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4000 Chancen auf die Rückkehr in ein normales Leben

Schalkenmehren. 4000 Drogenpatienten in 20 Jahren: Die Suchtklinik in der Altburg bei Schalkenmehren feiert in diesem Jahr ihren 20. Geburtstag. Studien zeigen, dass bis zu 50 Prozent der Behandelten nach der Therapie abstinent leben. Sarah-Lena Gombert

Schalkenmehren. Als der junge Mann nach vorne tritt, wird es im "Multiraum" in der Altburg bei Schalkenmehren ganz still. Es ist ein ehemaliger Patient der Einrichtung, in der drogenabhängige junge Erwachsene im Alter von 18 bis 35 betreut werden. Vergangene Woche hat die Institution im Beisein von Mitarbeitern, Patienten, Vertretern der Träger, Politikern und weiteren Gästen ihr 20-jähriges Bestehen gefeiert.
"Hallo, liebe Leute", sagt der schwarz gekleidete Mann mit den tätowierten Unterarmen und blickt um sich. "Als ich gehört habe, dass hier mittlerweile 4000 Menschen behandelt worden sind, musste ich erst einmal schlucken. Ich war der Vierte von ihnen."
Er gehörte zu der ersten Gruppe von jungen Männern, die ab dem 11. November 1991 auf der Altburg behandelt wurden. Er war einer derjenigen, die in Schalkenmehren eine neue Chance bekamen.
Die Altburg ist seit 1991 nicht zum ersten Mal alkohol- und drogenfrei. Bereits in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts gab es hier eine alkoholfreie Kaffee-Wirtschaft, die mit den Attributen "sehr lohnend" und "herrliche Aussicht" beworben wurde. Anschließend befand sich in dem Gebäude ein Hotel mit "diversen Nebenfunktionen", wie Hugo Hennes, Verwaltungsdirektor der AHG-Kliniken Daun, in seiner Ansprache zu den Jubiläumsfeierlichkeiten erzählt. Er meint damit Prostitution.
Von der jüngeren Vergangenheit des historischen Bauwerks, in das die Betreiberin AHG-Kliniken Anfang der 90er Jahre 7,5 Millionen Mark investiert hat, ist heute kaum noch etwas zu sehen. Modern und freundlich wirken die Räume im Inneren der alten Burg.
Der ehemalige Patient schaut kurz aus dem großen Panoramafenster in den Wald. Das Gelände, das zur Altburg gehört, ist riesig. "Dass ich hier aufgenommen wurde, war nicht selbstverständlich", erzählt er. Er sei damals an Hepatitis C erkrankt, und viele Kliniken hätten seinen Antrag auf einen Entzug abgelehnt.
Innovative Einrichtung


"Nur der Doc", sagt der Mann und zeigt anerkennend auf Arnold Wieczorek, der heute als Chefarzt auf der Altburg arbeitet, "nur der Doc hat sich um mich gekümmert."
In der Tat galt die Altburg bei ihrer Gründung als besonders innovative Einrichtung. Hier wurden nicht, wie in vielen anderen Kliniken üblich, nur Männer therapiert. Die Altburg war von Anfang an auch für Frauen und für Familien mit Kindern im Vorschulalter konzipiert, ebenso für Schwangere. Einige der jungen Frauen, die hier in Therapie waren, haben während ihrer Zeit auf der Altburg ein Kind zur Welt gebracht. "Allerdings sind sie dafür in das Kreiskrankenhaus gekommen", erklärt Martina Fischer, leitende Psychologin der Einrichtung.
Für ihn spiele die Altburg eine große Rolle in seinem Leben, betont der ehemalige Patient am Ende seines bewegenden Wortbeitrags. Genauso lange wie die Altburg existiert, genauso lange lebe er schon ohne Drogen. Für ihn war die Klinik die letzte Chance auf ein normales Leben - und er hat sie genutzt.
Auch in der Altburg ist das keine Selbstverständlichkeit: Nach eigenen Angaben schaffen es bis zu 50 Prozent der Patienten, auf Dauer abstinent zu leben (siehe Extra).Extra

Behandlung auf der Altburg: 44 Patienten im Alter von 18 bis 35 Jahren können zeitgleich in der Altburg behandelt werden - die Plätze sind in der Regel komplett belegt. Viele der Patienten konsumierten vor ihrem Aufenthalt in Schalkenmehren regelmäßig Cannabis, Amphetamine oder andere Rauschgifte. In den Verbund der Kliniken in Trägerschaft der AHG (Allgemeine Hospitalgesellschaft AG) gehören auch die Kliniken Thommener Höhe in Darscheid und Am Rosenberg in Daun. Hier werden Alkohol- und Medikamentenabhängige behandelt. Ein Aufenthalt in der Altburg dauert - je nach Vereinbarung - bis zu einem halben Jahr. Die Klinik hat wissenschaftliche Studien durchgeführt, um herauszufinden, wie viele ihrer ehemaligen Patienten nach der Therapie drogenfrei leben. Demnach schaffen bis zu 50 Prozent der Abhängigen den Absprung. slg

Teil der AHG-Kliniken Daun: die Altburg bei Schalkenmehren. TV-Foto: Sarah-Lena Gombert
Teil der AHG-Kliniken Daun: die Altburg bei Schalkenmehren. TV-Foto: Sarah-Lena Gombert