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Schulbücher: Neues Ausleihsystem startet mit Kritik

Im Oberstufen-Aufenthaltsraum am St.-Willibrord-Gymnasium in Bitburg stapeln sich zurzeit die bestellten Bücher. TV-Foto: Nina Ebner
Im Oberstufen-Aufenthaltsraum am St.-Willibrord-Gymnasium in Bitburg stapeln sich zurzeit die bestellten Bücher. TV-Foto: Nina Ebner
Zweieinhalb Wochen noch, dann ist es soweit: 3109 Fünft- bis Zehntklässler werden im Eifelkreis nach den Sommerferien mit Schulbüchern auf Zeit ausgestattet. Damit machen allerdings nur 47,7 Prozent der Schüler bei der neuen Schulbuchausleihe mit - obwohl der Organisationsaufwand riesig ist und nicht nur Lehrer Kritik am neuen System üben. Von unserer Redakteurin Nina Ebner

Bitburg/Prüm. Aller Anfang ist schwer. Zumindest auf das zum Schuljahr 2010/2011 neu eingeführte Schulbuch-Ausleihsystem trifft dieses Sprichwort durchaus zu. Der TV hat vor dem Start des Pilotprojekts mit Betroffenen im Eifelkreis Bitburg-Prüm gesprochen.

Die neue Regelung



Im Dezember 2009 wurde das neue rheinland-pfälzische Schulbuchgesetz von der Landesregierung erlassen, nachdem zum Schuljahr 2010/2011 Eltern von Schülern der Klassen 5 bis 10, deren Einkommen bestimmte Grenzen nicht übersteigen, Schulbücher auf Antrag kostenlos ausleihen können. Alle andern können die Schulbücher gegen ein Drittel der Bücherkosten ausleihen. Ausgeliehen werden Bücher, die nicht länger als drei Schuljahre genutzt werden können.

Die Zahlen



Zum Auftakt des Pilotprojekts haben sich im Eifelkreis 3109 der insgesamt 6520 Fünft- bis Zehntklässler angemeldet. An der kostenlosen Ausleihe nehmen 1351, an der entgeltlichen 1758 Schüler teil. Insgesamt 16 weiterführende Schulen machen im Eifelkreis mit, knapp 27 000 Lernmittel werden nach den Sommerferien verteilt.

Allerdings liegt die Quote von 47,7 Prozent der Schüler, die am Ausleihsystem teilnehmen, deutlich unter dem Landesdurchschnitt, der laut Auskunft des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums fast 60 Prozent beträgt.

Die Logistik



Während die Stadt Trier beispielsweise sämtliche bestellten Bücher in eine Lagerhalle hat liefern lassen, haben die Schulträger im Eifelkreis die Bücher von den Buchhandlungen direkt an die Schulen ausfahren lassen. So stapeln sich derzeit in Speisesälen, Klassen- und Aufenthaltsräumen Hunderte von Büchern. Dem jeweiligen Schulträger obliegt die Aufgabe, diese zu erfassen und nach den Sommerferien auszuteilen. Dazu muss jeder Wälzer mit einem Barcode versehen werden, der jeweils einem Schüler zugeordnet werden muss. Für jeden einzelnen Schüler müssen individuelle Buchpakete zusammengestellt werden.

Bei der Kreisverwaltung, Träger von der Hälfte der teilnehmenden Schulen mit rund 19 000 bestellten Lernmitteln, wird diese organisatorische Herausforderung mit eigenem Personal und Hilfskräften gemeistert. "Hier werden auch Schüler im Rahmen von Ferienjobs eingesetzt", sagt Heike Frankiewitsch, Pressesprecherin der Kreisverwaltung des Eifelkreises Bitburg-Prüm. Neun Euro pro Schüler zahlt das Land dafür den Schulträgern - ob diese Pauschale letztlich tatsächlich die Verwaltungskosten decken kann, steht noch nicht fest.

Die kritischen Stimmen



Eine Zahl spricht für sich: Nicht einmal die Hälfte der Schüler macht bei der Schulbuchausleihe mit. "Im Gespräch mit den Eltern habe ich festgestellt, dass viele keine Lust auf dieses System haben", berichtet etwa Sabine Rehm von der Buchhandlung Hildesheim in Prüm, "ich vermute, dass vielen von ihnen das mit der Internetbestellung zu kompliziert war oder dass sie ohnehin Kinder haben, die vom Alter her nahe beieinander liegen, so dass sich das gar nicht rechnet." Denn diejenigen, die bei der entgeltlichen Ausleihe mitmachen, zahlen ein Drittel des Buchpreises - obwohl ihre Kinder die Bücher nach einem Jahr wieder zurückgeben. Ein Grund dafür, dass beispielsweise Robert Krahwinkel, Buchhändler in Neuerburg, sagt: "Das Ausleihsystem ist nicht ausgegoren."

Doch es sind auch die Buchhändler selbst, die durch das System Nachteile befürchten: Das Land verlangt von ihnen für jedes Schulbuch einen Rabatt von zwölf Prozent auf den normalen Ladenpreis. Darüberhinaus wird wohl die Nachfrage nach neuen Schulbüchern sinken, da die im Ausleihsystem befindlichen Schulbücher drei Jahre lang genutzt werden. "Ich denke schon, dass wir Umsatzeinbußen verzeichnen werden", sagt deshalb auch Buchhändlerin Rehm, "aber wie hoch diese ausfallen, weiß ich noch nicht."

Auch von den Lehrern im Eifelkreis gibt's Kritik: Von "Startschwierigkeiten" spricht etwa Hans-Dieter Reichert, stellvertretender Schulleiter des Eifel-Gymnasiums Neuerburg, der allerdings das neue System als für die Eltern "grundsätzlich positiv" bewertet. Nichtsdestotrotz sei eine Mitarbeiterin an seiner Schule zwischen den Oster- und Sommerferien quasi komplett für die Organisation der Bücherbestellungen abgestellt gewesen, zudem sei die Landesmedienzentrale als zuständiger Ansprechpartner ständig überlastet gewesen.

Auch Dagmar Leppin-Becker, Lehrerin am St.-Willibrord-Gymnasium in Bitburg, spricht von einem enormen organisatorischen Aufwand bei der Bücherbestellung und übt Kritik an der ihrer Meinung nach "übers Knie gebrochenen" Einführung des Schulbuch-Ausleihsystems. So gebe es beispielsweise teure Bücher, die nicht ausgeliehen werden können, weil ihr Inhalt sich über mehr als drei Schuljahre erstrecke. Sprich: Die Eltern müssen diese kostspieligen Werke weiterhin selbst kaufen. "Das halte ich für nicht sinnvoll", sagt Leppin-Becker. Und noch etwas sieht die Lehrerin kritisch: "Die Schüler, die ihre Bücher ausleihen, dürfen darin nichts mehr markieren - dabei ist das Markieren als Lernmethode durchaus anerkannt." Streicht jemand dennoch wichtige Passagen im Lehrbuch an, droht ihm am Ende des Schuljahrs eine Nachzahlung. Nach welchen Kriterien diese bestimmt wird und wer diese eintreiben soll, ist allerdings noch völlig unklar.