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Wenn Wege enden und Fragen bleiben: Der Luxemburger Autor Steven Weinberg erzählt am Auschwitz-Gedenktag in Bitburg die Geschichte seines Vaters

Bitburg. Das Konzentrationslager Auschwitz wurde heute vor 71 Jahren befreit. Zum Gedenktag hat der Luxemburger Autor Steven Weinberg sein Buch „Zwei Reisende nach Breslau“ in Bitburg vorgestellt. Eileen Blädel

"Mitnehmend und ergreifend", sagt Nadine Schares, die die zehnte Klasse der Otto-Hahn-Realschule besucht, kurz nach der Lesung im Haus Beda in Bitburg. Dort hat der Luxemburger Autor und Biologe Steven Weinberg aus seinem Buch "Zwei Reisende nach Breslau" vorgetragen - ein Buch, das auch von zwei Schreibern verfasst wurde: Edgar Weinberg überlebte Auschwitz um 50 Jahre und hinterließ seinem Sohn Notizen über seine Deportation und Lagerhaft, mit denen dieser sich auf Pilgerreise begab. Die Passagen aus der Hand des Vaters liest Gisela Clausse.

Anlass der Veranstaltung, zu der mehr als 150 Zuhörer, darunter viele Jugendliche der weiterführenden Schulen, gekommen sind, ist die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945, vor 71 Jahren. Das Ende eines düsteren Kapitels, dessen man immer wieder gedenken müsse, damit die Ereignisse sich nicht wiederholen, sagt Joachim Kandels. Zugleich macht der Bürgermeister darauf aufmerksam, dass, vor dem Hintergrund von zunehmenden "Fremdenhass gerade in unserem Land", "ausländerfeindlichen Parolen" und der "Diskussion um die Sicherheit", das Thema aktueller nicht sein könnte.

Und so wolle man auch keine Alibi-Gedenkveranstaltung machen, sagt Henri Juda, Spross der Bitburger Kaufmannsfamilie, der die Lesungen 2011 initiiert und dieses Jahr den Kontakt zu Weinberg hergestellt hat, sondern versuchen zu verstehen, wie sich ein Volk in einen solchen Rassenwahn habe hineinstürzen können. Und Weinbergs Buch eigne sich dafür, in die Tiefe zu gehen: "Er spricht nicht nur von den bösen Deutschen und guten Alliierten, die Geschichte ist nicht schwarz-weiß", sagt Henri Juda. "Das macht das Buch sehr menschlich."

Steven Weinberg folgt darin den Spuren seines Vaters, reist von Dresden nach Breslau, immer begleitet von dessen Notizen. Drei Mal machte sich der heute 69-Jährige auf den Weg: im Jahr 1997 alleine, 2001 zusammen mit seinen beiden Söhnen und 2004 mit seiner Ehefrau.

Es entsteht ein literarischer Dialog: Es ist der Vater, Edgar Weinberg, der mit vielen anderen in einem Zugwaggon sitzt, und nicht weiß, dass er in Auschwitz aussteigen wird. Er sucht nach einer logischen Erklärung: Was haben die Nazis vor? Und es ist der Sohn, der 60 Jahre später an den Bahngleisen steht und sich fragt: Warum haben die Menschen nur zugesehen und nichts getan?

Und als der Vater nach seiner Ankunft in Auschwitz die Nacht draußen im Dunkeln verbringt, umgeben von all dem Rauch und den Flammen aus den Kaminen, die er zum ersten Mal sieht, stellt er fest: "Auch wenn niemand es zugeben wollte, so wussten wir nun, dass diese Fabrik eine Fabrik des Todes war." Und er befürchtet: "Wir waren naiv. Wie hätten wir die tödlichen Berechnungen der Nazis auch nur erahnen können?" Die Kapazität der Krematorien "war zwanzig Mal höher, als du sie bei deiner Ankunft eingeschätzt hast, Papa", schreibt sein Sohn. Er hat viele Fakten zusammengetragen. Er weiß, dass bis zu 20.000 Menschen am Tag sterben mussten. Aber Steven Weinberg weiß auch, wo er scheitern muss: "Keine Feder wäre je fähig zu beschreiben, was in den Gaskammern passiert ist."

Edgar Weinberg hat nie eine von innen gesehen. Er überlebt Auschwitz. Er geht auf einen der Todesmärsche, von denen, wie er schreibt, "niemand hätte sagen können, wie lange er dauerte". In den Reihen der Roten Armee zieht er in den Krieg. In den 50er Jahren lässt er sich in Holland nieder. Dort wird Steven Weinberg geboren, der Sohn, der im Buch so viele Fragen stellt, auch an den Vater: Ob denn die Erkenntnis so unerträglich gewesen sei, dass nicht nur die Nazis sie vernichten wollten, sondern auch die Engländer und Amerikaner nichts unternommen haben, um sie zu retten?

Edgar Weinberg starb im Alter von 84 Jahren. "Mein Vater war ein unzerstörbarer Optimist", erzählt Steven Weinberg. Es sei ihm, im Gegensatz zu vielen anderen Betroffenen, nicht schwer gefallen, über das Erlebte zu sprechen, und er sei mit den Erzählungen aufgewachsen. "Trotzdem gibt es noch Fragen."
Die bleiben - ebenso wie das Aufgeschriebene, all die Erinnerungen, und das Gefühl, gepackt in die vier Worte, mit denen Steven Weinberg die Lesung beendet: "Ich liebe dich, Papa."