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Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in die Stadt

50 Jahre Uni Trier : Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in die Stadt

Das Leben der Studierenden dreht sich um die Uni? Was heute eine zweifelhafte These ist, galt früher noch viel weniger. Eine Trierer Studentin der Anfangsjahre erzählt von ihrem Leben zwischen WG und politischen Aktionen.

Liesel Rieker hat von 1977 bis 1986 Pädagogik an der Uni Trier studiert und ihren Abschluss als Diplompädagogin gemacht. Damit war ihre Zeit auf dem Campus allerdings noch nicht zu Ende: Sie arbeitete weitere dreieinhalb Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Seit 1995 ist sie in Trier als Unternehmensberaterin tätig. Zu vielen Weggefährten von damals pflegt sie auch heute noch ein enges Verhältnis, wie sie auf der Suche nach den Spuren ihres Studentenlebens erzählt, die quer durch die Trierer Innenstadt führt.

Kaum sitzt Liesel Rieker vor dem Astarix, da holt sie einen braunen Umschlag hervor. Darin sind Dutzende Fotos, die zeigen, wie sie und ihre Kommilitonen als Studierende gelebt haben. Zu sehen sind Szenen einer Dombesetzung als politische Protestaktion gegen das geplante atomare Endlager in Gorleben oder Bilder ihrer Wohngemeinschaft.

Seit ihren Studienjahren ist Liesel Rieker politisch aktiv. Sie kämpfte für Frauenrechte, gegen Atomkraft und gegen Kriege. „Wir waren die Generation nach den 68ern.“ Sie habe den Eindruck, dass die Jugend aktuell wieder politisch aktiver werde, sagt sie.

Mit dem Astarix verbindet Liesel Rieker einige Erinnerungen. Die Bedienung arbeitet seit der Gründung 1979 in diesem Lokal, das eng mit den Leben der Studierenden verbunden war und ist. Der Name spielt auf den Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) an, der die Kneipe eröffnete. „Wir wollten in die Stadt, unter die Menschen, runter von unserem Elfenbeinturm.“ Wo heute die Küche ist, wurden früher politische Aktionen geplant.

Rieker erzählt von einer Bibliothek dort mit Büchern, die sich nicht in den Regalen der konventionellen Büchereien fanden, sogenannte graue Literatur. Auch die KATZ (Kleine Alternative Trierer Zeitung) gab es hier zu kaufen. Sie blättert in einem vergilbten Exemplar dieses Magazins.

In der Christophstraße, unweit der Porta Nigra, befand sich in den Jahren 1978/79 Liesel Riekers Wohngemeinschaft, in einer alten Gründerzeitvilla. „Wir waren zwischen sieben und acht Bewohner. Außerdem war ständig Besuch da.“ Die Miete teilten die Studierenden nach einem innovativen Konzept: „Wir zahlten nicht nur nach Größe, sondern wir haben auch die Lautstärke der Straße gemessen.“ Sie selbst wohnte im kleinsten Zimmer, mehr als eine Matratze und ein paar Möbel passten nicht hinein. Aber das war auch gar nicht nötig. Es wurde musiziert und gespielt. Liesel Rieker schwärmt vom Gemeinschaftsgefühl und zeigt Fotos ihrer Mitbewohner. „Wir treffen uns noch heute regelmäßig.“ Ob in Kanada, Trier oder Freiburg, die Studienzeit verbindet sie fürs Leben.

Die Kommunikation untereinander war damals, lange, bevor es Smartphones und WhatsApp gab, schwieriger. Liesel Rieker verabredete sich mit ihren Kommilitonen spontan oder per Telefon. „Früher war das viel verbindlicher. Man konnte ja nicht so einfach ein Treffen kurzfristig verschieben.“

Die Reise zurück ins Studentenleben der Uni-Anfangsjahre führt schließlich zum Schwach und Sinn – oder zur Grünen Oase, wie das Lokal heute heißt. „Mit der damaligen Kneipe hat das nicht mehr viel zu tun“, sagt Rieker. Sie erzählt vom Biergarten, mit dem sie viele Erinnerungen verbindet. „Das ist der schönste in Trier, so grün und verwachsen.“ Im Schwach und Sinn hat Rieker auch einige Jahre gejobbt. Viel mehr als nur eine Arbeit sei das gewesen, sagt sie.

Einst zur Finanzierung des Nachbarschaftsladens Nabala und zur Stadtteilarbeit eröffnet, gab es in der Kneipe Hausaufgabenbetreuung, Ferienfreizeiten wurden veranstaltet, sie war eine Zelle für kulturelle Veranstaltungen. „Es war eine Politkneipe.“ Ein alter Begriff, aber die beste Beschreibung, sagt Rieker. Auch Kabarett gab es – und einen Kneipenchor. Liesel Rieker war dort stolze Mitsängerin. Aus ihrer Baumwolltasche zieht sie ein rosa T-Shirt hervor, das Bühnenoutfit des Chors. Auf der Vorderseite ist eine Punkerin zu sehen – und die Worte „NO MEANS NO!“ Auch zu ihren Mitsängerinnen pflegt Liesel Rieker bis heute engen Kontakt. Solche Kneipengruppen gebe es in dieser Form nicht mehr, und auch der Gemeinschaftssinn, den sie als Studentin erlebt habe, sei zurückgegangen.

Es waren politisch aktive Zeiten. Daran erinnern auch die rosa T-Shirts mit der klaren Botschaft: No means no! Foto: Sebastian Pink

Sebastian Pink