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Gesundheit
Proteste gegen Schließung der Dauner Geburtshilfe: „Geht auf die Straße!“

Vor dem Krankenhaus in Daun haben vergangenen Freitag wieder zahlreiche Menschen gegen die Schließung der Geburtshilfestation protestiert.
Vor dem Krankenhaus in Daun haben vergangenen Freitag wieder zahlreiche Menschen gegen die Schließung der Geburtshilfestation protestiert. FOTO: TV / Angelika Koch
Daun/Münster/Worms. Die Proteste gegen das Aus der Geburtshilfe in Daun dauern an. Die Vorsitzende des Landes-Hebammenverbands unterstützt die Demonstranten, auch die Krankenhausleitung und die Provinzoberin beziehen Stellung. Von Angelika Koch

Erneut trafen sich zahlreiche Menschen aus der Vulkaneifel wieder zum Protest vor dem Krankenhaus Daun ein. Und ihnen gelang, was die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler nicht schaffte, nämlich Provinzoberin Schwester M. Christina Clemens von den Katharinenschwestern zu sprechen (der TV berichtete). Und auch für den den Trierischen Volksfreund nahm sich die Ordensfrau Zeit. Und sie zegte sich hörbar erschüttert: „Ich stamme selbst aus Daun und habe dort gelernt. Ich weiß, was die Schließung der Geburtshilfe in dieser Region für die Familien und Schwangeren bedeutet. Nichts tut mir mehr leid als diese Schließung!“ Aber das Einzige, was sie mit ihrer einen Stimme im entscheidenden Stiftungsrat tun könne, sei, die Problematik zur nächsten Sitzung in der kommenden Woche mit nach Berlin zu nehmen. Dennoch meinte sie: „Hoffnung machen, dass sich alles noch ändern ließe, kann ich jedoch nicht.“

Auch an Franz-Josef Jax und Günter Leyendecker, die vor Ort in Daun das Maria-Hilf-Krankenhaus leiten, gehen weder die Proteste noch deren Anlass spurlos vorbei. „Wir haben bis zum Schluss gekämpft. Aber wir haben die volle Verantwortung und können so nicht weitermachen!“, sagt Leyendecker. „Die Spielregeln für Geburtshilfen, etwa für die Haftungsrisiken, sind festgelegt. Und die können wir nicht mehr einhalten“, sagt Jax und fügt hinzu: „Es ist ein ‚doofes‘ System und man sollte es ändern. Aber bitte nicht zu Lasten unseres Krankenhauses.“

Er befürchtet, dass die Proteste auch andere Bereiche des Hospitals in Mitleidenschaft ziehen könnten. Derweil seien die akut betroffenen Schwangeren an umliegende Kliniken weiterverwiesen worden. „Alle werdenden Mütter sind versorgt.“

An werdende Mütter, Väter und auch an die Großeltern der künftigen Neugeborenen richtet unterdessen Ingrid Mollnar, erste Vorsitzende des rheinland-pfälzischen Hebammenverbandes, einen flammenden Appell: „Geht für die Geburtshilfen auf die Straße! Ihr habt ein Anrecht darauf, denn ihr zahlt Krankenkassenbeiträge!“

Sie sieht die Dauner Vorgänge als das Exempel einer generellen Fehlentwicklung, die dazu führt, dass derzeit im Land zwei bis drei Geburtsstationen pro Jahr dichtmachten. Auch die in Germersheim schließt zum Jahresende, wie nun bekannt wurde.

„Es geht nicht, dass einer der wichtigsten Gesundheitsbereiche, die es überhaupt gibt, runterökonomisiert wird bis aufs Minimum!“, sagt Mollnar. Schließlich sei jeder Mensch geboren worden und habe Geburtshilfe benötigt.

Die Expertin erläutert die Auswirkungen: „Auch außerklinische Geburtshilfe, also etwa eine Hausgeburt, ist ohne schnell erreichbares Krankenhaus mit entsprechender Abteilung nicht zu leisten, denn das Risiko ist für die Hebammen zu groß.“ Es entstehe eine sogenannte Interventionskaskade: Größere Entfernungen für die Gebärenden ergeben Stress, ergeben mehr Komplikationen, ergeben noch mehr medizinischen Bedarf. „Und der ist nicht zu decken, weil die verbleibenden Geburtsstationen die Mehrbelastung weder räumlich noch personell auffangen können.“ Das heize den Teufelskreis weiter an: „Es kommt zu immer mehr Berufsabbrüchen durch Überlastung, der Fachkräftemangel wird noch künstlich forciert. Da wir in der Geburtshilfe keinen verbindlichen Personalschlüssel haben, behilft man sich mit weniger Fachkräften.“

Am Ende, so Mollnar, führe die vom Gesetzgeber gewollte Konzentration auf größere Geburtsstationen im Gegenteil zu Qualitätsmängeln. Sie hofft, dass die zunehmenden Geburtshilfeschließungen einen Weckruf auslösen und so im Schulterschluss aller Betroffenen der Druck für Änderungen der Rahmenbedingungen steigt. „Daun ist ein sogenannter ‚sole provider‘, das heißt ein Anbieter ohne nahe Alternativen. Mollner: „Das macht klar, worum es geht.“

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