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Die Geschichte vom "verschenkten Kind"

Andreas Mohr aus Gillenfeld. TV-Foto: Alois Mayer
Andreas Mohr aus Gillenfeld. TV-Foto: Alois Mayer FOTO: (e_daun )
Gillenfeld. Der Gillenfelder Andreas Mohr, Jahrgang 1940, beschäftigt sich in seiner Freizeit mit der Aufarbeitung seiner Familiengeschichte, um diese seinen Kindern und Enkelkindern zu hinterlassen. Herausgekommen ist dabei auch ein kleines Werk, in dem Mohr von seinen Erlebnissen und Gefühlen als Kind, das bei Verwandten groß geworden ist, erzählt.

Gillenfeld. Liest man den Titel "Ein verschenktes Kind", stutzt man. Was mag das für ein Schicksal gewesen sein? Andreas Mohr winkt ab: "Es ist eine Geschichte, die vor einigen Jahrzehnten in der Eifel passieren konnte." Der 76 Jahre alte Gillenfelder muss häufig an seine Kindheit zurückdenken, die so gänzlich anders verlief als bei Kindern seiner Generation in anderen Familien.
Schweren Herzens abgegeben


"Meine Eltern verschenkten mich an eine kinderlose Familie", berichtet er. Und erklärt es genauer: "Ich wurde in Strohn als fünftes Kind geboren. In Gillenfeld lebte ein verheiratetes Ehepaar, mit meiner Mutter verwandt, das keine Kinder hatte. So wandte dieses sich an meine Mutter mit dem Argument ,Du hast ja noch vier Kinder, und wir haben keines. Überlass uns das Kind. Wir ziehen es groß als wäre es unser eigenes Kind. Nach unserem Tod soll es auch unser Erbe werden'."
Die Mutter weigerte sich lange, aber nach vielen Gesprächen, in die sich auch der Pfarrer einschaltete - und damals hatte sein Wort großes Gewicht -, war sie schweren Herzens bereit, ihr jüngstes Kind herzugeben. Seine Erlebnisse und Gefühle hat Andreas Mohr nun niedergeschrieben, seine Erinnerungen nennt er "Das verschenkte Kind - Kindheit und Jugend eines Bauernjungen". "Ich habe dies geschrieben, damit meine Kinder und Enkel, aber auch andere erfahren, dass es bis vor wenigen Jahrzehnten keine Seltenheit war, wenn ein Kind abgegeben wurde."
Die Kinder wurden ohne große schriftliche Formalitäten, ohne Einbeziehung einer Behörde oder des Jugendamts in die neue Familie gebracht. Eine Adoption gab es selten. Das Kind war rechtlich immer die Tochter oder der Sohn der leiblichen Eltern, die es übergeben hatten. Die ersten Jahre in der "neuen Gillenfelder Familie" mit den drei Tanten und zwei Onkeln waren für Mohr nicht einfach, denn mit seinen drei Jahren hatte er bereits enge Beziehungen zu seinen Eltern und Geschwistern aufgebaut. So war das Heimweh in den ersten Jahre sehr groß.
Je älter Andreas wurde, umso mehr gewöhnte er sich an seine Situation. In Gillenfeld war er bei seinen Schulkameraden voll integriert, und wenn er nach Strohn kam, wurde er von seinen Geschwistern und Eltern herzlich aufgenommen. Er konnte mittlerweile seine Situation genau erkennen: die leiblichen Eltern in Strohn, seine Familie aber in Gillenfeld. Zu diesen sagte er aber nie "Papa oder Mama", sondern nannte die "Ersatzeltern" nur "Pate" und "Tant Kätt".
So wie Andreas hatten andere verschenkte Kinder nicht immer einen guten Kontakt zu den Ersatzeltern aufgebaut. Oft war von harter Arbeit und körperlichen Strafen zu erfahren. Deutlich ist zu spüren, dass Andreas Mohr mit Blick auf seine Kindheit und Jugend froh ist, dass sein Schicksal heute in der Eifel keinem Kind mehr widerfährt. Und selbst in hohem Alter macht er seinen verstorbenen Eltern keine Vorwürfe. Er sagt: "Sie waren eben Kinder ihrer Zeit, die wohl keine andere Entscheidung treffen konnten. Dafür waren der familiäre und gesellschaftliche Druck einfach zu groß. Meine Mutter hatte wohl ihr Leben lang Schuldgefühle. Das spürte ich deutlich, wenn wir uns mal trafen. Vaters Gefühle kannte ich nicht. Er sprach einfach nie darüber, dass ich in der Gillenfelder Familie lebte. Wahrscheinlich sahen meine Eltern auch, dass es mir letztlich recht gut ging, denn Onkeln und Tanten kümmerten sich liebevoll um mich und meine Zukunft. Und selbst mein Ersatzvater, der sehr aufbrausend und jähzornig werden konnte, war mir gegenüber gutmütig, hilfsbereit und gerecht."
Mohr verbrachte sein gesamtes Leben in Gillenfeld, kümmerte sich um seine später pflegebedürftigen Onkeln und Tanten und erbte nach deren Tode deren Vermögen. Auf seinen Anspruch auf elterliches Vermögen in Strohn verzichtete er: "Es war mir bewusst, wirtschaftlich besser gestellt gewesen zu sein als meine zu Hause gebliebenen Geschwister." Bis heute denkt das "verschenkte Kind" mit Liebe und Dankbarkeit an seine leiblichen Eltern und seine Ersatzeltern. avi