Cyberkrime:illegales Rechenzentrum in Traben-Trarbach in Ex-Bunker

Kostenpflichtiger Inhalt: Kriminalität : Der Cyberbunker tief unten im Berg

Jahrelang wurde am Rande von Traben-Trarbach eines der größten illegalen Rechenzentren Deutschlands betrieben. Bereits nach dem Verkauf des ehemaligen Bundeswehrareals gab es Hinweise, auf möglicherweise kriminelle Machenschaften des neuen Besitzers.

Es mutet an wie ein Werbefilm. Der Hubschrauber gleitet langsam über einen Berg. Durch die regennasse Scheibe ist ein hoher Sendemast zu erkennen, rechts daneben ein Gebäudekomplex, ansonsten viele Bäume und Wiesen. Doch statt Ferienidylle zeigt der kurze Film, der gestern bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz in der Landespolizeischule auf dem Flughafen Hahn gezeigt worden ist, den derzeit wohl spektakulärsten Tatort Deutschland. Was nämlich auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist: Unter den Bäumen und Wiesen auf dem Mont Royal bei Traben-Trarbach liegt ein riesiger Bunker-Komplex, 5000 Quadratmeter groß, mit über 500 Räumen, fünf Stockwerke unter der Erde. Bis 2012 war es ein Standort der Bundeswehr. Die betrieb dort das Amt für Wehrgeophysik, so etwas wie ein Wetterdienst fürs Militär. Ein Jahr später kaufte ein Niederländer das insgesamt 13 Hektar große Areal vom Bund. Er baute dort ein streng bewachtes Rechenzentrum. Name der auch in den Niederlanden tätigen Firma: Cyberbunker.

Was dort in dem Hochsicherheitskomplex wirklich gemacht worden ist, das wusste bis Donnerstag kaum einer. Doch die Gerüchte waberten schon beim Verkauf des Geländes an eine Stiftung. über die der Niederländer es erwarb. Der Mann sollte in seinem Heimatland in kriminelle Machenschaften verwickelt sein. Bereits 2013 hat das Landeskriminalamt seitens der Verbandsgemeindeverwaltung Traben-Trarbach einen Hinweis erhalten, dass der Niederländer möglicherweise mehr als nur ein riesiges Rechenzentrum unter dem Mont Royal betreibe. Doch es dauerte noch bis 2015, bis die Ermittlungen tatsächlich in Gang gekommen sind. „Stück für Stück“, sagt der Koblenzer Generalstaatsanwalt Jürgen Brauer, hätten sich dann die Hinweise verdichtet, dass von dem Bunker aus über einen sogenannten Bulletproof-Hoster Internetseiten gespeichert worden sind, über die international agierende Kriminelle im sogenannten Darknet so ziemlich alles angeboten haben, was illegal ist: Waffen, Drogen, geklaute Daten, gefälschte Dokumente und Kinderpornos. Das Besondere an Bulletproof-Hostern sei, dass sie ihren Kunden Schutz vor staatlichem Zugriff und damit auch vor Ermittlungen bieten. Der Betreiber des Datenzentrums habe damit geworben, dass er für alles „außer für Terrorismus und Kinderpornografie“ Rechnerleistungen anbiete. Doch bei ihren jahrelangen zum Teil verdeckten Ermittlungen im Internet haben die Fahnder in der Ermittlungsgruppe Tunnel nichts Legales entdeckt, was über den Cyberbunker gelaufen ist. Im Gegenteil: Über die Rechner tief unter dem Mont Royal wurde unter anderem der weltweit zweitgrößte Internet-Drogen Marktplatz mit Namen Wall Street Market betrieben. Im Frühjahr wurde die Plattform, die laut Brauer Ebay geähnelt haben soll, zerschlagen. Allein darüber sollen über 250 000 Drogengeschäfte abgewickelt und so über 41 Millionen Euro umgesetzt worden sein.

Und aus dem Bunker heraus soll auch einer der größten Hackerangriffe auf Internet-Router gesteuert worden sein, den es in Deutschland gegeben hat. im November 2016 wurden von Traben-Trarbach aus 1,25 Millionen Telekom-Kunden angegriffen und deren Router lahmgelegt. Brauer spricht daher von einem „gigantischen Erfolg“ und einem „international herausragenden Strafverfahren“.

Die Ermittlungen hätten einen „langen Atem“ erfordert, sagt Johannes Kunz, Präsident des Landeskriminalamtes (LKA) Rheinland-Pfalz. Zuletzt habe seine gesamte, auf über 20 Mitarbeiter aufgestockte Spezialabteilung für Cyberkriminalität mehr oder weniger Tag und Nacht an dem Fall gearbeitet. So lange bis man die 13 Verdächtigen, zwölf Männer und eine Frau im Alter von 20 bis 59 Jahre, ausgekundschaftet hatte, die hinter Cyberbunker stehen. Der Zugriff, der am Donnerstag erfolgt ist, ist wochenlang vorbereitet worden. Schließlich mussten über 600 Einsatzkräfte aus fast ganz Deutschland, darunter auch die Spezialeinheit der Bundespolizei, GSG 9, bereitstehen. Um acht Uhr habe der Einsatz begonnen, berichtet Einsatzleiter Achim Füssel. Um 18 Uhr sei er mit der zeitgleichen Festnahme der sieben Hauptverdächtigen, darunter neben dem Niederländer, der das Rechenzentrum betrieben hat, drei weitere Niederländer, ein Bulgare, zwei Deutsche. Sechs der Verdächtigen sind in einem Restaurant in Traben-Trarbach festgenommen worden. Angeblich hat dort ein getarnter Beamter des Bundeskriminalamtes auf sie gewartet. Das Amtsgericht Koblenz hat gegen sechs der sieben Hauptbeschuldigten Haftbefehle erlassen.

Das Areal des ehemaligen Nato-Bunkers ist rund 13 Hektar groß. Foto: Polizei

LKA-Chef Kunz spricht von einem „Riesenerfolg, dass es uns gelungen ist mit Polizeikräften in die Bunker-
anlage hineinzukommen, die auf höchstem Maß gesichert ist“. Er ist davon überzeugt, dass der Hauptbeschuldigte, der 59-jährige Niederländer, Bezüge zur organisierten Kriminalität hat. Unklar ist, ob das beim Verkauf des Areals 2013 bereits bekannt war.

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