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Langatmige Verfahren
Späte Hilfe für Eifeler Unwetteropfer: Die Warteschlange für die Soforthilfe ist lang

Silke Roth hat wie viele in Dudeldorf alles verloren. Auf einem Berg türmt sich ihr zerstörtes Hab und Gut auf.
Silke Roth hat wie viele in Dudeldorf alles verloren. Auf einem Berg türmt sich ihr zerstörtes Hab und Gut auf. FOTO: TV / Silke Roth
Dudeldorf. Eine Dudeldorferin hat wochenlang auf die Soforthilfe nach dem Unwetter gewartet. Eine Nachfrage bei den Eifeler Behörden zeigt: Sie ist nicht die einzige. Bestimmte Spendenkonten sind drei Monate nach der Katastrophe unangetastet. Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Vier Wochen hat Silke Roth in Dudeldorf gewohnt. Und die, sagt sie, hätten ihr gereicht: „Ich bin froh, wenn ich den Ort nie wiedersehen muss.“ Denn in einem Monat hat ihre Familie die schlimmste Katastrophe durchstehen müssen, die die Gemeinde in den vergangenen Jahren gesehen hat. Die Roths hatten sich gerade eingerichtet, das Mietshaus renoviert, als das Unwetter kam. Mitte Juni regnete es über der Eifel so heftig, dass das Wasser über die Straßen lief, Bäche über die Ufer traten und Hunderte Keller voll liefen. Allein in Dudeldorf entstand Schaden in Millionenhöhe. „Da gingen Existenzen baden“, sagt Roth.

Das Haus, das sie gemietet habe, eine Mühle abseits des Ortes, habe es schlimm getroffen. Die Fluten wuschen sich durchs Gebäude.  „Danach hatten wir keine Möbel mehr“, sagt Roth. Auch das Kinderzimmer ihres Sohnes sei verwüstet worden. Spielsachen, Schränke, Kleidung – „wir konnten alles wegwerfen.“ Insgesamt schätzt sie den Schaden auf rund 100 000 Euro.

Nur wenige Tage nach dem Hochwasser verließen die Roths also den Ort. Sie zogen in ein möbliertes Haus in Trierweiler. Ihre neun Pferde mussten sie auf dem Hof einer Bekannten abgeben. Dazu muss man wissen, dass Roth und ihr Mann Schausteller im Nebenerwerb sind. Sie veranstalten mit ihren Tieren Ritterturniere und andere Shows auf Mittelaltermärkten und Wildwestfesten. Während des Hin und Hers in der Zeit konnten sie keine Aufträge annehmen. Das Geld habe beim Umzug gefehlt: „Letztlich hing alles am Hochwasserschaden.“

Die Soforthilfe: Schnelle Hilfe hat sich Roth vom Eifelkreis Bitburg-Prüm versprochen, der zusammen mit dem Roten Kreuz ein Spendenkonto eingerichtet hat. Aus diesem Topf sollten Bedürftige eine „unbürokratische Soforthilfe“ bekommen, so die Idee. Inzwischen hat Roth die 1500 Euro erhalten. Doch lange genug habe sie warten müssen, sagt sie: „Ich kann nicht verlangen, etwas zu bekommen. Aber wenn die Hilfe angeblich so unbürokratisch abläuft, warum steckt dann so eine Riesenbürokratie dahinter?“

Viermal habe der Kreis ihren Antrag zur Soforthilfe zurückgeschickt. Jedes Mal hätten Angaben gefehlt, die sie nachtragen musste. „Das Verfahren war kompliziert und langatmig“, klagt Roth. Ihr Geld habe die ehemalige Dudeldorfern erst nach sieben Wochen erhalten. Das ist laut einem Sprecher des Kreises nicht die Regel: „Soforthilfemittel wurden oftmals innerhalb weniger Tage zur Verfügung gestellt.“ Trotzdem ist Roth wohl nicht die Einzige, bei der es länger dauert.

Es ist nun drei Monate her, seit die Spendenkonten für die Soforthilfe und die Einzelfallhilfe für besonders harte Schicksale eröffnet wurden. Ausgezahlt wurde bislang nicht einmal die Hälfte der 252 432 Euro, wie der TV auf Nachfrage beim DRK erfährt. Demnach seien 123 142 Euro für Sofort- und Einzelfallhilfen und die Kosten für Gebäudetrockner geflossen, 129 290 Euro also noch übrig.

Die Begründung des Roten-Kreuz-Sprechers: „Einige Anträge liegen noch zur Entscheidung vor. Hier müssen Rückfragen bei den Antragsstellern getätigt werden.“ Teilweise seien Nachweise nicht erbracht worden.

Das Dudeldorfer Spendenkonto: Immerhin: Roth hat ihr Geld. Sie wartet aber noch auf eine weitere Hilfszahlung, die sie beim Dudeldorfer Bürgermeister Stefan Lonien beantragt hat. Zusammen mit dem Lions Club hat die Gemeinde ein  Spendenkonto für ihre Bürger eröffnet. Doch auch aus diesem Topf ist bislang kein Geld geflossen.

Etwas mehr als 30 000 Euro seien eingegangen, sagt Lonien. Er rechnet damit, dass das Geld im Laufe des Septembers ausgezahlt wird. Roth ist skeptisch: „Immer wieder hieß es, jetzt werde überwiesen, aber es kam nichts.“ Der Bürgermeister erklärt die Verzögerung mit dem Eingang weiterer Spenden. Ende der vergangenen Woche hätte etwa die Pfarreiengemeinschaft Speicher 6 400 Euro für die Unwetteropfer gesammelt. „Das Konto ist also noch nicht abgewickelt“, sagt Lonien. Wenn es abgewickelt ist, kann Roth wohl einige Hundert, vielleicht Tausend Euro, erwarten. Klar ist: Die Summe wird nicht annähernd ausreichen, um ihre Verluste zu decken.

Die Finanznothilfe: Doch Roth hätte noch Finanznothilfe oder Einzelfallhilfe erbitten können. Erstere beantragen Betroffene bei der Verbandsgemeinde Bitburger Land, zweitere bei der Kreisverwaltung. Allerdings sind die Fristen dafür im Bitburger Land und in der VG Arzfeld  im August abgelaufen.

Doch selbst wenn Roth die Finanznothilfe beantragt hätte, hätte sie bis heute keinen Cent erhalten. Aus diesem Topf sei nämlich noch gar nichts ausgezahlt worden, räumt eine Sprecherin der Verbandsgemeinde auf TV-Anfrage ein. Für den ersten Antrag, der am zweiten Juli eingegangen sei, liegen erst seit dem vierten September die nötigen Unterlagen vor.

Wie kommt diese lange Verfahrensdauer zustande? Laut der Mitarbeiterin der Verbandsgemeinde liegt das zum einen am Prozedere, das für die Ämter unbekannt gewesen sei. Zum anderen hätten sich die Angestellten und Beamten neben der regulären Arbeit um die Anträge kümmern müssen.

Die VG müsse sich außerdem an die Vorschriften des Landes Rheinland-Pfalz für Elementarschäden halten. Die erfordern von den Bedürftigen unter anderem, dass sie für die Beseitigung eines Schadens die Angebote von drei Firmen vorlegen. Allerdings hätten viele Unternehmen derzeit keine Zeit, sagt die Sprecherin. Teils würden sie daher schon für die Erstellung eines Angebots Geld verlangen.

Hilfe für Unternehmen: Auch Unternehmen können übrigens Hilfsleistungen beantragen. Sie richten ihre Forderungen dann an die Aufsichts- und Genehmigungsdirektion in Trier. Bislang seien dort acht solcher Anträge aus dem Eifelkreis eingegangen, schreibt eine Sprecherin.

Doch auch die würden nach drei Monaten immer noch geprüft. Auszahlungen habe es daher noch nicht gegeben.

„Wir haben keine Möbel mehr, gar nichts“, sagt Silke Roth.
„Wir haben keine Möbel mehr, gar nichts“, sagt Silke Roth. FOTO: TV / Silke Roth