Sofortmaßnahmen kann das schnell gehen: ein bis drei Jahre“, sagt Fromberg. Das hänge auch vom Investitionsvolumen ab. Und das werde, wie LBM-Chef Enders sagt, „bei der Masse der Maßnahmen im Low-Cost-Bereich sein“.

Schafft Bitburg es also, wie die etwa gleich große und ebenfalls hüglige Stadt Isny im Allgäu, nach erfolgreich umgesetztem Radkonzept auf einen Radverkehrsanteil von 25 Prozent zu kommen? Viele der Teilnehmer sind skeptisch. „Bitburg ist halt eine Autostadt“, sagt einer.