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Umwelt
PFT-Belastung: Nichts wird wie’s mal war

 Kein Gewässer in der Eifel ist so stark mit PFT belastet wie der Märchenweiher in Binsfeld. Viele Fische aus diesem Teich zu essen, ist wegen des erhöhten Krebsrisikos nicht zu empfehlen.
Kein Gewässer in der Eifel ist so stark mit PFT belastet wie der Märchenweiher in Binsfeld. Viele Fische aus diesem Teich zu essen, ist wegen des erhöhten Krebsrisikos nicht zu empfehlen. FOTO: TV / Christian Altmayer
Spangdahlem/Binsfeld. Die Gewässer rund um die Air Base Spangdahlem sind mit krebserregenden Chemikalien belastet. Das ist seit Jahren bekannt. Nun haben sich Bund und Land geeinigt, wie es weitergehen soll. Bis Ende des Jahres sollen konkrete Lösungsansätze vorliegen. Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Sie sind überall. Perfluorierte Tenside (PFT) treiben in Flüssen. Sie sickern ins Grundwasser, reichern sich in Pflanzen an und in Lebewesen, die sie schlucken – in Fischen und in Menschen, die diese Fische essen. Sogar im ewigen Eis der Arktis konnten die Stoffe nachgewiesen werden. So schnell wie sie sich verteilt haben, werden sie aber nicht verschwinden. Denn sie sind nicht abbaubar.

Jahrzehntelang wurde diese Eigenschaft von Herstellern und Nutzern als praktisch empfunden. Weil sie fett-, wasser- und schmutzabweisend sind, kamen die Stoffe als Beschichtungsmittel für Textilien und Papier und in Löschschäumen der Feuerwehr zum Einsatz. Der Haken: Unter den 800 bekannten PFT gibt es einige, die krebserregend sind. 2008 hat die Europäische Union die Anwendung des mutmaßlich gefährlichsten von ihnen verboten. Weil sie zuvor als unbedenklich galten, haben sich in den vergangenen Jahren allerdings erhebliche Altlasten angesammelt.

Hohe Konzentrationen haben Wissenschaftler auch rund um die Air Base Spangdahlem, den ehemaligen US-Flugplatz Bitburg und den Fliegerhorst Büchel nachgewiesen (der TV berichtete). Hier hat die amerikanische Feuerwehr bei Übungen und Bränden jahrzehntelang Löschmittel versprüht. Durch den Regen, Dränagen und Kanäle landeten die Chemikalien in den Regenauffangbecken auf den Stützpunkten und wurden später in Bäche, Flüsse und Weiher eingeleitet.

Das ist der Öffentlichkeit seit 2014 bekannt. Die PFT-Konzentration in umliegenden Gewässern ist aber immer noch genauso hoch wie vor fünf Jahren, und damit tausendfach höher,  als es die Umweltqualitätsnorm vorschreibt (Siehe Info). 2019 scheint sich nun etwas zu bewegen.

 

Die Anordnung: Vorangebracht hat die geplante Sanierung eine Wasseranordnung der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Nord. Die Landesumweltbehörde forderte von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, kurz Bima, ein Sanierungskonzept aufzustellen (der TV berichtete). „Uns ging das alles nicht schnell genug“, erklärt Joachim Gerke, Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft: Also habe man einen Anstoß geben wollen.

Die Bonner Behörde, der die von den Amerikanern genutzte Liegenschaft gehört, legte zunbächst Widerspruch gegen die Anordnung ein. Die offizielle Begründung: Es sei nicht nachgewiesen, dass die Chemikalien vom Flugplatz stammten. Wenn sie dies nicht täten, wäre die Bima aber nicht zuständig. Denn die haftet, gemäß NATO-Truppenstatut, nur für Umweltschäden, die das US-Militär außerhalb der Stützpunkte anrichtet.

Diese und andere Diskussionspunkte zwischen den Behörden sind aber offenbar ausgeräumt. Bei einem internen Gespräch haben sich Bund und Land Ende des vergangenen Jahres geeinigt. Demnach hat sich die Bundesanstalt bereiterklärt, im Laufe des Jahres eine „Risikobewertung“ zu erarbeiten. SGD-Abteilungsleiter Gerke erwartet bis Oktober „einen umfangreichen Bericht, der Lösungsansätze für das Problem enthält.“ Dafür seien weitere Untersuchungen auf und rund um die Air Base notwendig.

 

Die Risikobewertung: Die Umweltabteilung des Flugplatzes hat schon Vorarbeit geleistet. Amerikanische Wissenschaftler beschäftigen sich seit Jahren mit der PFT-Belastung, die vom Stützpunkt ausgeht. Fast eine Million Euro haben die Vereinigten Staaten für Boden- und Gewässerproben und die Recherche in alten Akten ausgegeben. Doch noch immer gibt es viele offene Fragen. Die spannendste: Woher stammen die Schadstoffe, die noch immer in den Regenauffangbecken auf dem Stützpunkt landen?

Klar sei, sagt Gerke, dass die Chemikalien in den Eifeler Gewässern aus den Becken kommen. Die Zusammensetzung der PFT, die auf und außerhalb der Air Base gefunden wurden, seien nahezu identisch. Doch diese Information allein nütze für die Sanierung wenig. Denn die Auffangbecken seien ja nicht die Quellen, sondern nur die Verteiler der Tenside.

Der Ausgangspunkt der Belastung, ist sich Gerke sicher, müssen Unfallstellen und Übungsplätze der Feuerwehr auf dem Militärgelände sein. Von dort aus könnten sich die Schadstoffe über Dränagen und Kanäle verteilt haben. Nur wo die PFT in die Leitungen gelangen und die stark belasteten Stellen liegen, sei zum Teil unbekannt.

Das müsse die Bundesanstalt in Zusammenarbeit mit den Amerikanern bis zum Herbst herausfinden. Erst wenn die Behörden wissen, womit sie es zu tun haben, können sie ein Sanierungskonzept erarbeiten, sagt ein Sprecher der Bima: Ob es überhaupt möglich ist, die Chemikalien aus der Umwelt zu bekommen, wie teuer dies sein könnte und wie lange es dauern würde – all das werde sich erst nach der „Risikobewertung“ ergeben.

 

Die Sanierung: Dass man etwas tun kann, glaubt SGD-Fachmann Gerke schon. Die Experten der Umweltbehörde streben an, die PFT-Konzentration in Bächen und Teichen im ersten Schritt zumindest auf 50 Nanogramm pro Liter zurückzufahren. 0,69 Nanogramm gilt laut einer Umweltqualitätsnorm als unbedenklich. Zum Vergleich: Der Märchenweiher bei Binsfeld weist Belastungen zwischen 1500 und 4200 Nanogramm auf. „Das ist nicht in Ordnung. Da muss was getan werden“, sagt Gerke.

Nur was und wo und wie – das sei nicht klar. Die Erforschung der PFT und ihrer Gefahren sei gerade einmal zehn Jahre alt, Sanierungstechniken nicht ausgereift. Trotzdem kann Gerke einen Ausblick darauf geben, was möglicherweise getan werden muss: Im besten Fall werden die Quellen der Belastung auf dem Flugplatz gefunden. Und mit viel Glück sind die Schad­stoffe nicht allzu tief ins Erdreich gesickert. Dann wäre es möglich, den verunreinigten Boden abzubaggern oder einzubetonieren, damit nichts mehr nach außen dringt.

So „einfach“ wird es für die Behörden aber wohl nicht werden. Denn PFT sei bereits ins Grundwasser gelangt, sagt Gerke, fließe auf unterirdischen Wegen womöglich bis in die Kyll. Belastetes Wasser könne man zwar abpumpen, filtrieren und zurückleiten. Großflächig sei dies aber nicht möglich. Dann bleibe nur die Möglichkeit, Aufbereitungsanlagen mit Aktivkohlefiltern in die Regenauffangbecken einzubauen. Tausende Liter pro Sekunde zu reinigen, sei aber sehr aufwändig und teuer. Daher sei die Suche nach der Quelle so wichtig.

Eins ist für den Wasserfachmann demnach klar: „ So wie die Umwelt war, bekommen wir sie nicht zurück.“ Vielleicht sei es aber möglich, einen großen Teil der Einleitungen zu verhindern. Über Jahre könnten sich die Gewässer so erholen: „Wenn es uns gelingt, die Quellen stillzulegen, wird die sehr hohe Belastung schnell zurückgehen. Leicht erhöhte Werte werden wir wohl in Jahrzehnten messen.“

 

Das sagen Umweltaktivisten: Für den Binsfelder Landwirt Günther Schneider ist die geplante Risikobewertung „kein großer Wurf“, sagt er. Der Umweltaktivist befasst sich seit Jahren mit der PFT-Belastung rund um die Air Base. Seiner Meinung nach sollten die Behörden längst wissen, wo die verunreinigten Stellen liegen, die Sanierung hätte längst beginnen müssen. Dass immer noch zu wenig unternommen werde, liege ihm „schwer im Magen“ sagt er: „Wir leben in einer belasteten Gegend, werden schleichend vergiftet. Und der Staat schaut zu.“