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Wie die Corona-Pandemie die Uni-Landschaft verändert

Campus : Wie Corona die Uni verändert

Was verändert sich, was verpassen die Studierenden? Ein Gastbeitrag von Uni-Präsident Professor Michael Jäckel über die Abwesenheit einer wichtigen Erfahrung.

Wenn in diesen Tagen das deutsche Fernsehen seine Scheinwerfer auch einmal auf einen Campus richtet, sieht man meistens leere Orte und Plätze, vereinzelt hier und da eine Person, die vor einem verschlossenen Portal einer Sehnsucht Ausdruck verleiht: „Wann darf ich hier wieder rein?“ Alles wirkt ruhig, fast schläfrig.

Auch dieses Jahr 2021 hat unspektakulär begonnen. Die Tage werden gezählt. Der erste Monat ist vorbei. Als 2020 die Aufforderung die Runde machte, die Universitäten coronabedingt zuschließen, fragten sich viele: „Was heißt das denn? “ Gebäude und deren Infrastruktur standen nicht zur Verfügung. Es dauerte nicht lange, dass jede geringste Form der Verwahrlosung bereits als Alarmzeichen registriert wurde: Müll, Unkraut, neue Graffiti. Es ist keine Phänomenologie des Niedergangs, die hier beschrieben wird, sondern das Unbehagen in einem Wartestand, der so wenig Raum für Entwicklung ließ: „Was wird denn jetzt?“

Im Frühjahr des Jahres 2020 musste schnell eine Lösung gefunden werden, was „Universität“ jetzt vorübergehend heißt. Sie wanderte ins Netz. Zum Teil war sie dort auch vor der Pandemie schon zu finden. Aber da war kein „digitaler Zwilling“, sondern eine Lernplattform, die bereits vielerlei Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden gewährleistete. Seit mehr als 20 Jahren ist E-Learning ein Begriff. Und seit mehr als 20 Jahren hat sich dieser Bereich auf den Weg gemacht, interessante und einsatzfähige Optionen für oder anstelle von Präsenzlehre zu entwickeln. Wir waren kurz davor, dass nicht mehr der Gegensatz von analog und digital bestimmend blieb, sondern alles, was der Wissensvermittlung und der Wissensentstehung diente: gute und innovative Lehre eben. Die Didaktik, früher häufig als unwesentlicher Nebenschauplatz des deutschen Hochschulwesens behandelt, verschaffte sich auf diesem Weg Eintritt in den Universitätsalltag. Das hilft in dieser Corona-Herausforderung. Aber die Permanenz der digitalen Lehre ermüdet allmählich.

Hier und da gab es zwar eine Übung mit praktischem Charakter, die zusammenbrachte, was zusammengehört. Ansonsten musste sich die Universität über einen relativ langen Zeitraum als „Lehrpersonal auf Video“ präsentieren. Das hat durchaus auch eine hohe Kreativität freigesetzt und beflügelt: „Wir kriegen das hin!“ Es hat auch in vergleichsweise kurzer Zeit die IT-Infrastruktur auf Vordermann gebracht. Damit kamen neue Namen auf den Plan, die zuvor kaum jemand kannte: Wer Aufzeichnung meinte, sagte nun Panopto (der Name einer Software), wer sich in einen Dialog mit anderen begeben wollte, der zoomte. An den Bürotüren von Kolleginnen und Kollegen stand nun: „Videokonferenz: Bitte nicht stören!“ Alle waren in und vor Bildschirmen. Konzentration wurde nicht im Hörsaal oder Seminarraum gefordert, sie versammelte sich auf kleinen und großen Bildschirmen. Die geteilte Aufmerksamkeit war sprichwörtlich als Oberfläche präsent. Ein Randphänomen der Kommunikation wurde auf einmal zu einem zentralen Treffpunkt. In den Hörsälen und Veranstaltungsräumen herrschte dagegen gähnende Leere – auch jetzt noch.

Das muss sich ändern, verlangt aber weiterhin unsere Geduld. Zu Prüfungen kommt man noch zusammen. Auch das ist gegenwärtig ein herausforderndes Feld, das eine gute und behutsame Vorbereitung verlangt. Wer im Sommersemester 2020 oder danach sein Studium begonnen hat, der kennt heute seine Uni-Generation kaum oder gar nicht. Im Herbst 2020 gab es kurzzeitig Hoffnung, dass es auch mal wieder in den Hörsaal gehen könnte. Der November lehrte uns etwas anderes. Zur Hochschulentwicklung gehört aber auch der tiefe Wunsch, gemeinsam mit anderen sagen zu können: „Das ist meine Uni!“ Selbst für Fern-Universitäten gilt: Aus der Ferne lässt sich gut studieren, aber nicht nur.