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Wetter
„Glimpflich davongekommen“

Ab durch die Hecke: Dieser Gulli am Rückersberg hielt dem Druck der Wassermassen nicht stand. Er wurde hochgeschleudert und die Brühe ergoß sich durch den Busch auf die Grundstücke der Anwohner. Der kleine Damm soll verhindern, dass das wieder passiert.
Ab durch die Hecke: Dieser Gulli am Rückersberg hielt dem Druck der Wassermassen nicht stand. Er wurde hochgeschleudert und die Brühe ergoß sich durch den Busch auf die Grundstücke der Anwohner. Der kleine Damm soll verhindern, dass das wieder passiert. FOTO: TV / Christian Altmayer
Speicher. Die Verbandsgemeinde Speicher hat es bei den Unwettern der vergangenen Tage nicht so schwer erwischt wie die Nachbarn aus dem Bitburger Land. Trotzdem ist man sich der Gefahr bewusst. Von Christian Altmayer
Christian Altmayer

Nur selten meldet sich jemand in der Einwohnerfragestunde im Speicherer Rathaus. Doch in der jüngsten Sitzung des Verbandsgemeinderates ergreifen gleich mehrere Zuschauer das Wort. Sie wohnen am Speicherer Rückersberg und wurden vom Unwetter überrascht. Jetzt fordern sie, dass die Verwaltung handelt.

Der Kanal im Neubaugebiet, ein Relikt der Amerikaner, hatte dem Starkregen nicht standgehalten. Ein Gullideckel sprang hoch, das Wasser schoss heraus und flutete die Keller von zwei Anwohnern. 15 Zentimeter hoch habe die Brühe im Haus gestanden, erzählt eine der Betroffenen: „Wir haben damit überhaupt nicht gerechnet.“ Ein paar Tage später geschah das selbe nochmal. „Woher sollen wir wissen, dass es kein drittes Mal passiert?“, fragt einer der Geschädigten den VG-Bürgermeister Manfred Rodens.

Der hat darauf eine für die Anwohner kaum zufriedenstellende Antwort: Man habe den Gulli gesichert und einen 40 Zentimeter hohen Damm gebaut. Aber dies seien nur „Erstmaßnahmen“. Mehr könne man derzeit nicht tun. Nicht auszuschließen, dass sich das Wasser an anderer Stelle wieder Bahn bricht, wenn der Druck zu hoch wird.

Um zu klären, wie und wo  sich die Leitung bei einem Unwetter entladen könnte, wurde ein Ingenieurbüro beauftragt. Wie lange so eine Untersuchung denn dauere, fragt ein Anwohner. Könne man nicht sagen, sagt Rodens und noch einmal: Mehr sei im Moment nicht machbar.

Die Diskussion zeigt: Auch die Verbandsgemeinde Speicher hat das Unwetter überrascht. Dabei sei die Region rund um die Töpferstadt vergleichsweise „glimpflich davongekommen“, wie VG-Chef Rodens findet. Noch könne man die Schäden zwar nicht beurteilen. Im Vergleich zum Bitburger Land oder der Südeifel hielten sie sich aber in Grenzen. Was nicht heißt, dass das Unwetter nicht auch Spuren hinterlassen hätte:

So seien nicht nur am Rückersberg Keller überflutet worden, sondern auch im Ort Preist und an anderen Stellen im Stadtgebiet. Der Regen schwemmte etwa auch in einige Läden am Marktplatz. Die Sporthalle darf wegen Wasserschäden nicht betreten werden. Und auch die Grundschule Speicher sei beschädigt worden, sagt Rodens.

Noch dramatischer: Am Speicherer Bahnhof stürzte ein Baum in ein Haus. Passiert ist dabei niemandem etwas. Und überhaupt sei wie durch ein Wunder nur ein einziger Mensch verletzt worden, ein Feuerwehrmann, der beim Einsatz in Preist mit dem Fuß umknickte. Warum die Speicherer so viel Glück im Unglück hatten? Dafür hat Wehrführer Arnold Faber eine Erklärung parat: „Wir gehen immer schön in die Kirche.“

Dann wohnen die frommsten Beter wohl an der Speicherer Mühle. Obwohl sich nur wenige Meter von der Siedlung entfernt die Kyll in einen reißenden Strom verwandelt hatte, blieben die Anwohner trocken. „So schnell wie der Fluß hochgestiegen ist, ging der Pegel wieder runter“, erzählt einer.

Schäden habe nur der Radweg davongetragen, der sich an der Mühle vorbei schlängelt. Teilstücke sind derzeit zwar gesperrt. Wagemutige Radler aus dem Bonner Raum haben sich aber trotzdem nicht schrecken lassen und die Umleitungen genommen: „Wir sind gut durchgekommen.“

Nicht ganz so bedrohlich wie die Kyll, traten auch der Spanger und der Dahlemer Bach über die Ufer. Dabei wurden die Gewässer gerade erst renaturiert (der TV berichtete). Wie stark das Wasser gewütet hat, sei noch unklar, sagt Rodens. Gelohnt habe sich die aufwendige Rückführung zur Natur trotzdem: „Dadurch wurde das Flussbett breiter. Das heißt, das Wasser konnte sich verteilen.“ Andernfalls wären die Schäden, so glaubt der Bürgermeister, in Spangdahlem höher gewesen.

Viel mehr könne man nicht tun, um sich vorzubereiten: „Früher hätten wir von einem Jahrhundertregen gesprochen. Heute passiert so etwas zweimal im Jahr.“ Dieses Mal hätten die Speicherer zwar Glück gehabt, „aber das kann morgen anders sein“, meint Rodens.

Umso „unglaublicher“ sei es, was die Feuerwehrleute, das Rote Kreuz, das Technische Hilfswerk und die Helfer aus der Bevölkerung geleistet hätten.

Bei ihnen und bei der neuen Katastrophenzentrale des Kreises bedankt sich der Bürgermeister. Sie habe „ihre Feuerprobe“, die wohl eher eine Wasserprobe war,  bestanden.

Zu mehr als 50 Einsätzen seien sieben Feuerwehren aus der VG allein vergangenes Wochenende ausgerückt, sagt Wehrführer Faber. Etwa 80 Rettungskräfte seien im Einsatz gewesen – am Wochenende vor allem in der Stadt und in Auw, aber auch im Bitburger Land.