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Renner im Internet: Landrat schreibt Sorgenbrief - Mehr als 140.000 Eifeler teilen Angst vor Atomkraft

FOTO: Screenshot: Christian Moeris
Bitburg. Die Atommeiler Cattenom und Tihange machen ihm Angst. In einem öffentlichen Brief an Frankreichs Staatspräsident und Belgiens Premierminister hat Landrat Joachim Streit das in Worte gefasst – und damit wohl vielen aus der Seele gesprochen. Der Brief sorgt im Internet für Aufsehen. Dagmar Schommer

Nein, damit hat er nicht gerechnet. Mehr als 140.000 Menschen hat Joachim Streit über die Internetplattform Facebook binnen von nur zwei Tagen mit seinem Brief erreicht. Das Schreiben ist an Frankreichs Präsident François Hollande und Belgiens Premierminister Charles Michel gerichtet (siehe Extra). Darin bringt der Landrat seine Sorge wegen Cattenom und Tihange zum Ausdruck.

Anlass, aber nicht der einzige Grund sind die Terroranschläge in Brüssel, in deren Folge das Personal in Tihange auf ein Minimum reduziert worden ist, weil selbst die belgische Atomaufsicht das Kernkraftwerk "als mögliches Ziel terroristischer Anschläge" eingestuft hat. Das kann einem, gerade mal 100 Kilometer Luftlinie entfernt, durchaus Angst machen. Eine Angst, die viele teilen - zumal beide Reaktoren als "Pannenmeiler" ohnehin nicht gerade vertrauenserweckend sind.

Erst vor Kurzem hat der Eifelkreis eine Klage der Städteregion Aachen unterstützt, die fordert, Tihange abzuschalten (der TV berichtete). Die Klage läuft, Ausgang offen. Nach den Anschläge in Brüssel hat sich auch der Bitburger Thomas Konder besorgt an den Landrat gewandt. "Aber was können wir schon ausrichten?", hat sich Streit gefragt. Und ist zum Ergebnis gekommen, dass man zumindest seine Stimme erheben sollte. So entstand die Idee zu dem Schreiben, das er auch noch per Post direkt an FrançoisHollande und Charles Michel schicken wird.

Von der Resonanz, die er binnen von nur zwei Tagen im Internet erreicht hat, ist Streit völlig überrascht. Mehr als 150 Menschen haben dem Beitrag in Kommentaren zugestimmt. "Du drückst damit die Sorge vieler Menschen in der Eifel und im Benelux-Raum aus", schreibt etwa Frank Kirsch. Und Marco Meyer schlägt vor, dass alle, die die gleich Angst umtreibt, den Brief wie eine Petition unterschreiben.

Was das nützt? Für Streit geht es zunächst mal darum, Position zu beziehen: "Wir können weder den Belgiern noch den Franzosen vorschreiben, was sie machen sollen. Aber wir können unsere Angst zum Ausdruck bringen." Und Alternativen aufzeigen. Wie etwa die, dass der Eifelkreis selbst mittlerweile mehr als 100 Prozent, der Energie, die im Kreisgebiet benötigt werden, selbst produziert: grüne Energie aus Biogas, Wind- und Wasserkraft sowie Fotovoltaik.

Weder die Sorgen wegen Atomkraft noch die Alternativen sind neu. Neu ist, dass der Eifeler Landrat sich in seinem sehr persönlichen Brief als Vater dreier Kinder direkt an die Präsidenten der Nachbarländer wendet. "Ich erwarte schon, dass ich eine Antwort bekomme, wenn auch keine persönliche", sagt Streit. Und ja, auch diese Hoffnung hat er: Vielleicht ändert ja auf lange Sicht doch was. Nicht wegen seines Briefes, sondern wegen vieler, vieler Menschen im Benelux-Raum, die laut und deutlich "Stopp" rufen. "Manchmal", sagt Streit, "kann das durchaus was bewegen. Oder wer hätte vor Fukushima gedacht, dass Merkel mal die Grünen links überholt?"
Extra: Der Brief von Landrat Joachim Streit


An den
Staatspräsidenten der Französischen Republik, François Hollande,
und den Premierminister des Königreichs Belgien, Charles Michel.Sehr geehrter Herr Hollande,
sehr geehrter Herr Michel,

es schreibt Ihnen Joachim Streit, Landrat im Eifelkreis Bitburg-Prüm, Ehemann und Vater von drei Kindern.

Der Eifelkreis Bitburg-Prüm hat etwa 95.000 Einwohner und liegt an den Grenzen zu Luxemburg und Belgien im Westen Deutschlands.

Die Terrorereignisse in Paris und Brüssel haben auch bei uns zu großer Anteilnahme bei den Menschen der Eifel geführt.

Wir trauern um die Opfer und mit den Angehörigen.

Gleichzeitig macht sich nun auch bei uns eine Befürchtung breit, dass die Kernkraftwerke in Cattenom und Tihange Ziel von Terroristen werden: durch Überfälle oder durch gewollte Flugzeugabstürze oder durch Softwaremanipulation der Reaktortechnik und Kühlsysteme.

Es steht mir nicht zu, mich in die inneren Angelegenheiten Ihrer Staaten einzumischen, aber der Betrieb der Atomkraftwerke betrifft auch die Menschen in der Eifel.

Wäre jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen, sich endgültig von der Kernkraft auch in Frankreich und Belgien zu verabschieden?

Wir müssen auch nicht Terrorereignisse vorschieben, da sich niemand dem Terror ergeben möchte.

Aber die Katastrophen in Tschernobyl (ausgelöst durch Simulation eines Stromausfalls) und Fukushima (ausgelöst durch Erdbeben mit Flutwelle) zeigen, dass die Technik nicht gegen alle möglichen Einflüsse geschützt werden kann.

Im Eifelkreis Bitburg-Prüm produzieren wir mittlerweile mehr als 100% der benötigten elektrischen Energie durch erneuerbare Energien.

Es gäbe mir als Familienvater große Sicherheit, wenn sich Ihre Länder aus der Atomkraft verabschieden.

Ich werde Sie auch nochmals postalisch anschreiben, glaube persönlich jedoch nicht, dass Sie einen echten Ausstiegsbeschluss fassen werden.

Aber ich möchte mir nicht von meinen Kindern sagen lassen, dass ich es nicht wenigstens versucht hätte.

Mit freundlichen Grüßen
Joachim Streit

PS: Ich danke meinem Freund Thomas Konder, der morgen Geburtstag hat und mich auf die Idee zu diesem Brief brachte.

FOTO: Grafik-Quelle: Landrat Joachim Streit