Chefin des Lehrerverbands im Volksfreund-Interview zu strengeren Noten-Abzügen

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview Susanne Lin-Klitzing : Chefin des Lehrerverbands im Volksfreund-Interview zu strengeren Noten-Abzügen

Die Chefin des Deutschen Philologenverbandes verblüfft ihren Mann mit Rechtschreib-Korrekturen und fordert an Schulen strengere Noten-Abzüge.

Zu häufig müssen Lehrer den Rotstift zücken, weil Tests vor Fehlern wimmeln, sagt Susanne Lin-Klitzing. Im Interview mit TV-Redakteur Florian Schlecht fordert die Chefin des Deutschen Philologenverbandes strengere Notenabzüge und kritisiert das Schreiben nach Gehör.

Wie schlecht ist die Rechtschreibung von deutschen Schülern?

SUSANNE LIN-KLITZING: Viele Lehrer und Professoren klagen über schlechte Rechtschreibung von Schülern und Studenten. Der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin hat mehr als 1500 Klausuren von Studenten ausgewertet und unter anderem einen deutlichen Verlust von richtiger Rechtschreibung und Zeichensetzung gegenüber früher festgestellt. Da gibt es also viel Luft nach oben, um solide Rechtschreibung sicherzustellen.

Warum ist Rechtschreibung überhaupt noch wichtig, wenn es die Auto-Korrektur auf Smartphones und Tablets gibt?

LIN-KLITZING: Die Autokorrektur reicht nicht, weil der Computer nicht jeden Fehler ausmerzt und für vernünftige Sinnzusammenhänge nicht zuständig ist. Viele Arbeitgeber schauen zudem ganz genau auf die Rechtschreibung. Wenn im Anschreiben bereits vier, fünf Fehler stecken – und dazu gehört auch die Kommasetzung – gehören diese Bewerber nie zu den ersten Kandidaten. Es kann nur im Eigeninteresse jedes Einzelnen sein, richtiges Schreiben zu beherrschen.

Was können Lehrer unternehmen, um die Rechtschreibung von Schülern wieder zu verbessern?

LIN-KLITZING: Es gibt mindestens drei Schmerzpunkte. Erstens: In der Gesellschaft allgemein und in den sozialen Netzwerken ist Rechtschreibung nicht mehr wichtig. Zweitens: Die Bildungspolitiker in den Ländern sind sich bei der Bewertung der Methode Schreiben nach Gehör nicht einig. So gibt es Grundschulen, in denen die Methode des Schreibens nach Gehör noch eingesetzt wird, in manchen Ländern wurde sie hingegen verboten. Drittens: Auch an den weiterführenden Schulen müssen wir uns fragen, welche Anreize wir für richtige Rechtschreibung setzen. In der Oberstufe ist das zu lasch: Wir haben für die Mittelstufe in der Regel die Empfehlung, dass bei schwerwiegenden Verstößen gegen die deutsche Rechtschreibung eine ganze Note abgezogen werden darf. In der Oberstufe dürfen Lehrer maximal ein bis zwei Punkte abziehen – das entspricht nicht einmal einer ganzen Note.

Was fordern Sie?

LIN-KLITZING: Wenn gesellschaftlich und bildungspolitisch signalisiert wird, dass richtige Rechtschreibung egal ist, ist das völlig falsch. Deshalb plädiere ich dafür, auch in der Oberstufe eine ganze Note abziehen zu können bei schwerwiegenden Verstößen gegen die Rechtschreibung. Das ist bisher nicht der Fall. Die Kultusministerkonferenz sollte hier endlich wieder einen Anreiz setzen, richtig zu schreiben.

Ist eine schlechte Note denn ein Anreiz?

LIN-KLITZING: Sie haben recht. Es geht nicht nur um die Frage, wie Lehrer am besten sanktionieren. Es bedarf immer der positiven Anreize, richtig zu schreiben. Das beginnt in der Grundschule mit Belohnung für richtige Rechtschreibung – und sei es durch Smileys, den früheren Sternchen. Es ist aber genauso wichtig, Grenzen und hier auch Negativ-Anreize zu setzen, weil richtiges Schreiben eine Basis-Kompetenz ist, die Menschen ihr ganzes Leben hindurch brauchen.

Manche Gymnasiallehrer halten sich nicht an vorgegebene Regeln und lehnen ab, schlechtere Noten für viele Rechtschreibfehler zu geben. Sie sagen: Das Rüstzeug hätten Schüler schon früher lernen sollen, wir wollen sie nicht bestrafen. Braucht es mehr Härte der Lehrer?

LIN-KLITZING: Grundsätzlich bin ich dafür, klare Regeln zu geben und sie vor allem auch konsequent anzuwenden. Daher braucht es ab der Grundschule klare Regeln und vernünftige Methoden für des Erlernen der Rechtschreibung, die wissenschaftlichen Erkenntnissen folgen. Sonst schlägt später das Pädagogenherz, das sagt: Ich kann das Kind nicht für etwas abstrafen, das es zuvor nicht gelernt hat.

Das „Schreiben nach Gehör“ sehen Sie kritisch. Warum?

LIN-KLITZING: Der Umgang der Bildungspolitiker mit dieser Methode ist unterschiedlich. Eine Einigung wäre sicherlich klüger. Hamburg, Schleswig-Holstein und Bayern haben das Schreiben nach Gehör verboten. Länder wie Rheinland-Pfalz setzen auf einen Methodenmix.
Ausschließlich sollte Schreiben nach Gehör nach dem, was wir bisher wissen und was wir auch von den Eltern hören, nicht mehr unterrichtet werden. Die Studie der Bonner Universität bei 3000 Grundschülern hat eindeutig gezeigt, dass diese Methode weniger erfolgreich ist als die Fibel.

Müssen Eltern ihren Kinder wieder mehr vorlesen – oder helfen auch Apps, um das richtige Schreiben zu lernen?

LIN-KLITZING: Apps können dazu beitragen, Fertigkeiten zu verbessern. Ich beobachte aber zum Beispiel immer häufiger auch auf ­Zugreisen, dass Kinder mit digitalen Geräten eher einfach nur ruhiggestellt werden. Beim Vorlesen hingegen findet eine Interaktion zwischen Eltern und Kindern statt, die Geborgenheit vermittelt, Fantasie schafft und so den Sprachschatz erweitert. Das ist eine ganz andere Dimension! Aus meiner Sicht muss es die Maxime sein, schulisch und außerschulisch Anreize zum klugen und fantasievollen Gebrauch der Sprache schaffen, aber auch auf jeden Fall Rechtschreibung zu üben und konsequent zu korrigieren.

Erleben Sie im Alltag tatsächlich, dass Rechtschreibung schlechter geworden ist?

LIN-KLITZING: Ein Beispiel: Wenn ich durch die Stadt laufe, entdecke ich überall den falschen Apostroph. Im Englischen wird das Genitiv-S angehängt an den Apostroph  – wie bei „Rita’s store“. Im Deutschen dient es aber als Auslassungszeichen – wie bei „Jeder kennt’s“.
Wenn ich auf der Post oder in der Bank sehe, dass auf einem Flipchart der Apostroph einmal wieder falsch gesetzt ist, frage ich meist nett nach einem Edding-Stift – und ob ich den Fehler verbessern darf.

Wie reagieren die Leute darauf?

ARCHIV - 11.12.2017, Berlin: Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing. (zu dpa "Philologenverband fordert Länder zu Schuldigitalisierung jetzt auf" am 21.12.2018) Foto: Maurizio Gambarini/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit. Foto: picture alliance/dpa/Maurizio Gambarini

LIN-KLITZING: (lacht) Meinem Mann ist das immer peinlich. Er sagt, so werden wir als die Oberlehrer der Nation erkannt. Ich würde es aber positiv betrachten: Ich war früher Deutschlehrerin, habe die Regeln zum richtigen Schreiben gelernt, gebe sie weiter, erkläre und korrigiere Falsches. Fehler prägen sich so erst gar nicht ein.
Das ist ein banales Beispiel dafür, wie wir alle im Alltag etwas für richtige Rechtschreibung tun können. Wir dürfen nicht alles auf die Schulen abwälzen.
Ich könnte mir die „durchgängige Sprachbildung“ auch als ein Thema später für den nationalen Bildungsrat vorstellen: Empfehlungen für Standards für eine durchgehende Sprachbildung vom Kindergarten bis in den Beruf.

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