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Soziales
„Dahin gehen, wo es weh tut“

Behandelt Obdachlose und Arme: Arzt Gerhard Trabert bei der Untersuchung eines Patienten in seinem Mainzer Arztmobil.
Behandelt Obdachlose und Arme: Arzt Gerhard Trabert bei der Untersuchung eines Patienten in seinem Mainzer Arztmobil. FOTO: picture alliance / dpa / Boris Roessler
Darscheid/Mainz. Ein Netzwerk für mehr Solidarität mit Menschen und Not bedeutet der mit 2000 Euro dotierte Renate-Kürsch-Preis. Er wurde vom Förderverein „WIR Thommener“ dem für seine unbürokratische Obdachlosenhilfe berühmten Professor Gerhard Trabert und dessen Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland“ verliehen. Von Angelika Koch

Etliche Patienten der Thommener Höhe, einer auf Suchtkrankheiten spezialisierten Fachklinik der Median-Gruppe, waren schon obdachlos in ihrem Leben. Darum ist man hier besonders sensibilisiert für die Bedürfnisse von Menschen, die ins soziale Abseits geraten sind und Hilfe benötigen. Krankheit, Sucht, Stigmatisierung und der gesellschaftliche Absturz gehen oft Hand in Hand, die Faktoren verstärken sich gegenseitig, ein Teufelskreis entsteht.

„Medizinische Versorgung ist ein Grundrecht und kein Almosen“, betonte Patrick Burkard, Leitender Abteilungspsychologe, als er den diesjährigen Träger des Renate-Kürsch-Preises vorstellte: Der von Gerhard Trabert gegründete Verein „Armut und Gesundheit“ arbeitet in Mainz, bundesweit sind bislang etwa sechzig vergleichbare Initiativen entstanden. „Trabert geht dorthin, wo es weh tut, er ist in unmittelbarem Kontakt mit Menschen in absoluten Notlagen.“

Mehr als 2000 Behandlungen jährlich leistet das Team um den engagierten Arzt per aufsuchender medizinischer Versorgung an den Schlafplätzen von Wohnungslosen oder ambulant: Fachärzte verschiedener Richtungen, Studierende oder auch Krankenschwestern wie Ingrid Obst und Sozialarbeiter wie Nele Kleinehanding sind mit von der Partie.

Die beiden Frauen nahmen den Preis im Rahmen einer Fachtagung für Selbsthilfegruppen unter dem Motto „Was mir gut tut“ entgegen.

Trabert selbst war ursprünglich Sozialarbeiter, das Thema Armut ließ ihn auch nach dem Medizinstudium nicht los.

„Der Preis ist eine Form der Anerkennung für Solidarität“, freut er sich im Gespräch mit dem Trierischen Volksfreund, „das ist wichtig für den Rückhalt und den Respekt für die Betroffenen.“ Das Konzept einer aufsuchenden mobilen Versorgung, wie er sie mit seinem Verein praktiziert, könne auch auf ländliche Regionen übertragen werden, die vom Ärztemangel betroffen sind und besonders viele Rentner mit Mini-Einkommen aufweisen.

„So etwas ist kurzfristig gut umsetzbar. Aber es ist auf der anderen Seite nur wie ein Pflaster, das lindert. Es muss ein ganz anderes Anreizsystem her, damit wirklich etwas besser wird!“ Er denkt an Schwerpunktpraxen, die wie Polikliniken funktionieren.

Gesundheit dürfe keine Frage der Schichtzugehörigkeit sein. Auch Ingrid Obst und Nele Kleinhanding schilderten plastisch, wie sehr sich allein die Patientenschar in Mainz verändert hat. Es sind nicht nur Obdachlose angewiesen auf kostenlose ärztliche Behandlung: „Es kommen immer mehr Menschen, die von Altersarmut betroffen sind und die Zuzahlungen nicht leisten können. Für sie ist die Suche nach Hilfe sehr schambesetzt.“ Die beiden im Verein „Armut und Gesundheit“ Aktiven betonen: „Es ist Unsinn, diese Menschen als sozial schwach zu bezeichnen. Sie sind im Gegenteil oft sogar sehr sozial mit anderen. Sie sind benachteiligt, nicht schwach!“