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Energie
Der schönste Arbeitsplatz der Welt

Zu den Wartungsarbeiten von  Mechaniker Sven Göbel gehört auch das Fetten der Lager im gewaltigen Ringgenerator.
Zu den Wartungsarbeiten von Mechaniker Sven Göbel gehört auch das Fetten der Lager im gewaltigen Ringgenerator. FOTO: Uwe Hentschel
MATZERATH/ORLENBACH. Seit einem Jahr ist bei Matzerath eine Solar- und Windkraftanlage im Einsatz. Diese Kombination soll einmalig sein, die Aussicht ist es. Von Uwe Hentschel

Ohne Klettergurt geht hier gar nichts. Wer nach oben will, muss das Teil tragen. Einen Helm sowieso. Doch noch wichtiger ist der mit schweren Karabinern ausgestatte Gurt. Einer dieser Karabiner muss immer irgendwo in einer Öse stecken. Das gilt auch für die Fahrt in dem Monteurs-Aufzug, einem rundherum verschlossenen Metallkasten, der kleiner ist als eine Telefonzelle, aus dem man gar nicht herausfallen kann und mit dem es dann nach oben geht. Mechaniker Sven Göbel hakt alles ein, schließt die Tür und drückt den Knopf. Die an Stahlseilen befestigte Kabine bewegt sich langsam nach oben.

Währenddessen wählt Hermann-Josef Meyer den weitaus anstrengenderen Weg. Sein Klettergurt ist über einen Spezialkarabiner mit der Führungsschiene der Steigschutzleiter verbunden. Schritt für Schritt arbeitet sich der Enercon-Außendienst-Gebietsleiter entlang der Turmelemente aus Beton und Stahl nach oben. Eine knappe Viertelstunde später kommt er nahezu zeitgleich mit dem Aufzug am anderen Ende des Turms an. „Das hält fit“, sagt Meyer. Eine gewisse Grundausstattung an Fitness braucht er auch. Denn das Gebiet, das Meyer von Bitburg aus betreut, umfasst ganz Rheinland-Pfalz und das benachbarte Saarland. Und längst nicht jedes Windrad ist, wie dieses hier bei Matzerath, mit einem Aufzug ausgestattet. Die Frage, welchen Weg man wählt, stellt sich in vielen Fällen gar nicht. Weshalb es neben Höhen- und Platzangst noch eine weitere Eigenschaft gibt, die man im Griff haben sollte, falls man für die Wartung und Reparatur von Windkraftanlagen zuständig ist. Und das ist Vergesslichkeit. „Es ist natürlich schon ärgerlich, wenn man wieder unten ankommt und dann feststellt, dass das Handy noch oben in der Gondel liegt“, sagt Meyer grinsend.

Im Fall der Enercon 101 liegt das „Strafmaß für Vergesslichkeit“ bei 149 Metern. In dieser Höhe befindet sich die 15 Meter lange und fast 250 Tonnen schwere Gondel. Dort angekommen verschwindet Mechaniker Göbel durch eine kleine, runde Stahltür im gewaltigen Ringgenerator, um die Lager zu fetten. Vor dem Generator geht eine kleine Leiter. Sie führt „zum schönsten Arbeitsplatz der Welt“, wie Meyer erklärt. Es geht raus aufs Dach der Gondel. Die Aussicht ist atemberaubend: Nach Süden schweift der Blick zwischen den fast 50 Meter langen Rotorblättern in den Hunsrück und in Richtung Norden reicht die Aussicht weit bis ins Nachbarland Belgien. Ebenfalls zu sehen sind die A 60, die unmittelbar am Windrad vorbeiführt, und eine Fotovoltaikanlage, die etwas mehr als einen Kilometer entfernt liegt. Solarparks gibt es entlang der A60 einige. Und doch ist dieser etwas ganz Besonderes.

Die Freiflächenanlage in der Nachbargemarkung Orlenbach, deren mehr als 21 000 Solarmodule östlich und westlich der Autobahntrasse in langen Reihen montiert sind, ist nämlich mit dem Windrad kombiniert. Beide Anlagen speisen ihren Strom über einen gemeinsamen Anschluss ins  Netz. Das Windrad hat eine Leistung von drei Megawatt, der Solarpark kommt auf bis zu fünf Megawatt. Weil aber aufgrund der begrenzten Netzkapazität nur maximal 5,2 Megawatt eingespeist werden dürfen, wird die Gesamtleistung der  Anlagen so geregelt, dass es zu keiner Überschreitung des Limits kommt. Es habe Überzeugungsarbeit gekostet, den Netzbetreiber Westnetz von diesem  Konzept zu überzeugen, erklärt Hermann-Josef Philipps, Geschäftsführer der C4-GmbH aus Pronsfeld, die diese Kombianlage geplant hat. „In Bezug auf die Netzstabilität, aber auch für die Versorgungssicherheit, ergänzen sich Wind- und Solarkraft hervorragend“, sagt Philipps. Während bei jeder Anlage für sich genommen die Einspeisung ins Netz sehr schwankend sei, könne man nun durch die Kombination die Leistung konstant halten. Ermöglicht werde das durch einen Regler, der eine Reaktion im Millisekundenbereich erlaube. „Wenn  bei hoher Sonneneinstrahlung plötzlich Wolken über das Solarfeld ziehen, bricht die Leistung der Fotovoltaikanlage schlagartig ein“, erklärt der  Anlagenplaner. Dieses „Energietal“ werde dann umgehend mit elektrischer Energie aus der Windkraftanlage überbrückt, sodass die Netzeinspeisung konstant bleibe.

Errichtet wurde die von Anlegern aus der Region mitfinanzierte Kombianlage von der ebenfalls aus Pronsfeld stammenden HardtStrom GmbH & Co. KG. Für deren Geschäftsführer Edvard Högner ist das Zehn-Millionen-Euro-Projekt ein „Leuchtturmprojekt für die Region“. Um ein Haar wäre es  gescheitert. So legte kurz nach Beginn der Bauarbeiten der Deutsche Wetterdienst (DWD) Widerspruch gegen die Genehmigung ein. Der Grund: Nach Auffassung des DWD beeinträchtigt das Windrad die Signale des  elf Kilometer entfernten Wetterradars in Neuheilenbach. Es folgte ein Gerichtsverfahren durch drei Instanzen, in denen der Wetterdienst  jedes Mal den Kürzeren zog. Im September 2016 wurde  vom Bundesverwaltungsgericht die Klage des DWD als endgültig unbegründet zurückgewiesen. Die Solaranlage war da  schon drei Jahre am Netz. Nun konnte auch das Windrad fertiggestellt und in Betrieb genommen werden.

Von der Plattform auf dem Dach der Gondel kann man das Wetterradar bei klarem Wetter  gut erkennen. Und noch vieles mehr. Der Enercon-Mann Meyer genießt die  Momente. Wobei es  vorkommen kann, dass das in der Routine des Alltags untergeht. „Ich merke oft im Nachhinein, dass ich in der Gondel war, ohne  rausgeguckt zu haben.“   Das ist dann schade. Und fast so ärgerlich wie am Ende eines Einsatzes die  Erkenntnis, dass zwischen der eigenen Position und der des  Handys  150 Höhenmeter liegen.

Hermann-Josef Meyer hat sich nicht für den Aufzug, sondern für den Fußweg entschieden und legt die 149 Meter bis zur Turmspitze über die Leiter zurück.
Hermann-Josef Meyer hat sich nicht für den Aufzug, sondern für den Fußweg entschieden und legt die 149 Meter bis zur Turmspitze über die Leiter zurück. FOTO: Uwe Hentschel
Insgesamt misst die Windkraftanlage knapp 200 Meter.
Insgesamt misst die Windkraftanlage knapp 200 Meter. FOTO: Uwe Hentschel
Projektplaner Hermann-Josef Philipps (links) und HardtStrom-Geschäftsführer Edvard Högner freuen sich über den bislang störungsfreien Betrieb der Anlage.
Projektplaner Hermann-Josef Philipps (links) und HardtStrom-Geschäftsführer Edvard Högner freuen sich über den bislang störungsfreien Betrieb der Anlage. FOTO: Uwe Hentschel
Blick vom Dach der Gondel über den Rotor in die Eifellandschaft.
Blick vom Dach der Gondel über den Rotor in die Eifellandschaft. FOTO: Uwe Hentschel